> > > Mozart, Wolfgang Amadeus: Cosi fan tutte
Freitag, 25. September 2020

Mozart, Wolfgang Amadeus - Cosi fan tutte

Langeweile im Loft


Label/Verlag: EuroArts
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Claus Guths Salzburger 'Così-fan-tutte'-Inszenierung von 2009 ist bereits jetzt überholt: Die diesjährigen Festspiele versprechen eine Revision, die an Neuinszenierung grenzt. So wird die etwas voreilige Euroarts-DVD zu einem Dokument des Scheiterns.

Die Party ist schon ganz am Anfang vorbei. Leere Flaschen, schwankende Gastgeber, charakterlose Apartment-Architektur. Die Schickeria steht kurz vor dem Kater, Don Alfonso hat leichtes Spiel – und wäre es ihm nicht so abgründig ernst mit seiner Wette um die Treue der Frauen, könnte sie hier auch einfach als Schnapsidee durchgehen. Im Salzburger ‚Haus für Mozart‘ rührt sich indes lange keine Hand. Fühlt man sich etwa ertappt? Es könnte jedenfalls schlechter losgehen in Claus Guths 'Così fan tutte' von 2009, dem inzwischen auf DVD erschienenen Abschluss seines Salzburger Mozart-Da-Ponte-Triptychons. Es könnte aber auch besser weitergehen.

In der Bildersprache findet man sich schnell zurecht, die Mittel sind aus den Inszenierungen der Vorjahre vertraut: magisch durchkreuzter Realismus, obligate Treppe, szenischer Freeze, die Figaro-Federn, später gar der Don-Giovanni-Wald. Selbst wenn man mit letzterem, wie kolportiert wird, vor allem sparen wollte (immerhin ein halbes Bühnenbild, und im Zyklus auch gleich einen halben Umbau), bleibt der Einbruch des Naturhaften in die Loft-Langeweile doch einer der stärkeren Regieeinfälle. Und wieder spielt der Eros den Akteuren übel mit; nur muss der Gefühlszirkusdirektor hier nicht einmal hinzuerfunden werden: Die Gegenfigur zum Cherubim aus Claus Guths 'Figaro'-Interpretation steht in 'Così fan tutte' als Don Alfonso schon im Buche.

Was am Reißbrett sauber konstruiert aussieht, geht auf der Bühne dann aber doch gar nicht auf. Eine Weile lang nimmt man Despinas Clownerien und Alfonsos Zaubertricks noch amüsiert zur Kenntnis (virtuos ausflippend: Patricia Petibon; smart und fies: Bo Skovhus). Über die ziemlich langen Durststrecken des zweiten Akts trösten sie aber nicht hinweg, zumal dann doch alles so beliebig läuft wie immer: Wann wer von wem erkannt oder nicht erkannt wird, und wie der gefallene Engel Alfonso (Teufel, Dandy, Schamane?) in diese Seifenoper geraten ist – schwer zu sagen, oder, im Regisseursjargon: Es erzählt sich nicht. Am Ende gibt es mal wieder nur Verlierer. Aber was wurde eigentlich gespielt?

Keine Experimente derweil im Graben. Adam Fischer und die Wiener Philharmoniker spulen ihren Mozart so überraschungsfrei ab, als hätten Jahrzehnte entromantisierender Aufführungspraxis niemals stattgefunden. Eine akzeptable Studienaufnahme könnte das schon noch abgeben, wäre da nicht das Sängerensemble. An darstellerischer Potenz mangelt es ihnen nicht, im Gegenteil: Meist agieren sie deutlich differenzierter, als sie singen. Unter den Paaren beweist aber nur Florian Boesch Festspielniveau: eine Stimmgebung von bewundernswert natürlicher Wirkung, Nuancenreichtum, Risikobereitschaft – kein Wunder, dass Dorabella (weitgehend unauffällig: Isabel Leonard) diesem Guglielmo schnell verfällt. Topi Lehtipuu scheint sich mit der Tessitura seines Ferrando erst nach einer Einsingphase von anderthalb Akten anfreunden zu können; ein einsames Glanzlicht der Ausdruckskunst vermag Miah Persson (Fiordiligi) mit ihrem sehr langsamen 'Per pietà' zu setzen. In den Ensembles tendieren fast alle zum Forcieren, wohl auch aus Notwehr gegen das Orchester – die merklich frisierte Balance der DVD lässt das aber nur erahnen.

