> > > Michaela Petri spielt: Chinesische Blockflötenkonzerte von Tang Jianping, Bright Sheng u.a
Dienstag, 20. Oktober 2020

Michaela Petri spielt - Chinesische Blockflötenkonzerte von Tang Jianping, Bright Sheng u.a

Die Blockflöte als Brücke zwischen Ost und West


Label/Verlag: Our Recordings
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Vier chinesische Blockflötenkonzerte zeitgenössischer KomponistInnen, die hierzulande wohl als unbekannt gelten müssen. Von Michala Petri ('East Meets West') und dem dänischen NSO unter Lan Shui absolut überzeugend dargeboten und aufgenommen.

Chinesische Klassik-Interpreten sind im westlichen Konzertbetrieb zur Selbstverständlichkeit geworden. Über KomponistInnen aus dem Reich der Mitte weiß man hierzulande aber kaum Bescheid; Tan Dun kennt man vielleicht noch, dann hört es aber allzu rasch auf. Die dänische Blockflötistin Michala Petri steht für das Projekt ‚Dialogue – East Meets West’. Ihre neueste Platte, die im eigenen Label OUR Recordings erschienen ist, setzt dieses Programm wirkungsvoll um, präsentiert sie doch vier Blockflötenkonzerte chinesischer KomponistInnen, gespielt vom Kopenhagener Philharmonischen Orchester unter der Leitung seines Chefdirigenten, des Chinesen Lan Shui.

Titel und Aufmachung

‚Chinese Recorder Concertos’ – vom Titel der Platte sollte man sich nicht irreführen lassen. Denn faktisch handelt es sich nur bei einem Werk um ein originäres Blockflötenkonzert; eines ist ursprünglich für die westliche Querflöte gedacht, die verbleibenden beiden für Bauformen der chinesischen Bambusflöte ‚dizi’. Auch statt des westlichen Orchesters wird zum Teil ein asiatisches Instrumentalensemble verlangt. Die Blockflöte eignet sich jedoch bestens, den Charakter der chinesischen Flöte zu imitieren und somit eine Brücke zwischen West und Ost zu schlagen; die Stücke wurden – sofern nötig – in enger Zusammenarbeit mit den Komponisten umgeschrieben. Die Aufmachung der Produktion ist dabei imposant. Das Booklet bietet reichlich Text in englischer und chinesischer (!) Sprache; nach einer allgemeinen Einführung wird jedem Komponisten ein kleines Porträt, abgerundet durch ein farbig wiedergegebenes Porträtfoto, gewidmet. Es handelt sich bei den vier Tonsetzern um Tang Jianping (geb. 1955), Bright Sheng (geb. 1955), den in Taiwan geborenen und lebenden Ma Shui-long (geb. 1939) sowie die Komponistin Chen Yi (geb. 1953). Bright Sheng, der eigentlich Sheng Zongliang heißt, und Chen Yi leben und lehren mittlerweile in den USA.

Verschiedene Stile

Zwar weisen alle vier Konzerte einen mehr oder weniger engen Bezug zur Musik der fernöstlichen Heimat auf, zeigen jedoch auch eine persönliche Handschrift. Die beiden Konzerte der in der Heimat wirkenden Komponisten Tang Jianping ('Fei Ge') und Ma Shui-long ('Bamboo Flute Concerto') wurden ursprünglich für die chinesische Bambusflöte konzipiert. Die beiden Konzerte verschmähen den satten Orchestersound nicht und könnten in ihren opulenten Orchesterfarben problemlos für Filmmusik gehalten werden. Dem blühenden Orchesterklang sind dann in regelmäßigen Abständen kadenzartige Passagen für die Soloflöte gegenübergestellt. Dass Bright Sheng und Chen Yi im Ausland wirken, will man der Musik gern anhören. Bright Shengs Musik lässt deutlich die Auseinandersetzung mit Strawinsky spüren; gerade der erste Satz von 'Flute Moon', in dem das chinesische Fabeltier Chi Lin musikalisch geschildert wird, macht das in seiner motorischen Bewegungsenergie und prägnanten Rhythmik deutlich. Viel transparenter und filigraner sind die Klänge, welche die Komponistin Chen Yi bemüht, um in drei Sätzen 'The Ancient Chinese Beauty' zu schildern, darunter die berühmten Tonfiguren und Totemgeister. Dieses Werk wurde eigens für Michala Petri komponiert und ist auch dasjenige, das von Beginn an ein echtes Blockflötenkonzert war.

