> > > Baroque in Hanover. Ensemble alla polacca spielt: Werke von Händel, Babell, Strungk u.a
Donnerstag, 29. September 2022

Baroque in Hanover. Ensemble alla polacca spielt - Werke von Händel, Babell, Strungk u.a

Neben Händel


Label/Verlag: ARS Produktion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das junge Ensemble Alla polacca mit einer interpretatorisch wiederum sehr gelungenen Platte: Barockes vom Kurfürstenhof in Hannover.

Nach einer verschiedenen polnischen Barockkomponisten gewidmeten Platte wendet sich das junge polnische Ensemble Alla polacca in seiner zweiten Veröffentlichung einem anderen, dem Ohr des deutschen Hörers sicher vertrauteren Feld zu – dem kurfürstlichen Hof in Hannover, der spätestens seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zu einem musikalischen Zentrum von einigem Gewicht geworden war. Zuallererst denkt man natürlich an Georg Friedrich Händel, der durch seine kurze, von Reisen unterbrochene Zeit beim hannoverschen Kurfürsten ab 1710 als ‚echter’ Hannoveraner gewertet und mit seinen Werken entsprechend umfassend berücksichtigt wird. Das ist angesichts der Substanz der Händelschen Kompositionen auf den ersten Blick natürlich gerechtfertigt. Doch können die anderen Beiträger so durchaus nicht gleichgewichtig an die Seite Händels gestellt werden: Eine in ihrer lebenspraktischen Vielseitigkeit dennoch ungemein interessante und beeindruckende Persönlichkeit ist dabei Agostino Steffani (1654-1728). Steffani führte ein Leben von wahrhaft europäischen Dimensionen, mindestens ebenso als Politiker und Diplomat wie als Komponist ausgewiesen. Zu hören sind hier zwei dramatische Duette, die sich durchaus als Beispiele für Stil und Anspruch der Zeit zeigen, ohne allerdings in der zugegeben überschaubar dimensionierten Form echte technische oder ästhetische Reizpunkte setzen zu können. Der vielseitige Nicolaus Adam Strungk (1640-1728) wird mit vier Liedern präsentiert, die sich geistvoll tändelnd als zeittypische Schmuckstücke erweisen. Ergänzt werden die Lieder Strungks durch ein schlichtes Capriccio für solistische Orgel.

Der Franzose Charles Babell (ca.1636-1716) ist mir einer knappen Suite für solistisches Cembalo vertreten, durchaus nicht ohne Charme, aber in der wenig entschiedenen Ausprägung der Satzcharaktere eher reduziert und hölzern wirkend – und das, auch ohne Händels grandiose, vielschichtige Cembalo-Werke im Hinterkopf als Vergleich heranziehen zu müssen. Von Antonio Sartorio (1630-1680), Opernkomponist und zwischen 1666 und 1675 als Kapellmeister in Hannover tätig, kommt ein sehr kurzer, kaum zwei Minuten dauernder, als Kantate bezeichneter Satz aus der Kasseler Universitätsbibliothek zu Gehör, der das kompositorische, musikdramatische Können des Italieners immerhin andeutet. Schließlich wurde eine Sonate von Georg Philipp Telemann in das Programm aufgenommen – norddeutsche Landsmannschaft und Telemanns Polen-Affinität haben offenbar zu dieser Entscheidung geführt, die die Platte zwar substanziell bereichert, programmatisch aber alles andere als zwingend wirkt.

Sehr gelungene Interpretation

Das Ensemble ‚alla polacca’ hat sich mit seiner ersten Platte interpretatorisch in vielversprechender Verfassung gezeigt – an dieses Niveau können die drei jungen Musiker zusammen mit ihren beiden Gästen mit ihrer neuen Veröffentlichung nahtlos anschließen. Iwona Le[niowska-Lubowicz zeigt in den Händelkantaten ihren feinen, beweglichen, in den Lagen sehr homogenen und zu feinem Parlando befähigten Sopran, führt ihn mit dem charaktervollen Altus Franz Vitzthums zu schöner Duettkunst und scheint keinerlei Mühen zu kennen, etwa in der bewegten Schlussarie der Kantate HWV 163 'Solitudini care, amata libertà' oder dem ebenfalls rasanten Schlussduett von HWV 187 'Tanti strali al sen mi scocchi' zu hören. Vitzthum erweist sich in den Liedern Nicolas Adam Strungks als einfühlsamer Deuter, mit der Fähigkeit zur harmonisch ausgebauten Linie, aber auch zur pralleren Klangentfaltung begabt. Das harmonisch-perkussive Rückgrat der Formation bilden der Lautenist und Gitarrist StanisBaw Gojny und die Cembalistin und Organistin Paulina Kilarska: Sie breiten einen diskret und sicher etablierten Begleitklang aus, artikulieren frisch und belebt, damit die Interpretationen der Werke Steffanis oder Strungks mit wichtigen Impulsen versehend. Zusammen mit dem Gambisten Petr Wagner bilden sie eine klanglich delikate, interpretatorisch zugleich entschiedene instrumentale Sphäre. Wagner präsentiert sich zudem in der Telemann-Sonate als kundiger Stilist.