Für die Wiederaufnahme im Zyklus 2011 ist eine so gründliche Revision dieser 'Così' angekündigt, dass sogar das Wort ‚Neuinszenierung‘ fällt. Bis auf Bo Skovhus wird dann komplett umbesetzt. Als Dokument des Scheiterns bleibt die vorliegende 'Così'-DVD; Claus Guths Rede von der ‚Trilogie der Ent-Täuschungen‘ hat hier ihre ziemlich banale Berechtigung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Regie:





Kritik von Christian Schaper,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mozart, Wolfgang Amadeus: Cosi fan tutte

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
EuroArts
2
25.07.2010
Medium:
EAN:

DVD
880242725387


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EuroArts

EuroArts Music International ist im Bereich audio-visueller Klassikproduktionen eine der weltweit führenden Produktions- und Distributionsfirmen. Das 1979 gegründete Unternehmen produziert jährlich 10-15 hochwertige Klassik-Programme – darunter Konzertaufzeichnungen in aller Welt sowie aufwändige Dokumentationen.

Renommierte, preisgekrönte Programme und Events haben EuroArts Music zu einem exzellenten internationalen Ruf verholfen. Eine intensive und langjährige Partnerschaft verbindet EuroArts Music mit führenden Klangkörpern wie den Berliner Philharmonikern, dem Mariinsky Theater Orchester, dem Lucerne Festival Orchestra, der Staatskapelle Berlin, dem Gewandhausorchester Leipzig und vielen anderen.

Die alljährlichen Aufzeichnungen des EUROPAKONZERTs, des Waldbühnen- und Silvester-Konzerts der Berliner Philharmoniker sind erfolgreiche und weltweit etablierte Musikprojekte von EuroArts Music. Im August 2005 produzierte und übertrug EuroArts Music live das weltweit beachtete Ramallah-Konzert des West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim. Im Januar 2006 produzierte EuroArts Music die erste Klassik-Live-Übertragung von Peking nach Europa (u.a. mit Lang Lang). Die weltweit einmaligen Musik-TV-Formate 24hoursBach und 24hoursMozart wurden zu zwei international erfolgreichen Musikevents dieses Unternehmens.

In 2012 wurde ein kompletter Prokofiev-Zyklus mit sämtlichen Sinfonien und Klavierkonzerten aufgezeichnet.

Seit vielen Jahren verbindet EuroArts Music eine enge Zusammenarbeit mit herausragenden Künstlern wie Daniel Barenboim, Sir Simon Rattle, Valery Gergiev, Claudio Abbado, Martha Argerich, Yuja Wang und András Schiff sowie renommierten Regisseuren Bruno Monsaingeon, Frank Scheffer und Peter Rosen. Das Ergebnis sind Gesamtaufnahmen wie „The Beethoven Symphonies“ (Abbado/Berliner Philharmoniker) und preisgekrönte Dokumentationen wie Claudio Abbado – Hearing the Silence“ oder „Multiple Identities – Encounters with Daniel Barenboim“. 2006 wurde die EuroArts Music Produktion „Knowledge is the Beginning“ mit dem International Emmy Award (Arts Programming) ausgezeichnet. Der Dokumentarfilm wurde 2007 mit weiteren Preisen geehrt, darunter der FIPA D'OR Grand Prize 2007 (Kategorie „Performing Arts”) sowie als „Best Arts Documentary„ bei dem renommierten 2007 Banff World Television Festival.

Innovation und Qualität bildeten von Anfang an die Grundpfeiler der Firma. Zahlreiche internationale Auszeichnungen bestätigen dies, darunter:

Oscar® für die Koproduktion von „Journey of Hope”

Grammy Award für „Kurt Weill’s: Rise and Fall of the City of Mahagonny”

Emmy Award und ECHO Klassik für „Knowledge is the Beginning”

2 weitere ECHOs für „A Surprise in Texas” (ECHO Klassik) und

„Django Reinhardt- Three-fingered Lighnting” (ECHO Jazz)

Peabody Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

National Education Award (USA) für „Sir Peter Ustinov: Celebrating Haydn”

 

Sowie folgende Nominierungen:

 

Emmy Award für „Robbie Robertson”

Rocky und Grammy Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

 

Der Katalog von EuroArts Music umfasst rund 1.800 Musikprogramme, darunter gehören neben EuroArts Eigenproduktionen auch Programme von zahlreichen unabhängigen Produktionsfirmen.
Das in Berlin ansässige Unternehmen vertreibt seine Programme weltweit selbst. EuroArts Music gehört auch im Vertrieb von audio-visuellen Musikproduktionen (TV und DVD/Blu-ray) zu den weltweit führenden Distributoren.

Viele eigene Produktionen werden weltweit auf dem eigenen Label EuroArts als DVD und Blu-ray, sowie als digitales Produkt vermarktet.

Seit 2016 werden die physischen Produkte durch Warner Music vertrieben.


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