Hervorragend in Sachen Interpretation und Klang

Michala Petri und Lan Shui haben mit dem Danish National Symphony Orchestra bereits in der Produktion ‚Movements’ mit drei hochinteressanten zeitgenössischen Blockflötenkonzerten Imposantes geleistet. Das setzt sich hier nun glücklicherweise fort. Die traumwandlerisch sicher agierende Michala Petri macht beste Werbung für ihr Instrument, dem immer noch der Ruf des billigen Einsteigerinstruments für Jedermann anhaftet. Auf modernen westlichen Blockflöten gelingt es ihr mühelos, einen ‚fernöstlichen’ Flötenklang (sofern es so etwas gibt) zu evozieren. Das hochmotiviert aufspielende Orchester ist ein idealer Partner; die Musiker scheinen mit dieser unbekannten Musik bestens vertraut zu sein, so natürlich und überzeugend klingt hier alles – vielleicht steht mit Lan Shui hier auch einfach der Richtige am Pult, die Klangvorstellungen der Komponisten zu vermitteln. Ein Leistungsabfall gegenüber dem ungleich bekannteren und ebenfalls in Kopenhagen ansässigen Dänischen Rundfunkorchester lässt sich nicht ausmachen. Durch die hervorragende Klangtechnik der auf Mehrkanal-SACD ausgelieferten Aufnahme, die im April 2010 in Kopenhagen entstanden ist, entsteht auch im Wohnzimmer ein plastischer und authentischer Klangeindruck.

Versuch eines Fazits

Es ist nicht leicht, ein abschließendes Urteil über den Repertoirewert zu fällen. Wer der Blockflöte ablehnend gegenübersteht, generelle Berührungsängste zu Neuer Musik (selbst wenn sie nicht ‚neu‘ klingt) hat oder mit Vorurteilen bzw. Bedenken in Sachen China belastet ist, wird um diese Platte sicher einen Bogen machen. Aber er verpasst etwas, das sich aufgeschlossenere Zeitgenossen nicht entgehen lassen sollten. Spannend wäre es, die beiden Konzerte für Bambusflöte einmal im Original zu hören.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Michaela Petri spielt: Chinesische Blockflötenkonzerte von Tang Jianping, Bright Sheng u.a

Label:
Anzahl Medien:
Our Recordings
1
Medium:
EAN:

CD
747313160365


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Our Recordings

After 30 years, and more than 70 international releases with companies like Philips/Polygram, RCA/BMG, and EMI, the Danish classical artists, recorder player Michala Petri and guitarist/lute player Lars Hannibal decided in late 2006 to launch their own recording label, OUR Recordings!

As the name suggests, their releases will be recordings where either Michala Petri or Lars Hannibal or both are involved. The idea is to have the full artistic and creative freedom and responsibility to record what they feel is necessary and consistent with their desire to explore new challenges. The label releases on average, three new albums every year.

To date, OUR Recordings has released 28 critically acclaimed recordings, and has earned international recognition, including the ECHO KLASSIK Award (Germany), four Grammy Nominations (US) a Gramophone Award nomination (UK), Diapason D´OR de l´année (France) and Danish Music Award nominations.

Several ambitious cycles have already captivated collectors and critics alike, including the "East Meets West" series and Michala Petri's ongoing campaign to expand her instrument's modern concerto literature with Recorder Concertos from different countries.

OUR Recordings enjoys global distribution with NAXOS.


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