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Dienstag, 27. September 2022

Toch, Ernst - Kammermusik

So klingt das Mannheim der 1920er Jahre


Label/Verlag: Animato
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Kurze, unterhaltsame Stücke mit überraschenden Wendungen, voll von gefasster Emotionalität, sind auf der bei Animato erschienenen CD mit Werken Ernst Tochs aus der Mannheimer Zeit zu hören.

Der Wiener Ernst Toch (1887–1964) studierte zuerst – ganz nach Wunsch seines Vaters – Medizin, beschäftigte sich jedoch schon früh als Autodidakt mit Musik. Nach der Uraufführung seines Streichquartetts a-Moll op. 12 durch das legendäre Arnold-Rosé-Quartett gewann er 1909 überraschend den Mozartpreis der Stadt Frankfurt, der ihm ein Studium am dortigen Hoch¼schen Konservatorium ermöglichte. Er konnte sich fortan ausschließlich der Musik widmen. Als sein Klavierlehrer Willy Rehberg 1913 an die Hochschule in Mannheim berufen wurde, verschaffte dieser dem jungen Toch dort ebenfalls eine Stelle: als Kontrapunkt- und Kompositionslehrer. Nachdem er sich freiwillig zum Kriegsdienst in der österreichischen Armee gemeldet hatte, wurde er in Italien und später in Galizien stationiert. Als der Krieg vorbei war, kehrte er mit seiner Frau nach Mannheim zurück, wo er nach wie vor an der Hochschule unterrichtete. Zwischen 1923 und 1933 bot die Gesellschaft für neue Musik mit ihren Konzerten das maßgebliche Forum für Tochs Musik und seiner Zeitgenossen. 1929 schließlich ging er nach Berlin – zur Zeit seines größten Erfolgs als Komponist. Als Jude wurde es jedoch immer schwieriger für ihn, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, und er musste über Umwege in die USA emigrieren, wo er als Filmkomponist Fuß zu fassen versuchte. Immerhin komponierte er 80 Filmmusiken, wovon drei für den Oscar nominiert waren. Trotz später Anerkennung in den USA war Toch über den Verlauf seiner Karriere, die unter anderen politischen Entwicklungen in Europa ganz anders verlaufen wäre, enttäuscht. Er war überzeugt, dass er als der ‚meistvergessene Komponist des 20. Jahrhunderts‘ gelte. Toch starb 1964 in Santa Monica/Kalifornien. Die Stadt Mannheim benannte immerhin den Vortragssaal der Städtischen Musikschule nach ihm und ermöglichte ein Symposion zu seinem 100. Todestag im Jahr 2004, das u.a. zu der vorliegenden Veröffentlichung maßgeblich beigetragen hat.

Weg von spätromantischer Opulenz

Alle Werke auf vorliegender, bei Animto erschienen CD sind zwischen 1923 und 1929 entstanden, also in der Zeit, als Ernst Toch an der Mannheimer Hochschule unterrichtete. Mit den 'Drei Burlesken' für Klavier op. 31 (1923), virtuose Stücke, in denen er seine kompositorische Entwicklung weitertrieb, wandte er sich von der spätromantischen Opulenz ab, hin zu einer modernen, klaren Sprache. Toch bezeichnete seine Kompositionstechnik als ‚Klangbrechung‘, mit der er neue Zugänge zur Klaviermusik finden wollte. 'Der Jongleur', die dritte Miniatur, zählt zu den am häufigsten gespielten Werken Tochs. José Gallardo interpretiert die effektvollen Stücke mit großer Leichtigkeit, durch die sie erst ihre ganze Wirkung entfalten.

Technische Herausforderungen stellt mitunter die Sonate Nr. 2 für Violine und Klavier op. 44 (1928). Friedemann Eichhorn (Violine) und José Gallardo (Klavier) bewältigen diese ohne große Anstrengung und holen aus der expressiven, sehnsuchtsvollen Komposition alles heraus, was sie zu bieten hat. Die zweite Sonate auf dieser CD, jene für Violoncello und Klavier op. 50 (1929), widmete Toch dem berühmten Cellisten Emanuel Feuermann, der die Komposition auch zur Uraufführung brachte. Vor allem der zweite, recht dramatische Satz 'Intermezzo – Die Spinne' bietet Jonathan Flaksman ausreichend Möglichkeiten, seinem Cello eine große Bandbreite von Klangfarben zu entlocken. Der virtuose dritte Satz 'Allegro' zeigt, wie gut Flaksman und seine Pianistin Sang-Hee Park aufeinander eingehen: absolute Präzision!

Und auch der leicht ironische Unterton in Tochs Werken, der vor allem in den völlig unspektakulären, manchmal beinahe varietéhaften Schlüssen, wirksam wird, kommt voll zum Tragen. Das Divertimento für Violine und Violoncello op. 37/1 (1925) ist eines von zwei, für das Toch den Schott-Preis für Kammermusik im Jahr 1926 erhielt. Der Geiger Friedemann Eichhorn und die Cellistin Jelena Ocic legen in die drei kurzen Sätze viel Energie und tragen damit zu einem nachhaltigen Eindruck von Tochs Musik bei. Eine hervorragende Einspielung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Toch, Ernst: Kammermusik

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Animato
1
11.10.2013
Medium:
EAN:

CD
4012116611939


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