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Sonntag, 14. August 2022

Antonio de Cabezón - La tecla de l´alma

Noch ein Jubiläum


Label/Verlag: Arcana
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine sehr kundige und anregende Interpretation gewichtiger Musik: Paola Erdas mit Cembalo-Werken des Spaniers Antonio de Cabezón.

Einige wenige Jubiläen überragen in diesem Jahr andere: Besonders üppig wurde Schumanns, Chopins und Mahlers gedacht, natürlich zu Recht. Doch blühen – wie so oft – im Schatten Blumen von ganz eigenem Reiz. Und so ist es bisher nicht weiter aufgefallen, dass Antonio de Cabezón vor genau fünfhundert Jahren geboren wurde. Jener überragende Instrumentalkünstler, der heute im Repertoire etlicher auf die Musik der Renaissance spezialisierter Formationen durchaus eine erkennbare Rolle spielt, wird auf einer bei Arcana erschienenen Platte nun angemessen gewürdigt. Darauf spielt die italienische Cembalistin und profunde Kennerin des Repertoires Paola Erdas etliche der charakteristischen Tientos und Diferencias, die Cabezón auf so unvergleichliche Weise zu setzen und zu beleben verstand.

Antonio de Cabezón diente seit seinem sechzehnten Lebensjahr dem habsburgischen Hof Karls V., avancierte zu einem geachteten und sehr einflussreichen Musiker, wurde schließlich von Karls Sohn Philip in Dienst genommen und erwarb sich bei diesem, der später als Philip II. eine der markantesten Herrscherpersönlichkeiten der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts werden sollte, eine ausgesprochene Vertrauensstellung – nicht nur als Musiker, sondern als steter Begleiter auf etlichen umfangreichen Reisen, als Teil der persönlichen Umgebung des Königs. Durch diese Konstellation war Cabezón im Zentrum einer außergewöhnlichen Dichte musikalischer Kompetenz, gehörten doch so illustre Namen wie Nicolas Gombert, Thomas Crecquillon, Jean Mouton oder Jacobus Clemens non Papa für kürzere oder längere Zeit zu den prägenden Gestalten der höfischen Musik. Auch die englische Musiktradition war ihm nicht zuletzt durch den zehnmonatigen Aufenthalt am englischen Hof vertraut, den Philip und sein Gefolge anlässlich seiner Hochzeit mit Maria Tudor verbrachten. Hochgeehrt starb Cabezón 1566, bis zuletzt in Diensten Philips stehend.

Vielschichtige Musik

Die Musik Antonio de Cabezóns ist komplex und strukturell gewichtig. Dabei sprühen oft nicht auf den ersten Blick geniale Funken, wird aber eine erstaunliche, durchaus auch klangsinnliche Tiefe erreicht. Den satztechnischen Feinheiten sinnt Cabezón mehr nach, als dass er im Übermaß immer wieder neue Reize produzierte. In kreativer Wechselwirkung mit den überragenden Vokalkomponisten und ‚Polyphonikern‘ seiner Umgebung konturierte Cabezón spürbar eine eigenständige instrumentale Idiomatik, ohne die Verbindung zur Sphäre des Vokalen ganz zu kappen. Bevorzugtes Mittel sind die ‚Tiento’ genannten freien Kompositionen oder die mit ‚Diferencia’ betitelten feinsinnigen Variationssätze verschiedenster Ausprägung.

Sehr kundig

Paola Erdas hat die 1578 von Cabezóns Sohn Hernando in Druck gegebenen Kompositionen der 'Obras de música para Tecla, Arpa y Vihuela', die einen wesentlichen Teil des Programms der vorliegenden Platte ausmachen, zum Cabezón-Jubiläum in einer kritischen Ausgabe herausgebracht. Und man hört, dass sie die Stücke sehr intim, gewissermaßen analytisch genau kennt: Ihr Spiel ist kontrolliert, zugleich expressiv, Verzierungen werden sparsam eingesetzt, Strukturen plastisch herausgearbeitet. Aus Erdas’ Ansatz spricht ein ausgeprägter Sinn für die Architektur der Sätze, die in großer interpretatorischer Geduld ausgebreitet werden. Doch das ist nur die eine Seite der Interpretation: Zugleich ist Paola Erdas eine eminente Technikerin, auch mit einer Begabung zur Rasanz gesegnet – etwa in dichter gearbeiteten Variationssätzen oder in einem als vergleichende Referenz in das Programm aufgenommen Satz von Jan Pieterszoon Sweelinck zu hören. Das erklingende Instrument ist der von Andreas Kilström 2003 umgesetzte Nachbau eines Cembalos von Jean Couchet aus dem Jahr 1652 – also ziemlich genau einhundert Jahre jünger als Cabezóns Musik. Aber mit seiner harmonischen, sonoren Klanglichkeit ist es doch dazu angetan, die durchsichtige Textur der Musik ebenso delikat wie plastisch abzubilden. Das Klangbild der Einspielung ist konsequenterweise sehr klar und durchsichtig, überzeugt durch einen runden Gesamteindruck. Es ist sehr geeignet, sowohl Cabezón als auch das klangschöne Instrument passend abzubilden.

Als Idee überzeugend ist die Überlegung, einige der vokalen Inspirationsquellen für das instrumentale Schaffen Cabezóns auch gesanglich vorzustellen: Allein die nachlässige Intonation der Sopranistin Lia Serafini und deren Neigung, etliche Töne in scheinbarer Steigerung der stimmlichen Expressivität anzuschleifen, macht dieser ergänzenden Farbe trotz einer sehr schön timbrierten Stimme das Leben schwer. In der Summe der Befunde ist aber Erfreuliches zu berichten: Die Interpretation ist hörenswert, sie arbeitet den kompositorischen Kern sehr plastisch und mit großer gestalterischer Geduld heraus, sie zielt nicht auf vordergründige Wirkungen und entfaltet doch ein fein dosiertes Temperament. Paola Erdas zeigt sich absolut kompetent und stilsicher. Neben all den anderen Jubilaren des Jahres sollte man sich auch diese gute Stunde mit Antonio de Cabezón gönnen – es lohnt sich.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Antonio de Cabezón: La tecla de l´alma

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arcana
1
01.07.2010
Medium:
EAN:

CD
8033891690366


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Arcana

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