Klanglich bleiben bei dieser Platte des Labels Ars Produktion kaum Wünsche offen: Das entstehende Bild ist plastisch, sehr gut ausgeleuchtet, bei aller strukturellen Klarheit nie hart oder kalt – kammermusikalische Qualitäten kommen so sehr schön zur Geltung. Wenn etwas zu wünschen bliebe, dann eine vielleicht noch konsequenter auf die kleineren Meister hin orientierte und insgesamt etwas systematischer angelegte Gestaltung des Programms. Natürlich muss Händel nicht verschwiegen werden, aber ob man der programmatischen Balance angesichts seiner kompositorischen Ausnahmestellung unter den vertretenen Künstlern wirklich Gutes tut, ist doch fraglich. Also: Ein delikat interpretiertes, klanglich überzeugend abgebildetes Programm, mit Blick auf das Repertoire ohne das ganz große Risiko und die letzte Zuspitzung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Baroque in Hanover. Ensemble alla polacca spielt: Werke von Händel, Babell, Strungk u.a

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ARS Produktion
1
01.09.2010
Medium:
EAN:

SACD
4260052380765


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Babell, Charles
 - ´8me Suite en c - Moll´ für Cembalo solo - Allemande
 - ´8me Suite en c - Moll´ für Cembalo solo - Courante
 - ´8me Suite en c - Moll´ für Cembalo solo - Sarabande
 - ´8me Suite en c - Moll´ für Cembalo solo - Maniere de Sarabande
 - ´8me Suite en c - Moll´ für Cembalo solo - Gigue
Händel, Georg Friedrich
 - Duetto IX ´Conservate, raddopiate´ HWV 185 für Sopran, Alt und B.c -
 - Kantate ´Solitudini care, amata liberta´ HWV 163 - Recitativo
 - Kantate ´Solitudini care, amata liberta´ HWV 163 - Aria
 - Kantate ´Solitudini care, amata liberta´ HWV 163 - Recitativo
 - Kantate ´Solitudini care, amata liberta´ HWV 163 - Aria
 - Duetto X ´Tanti strali al sen mi scocchi´ HWV 187 - ´Tanti strali al sen mi scocchi´
 - Duetto X ´Tanti strali al sen mi scocchi´ HWV 187 - Ma se l´alma sempre geme
 - Duetto X ´Tanti strali al sen mi scocchi´ HWV 187 - Dunque annoda pur, ben mio
Sartorio, Antonio
 - Kantate ´E tiranna la speranza´ für Sopran und B.c -
Steffani, Agostino
 - Duetto ´Vuo il Ciel ch´io sia legato´ für Sopran, Alt und B.c -
 - Duetto ´O care catene ch´il piede stringete´ -
Strungk, Nicolaus Adam
 - Lieder aus ´Leucoleons Galamelite´ für Alt und B.c - Es scheuet sich nicht das Kammermägden Myrtalen zu lieben
 - Lieder aus ´Leucoleons Galamelite´ für Alt und B.c - Das Bildnis seiner Verstorbenen kompt ihm im Traum wieder vor
 - ´Capricio della chieva A´ für Orgel solo -
 - Lieder aus ´Leucoleons Galamelite´ für Alt und B.c - Er wiederraäth der Rhodinis das Closter-Leben
 - Lieder aus ´Leucoleons Galamelite´ für Alt und B.c - Nacht-Lied
Telemann, Georg Philipp
 - Sonata e - Moll für Viola da gamba und B.c - Cantabile
 - Sonata e - Moll für Viola da gamba und B.c - Allegro
 - Sonata e - Moll für Viola da gamba und B.c - Recitativo
 - Sonata e - Moll für Viola da gamba und B.c - Arioso
 - Sonata e - Moll für Viola da gamba und B.c - Vivace


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ARS Produktion

Das exquisite Klassiklabel ARS Produktion wurde 1987 von Annette Schumacher mit dem Ziel gegründet, jungen, aufstrebenden Künstlern und interessanten Programmen gleichermaßen eine individuelle musikalische Heimat und entsprechende Marktchancen, u.a. durch internationalen Vertrieb und Vermarktung zu geben. Die bei Paul Meisen ausgebildete Konzertflötistin hat sich damit nach langer aktiver Musikerlaufbahn einen geschäftlichen Traum erfüllt.
Für die hervorragende Aufnahmequalität der zahlreichen ARS Produktionen ist Manfred Schumacher, Tonmeister und Aufnahmeleiter, verantwortlich.
Spezifisch für das Label und die Haltung seiner Macher/in: stets wird u.a. den klanglichen Erfordernissen der jeweiligen Werke, Musikepochen und Instrumente in größtmöglicher Weise Rechnung getragen sowie im Übrigen die neueste, beste Technik eingesetzt.
Annette und Manfred Schumacher sind ?Überzeugungstäter?. Zwei Individualisten, die Kunst, Kommerz und Können geschickt vereinbaren.
?Die SACD - Super Audio CD kombiniert die Präzision der digitalen Reproduktion mit der Wärme des analogen Klanges. Das hat uns überzeugt.?


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