> > > Rheinberger, Josef Gabriel: ´Cantus Missae´, Messe in Es - Dur op. 109
Sonntag, 22. September 2019

Rheinberger, Josef Gabriel - ´Cantus Missae´, Messe in Es - Dur op. 109

Romantische Achtstimmigkeit aus Freiburg


Label/Verlag: ARS MUSICI
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Winfried Toll legt mit der Camerata Vocale Freiburg zwei große, achtstimmige Messen von Rheinberger und Bruckner vor. Das Ergebnis kann sich durchaus hören lassen. Aber es gibt Alternativen.

Zwei große Messen von Anton Bruckner und Josef Gabriel Rheinberger auf einer CD – das klingt nach Kontrast, denn kompositorisch haben die beiden Spätromantiker nur wenige Gemeinsamkeiten. Dennoch finden sich zwischen Bruckners e-Moll-Messe (komponiert 1866) und der Es-Dur-Messe (bekannt auch unter dem Titel 'Cantus Missae', komponiert 1878) von Rheinberger einige Parallelen: In beiden Fällen handelt es sich um relativ groß angelegte, achtstimmige Chormesse, beide komponiert mit deutlich hörbaren Rückgriffen auf ältere Stile, insbesondere auf die Vokalpolyphonie der Renaissance. Von daher kann auch verstanden werden, dass in beiden Kompositionen keine Vokalsolisten besetzt sind, es sich jedoch in der Tradition des 15. Jahrhunderts um reine Vokalmessen handelt. Doch auch neben diesen Gemeinsamkeiten überwiegen die Unterschiede, die beide Kompositionen prägen. Der offensichtlichste Unterschied: Bruckner verzichtet im Gegensatz zu seinen beiden anderen großen Messen, die später auch als ‚Kirchen-Sinfonien‘ charakterisiert wurden, auf ein großes Orchester und besetzt neben dem achtstimmigen Chor ein Ensemble von Holz- und Blechbläsern. Überhaupt ist sein Werk im Vergleich zu 'Cantus Missae' wesentlich größer angelegt, was sich auch im Blick auf die Spielzeit der Messen bestätigt; auf dieser Aufnahme dauert die Messe von Bruckner mit guten vierzig Minuten beinahe doppelt so lange wie die vorangegangene dreiundzwanzigminütige Messe Rheinbergers. Dennoch gehört Rheinbergers 'Cantus Missae' nicht nur unter seinen vierzehn Messkompositionen zu seinem seiner größten, sondern darüber hinaus auch in seinem gesamten Œuvre ohne Zweifel zu einem seiner populärsten Werke. Im Gegensatz zu Bruckners Werk ist Rheinbergers Messe jedoch nicht achtstimmig im eigentlichen Sinne, sondern doppelchörig angelegt. Darüber hinaus zeichnet sich auch 'Cantus Missae' durch solche Merkmale aus, die viele von Rheinbergers Vokalwerke prägen: eine stets eingängige und gesangliche, von der Gregorianik herrührende, teils liedhafte Melodik kombiniert mit allen kompositorischen Errungenschaften der Spätromantik, von harmonischen Rückungen über Chromatik bis hin zu frei eintretenden Dissonanzen. Das Ganze erinnert in einem Kontext der Vokalpolyphonie des 16. Jahrhunderts an einen im 19. Jahrhundert komponierenden Palestrina. Auf diesen beruft sich auch Bruckner, der im 'Sanctus' sogar eine Messe Palestrinas zitiert. Dennoch scheinen die beiden Werke durch ebenso viele Gemeinsamkeiten wie Unterschiede verbunden zu sein. Wem die Messen nicht bekannt sind, der höre selbst – die Popularität ist durchaus berechtigt. Und die kleinere Rheinberger Komposition kann durchaus mit der größeren Bruckner-Messe mithalten, auch wenn in dieser Hinsicht ein Vergleich kaum angestellt werden kann.

Interpretatorisch gut, aber nicht konkurrenzlos

Mit der Camerata Vocale Freiburg arbeitet Winfried Toll bereits seit 1988. Der unter anderem mit dem Europäischen Kammerchorpreis (2003) ausgezeichnete Chor zeichnet sich auf dieser CD durch einen überwiegend homogenen und zugleich transparenten Chorklang aus. Intonationssicherheit stellt der Chor insbesondere im Zusammenspiel mit dem Bläserensemble in der Bruckner-Messe unter Beweis. Leider steht das Bläserensemble akustisch stellenweise vor oder über dem Chor, so dass es in den Forte-Passagen den Chor übertönt, worunter notwendigerweise die Textverständlichkeit, letztlich aber die Gesamtbalance leidet. Abgesehen von diesem kleinen, nur an wenigen Stellen auffallenden Manko, ist der Klang aber durchweg gut abgebildet.

Gut ist auch die Leistung des Chores, dem unter Winfried Toll ohne Zweifel eine schöne Aufnahme der beiden anspruchsvollen Messen gelingt. Zu bemängeln ist der nicht bis ins Extrem ausgereizte Kontrast zwischen den Lautstärken fff und ppp. Auf dieser Aufnahme geht es aber nur von fff bis p – wobei das fff bei Bruckner durch die Bläser erreicht wird, das p in der etwas kleineren Rheinbergerbesetzung, wie beispielsweise im Benedictus. Noch schöner wäre in diesem Satz ein grundsätzlich noch sensiblerer, von weicherem Gestus geprägter, leiserer Klang gewesen, der die stimmungsmäßigen und dynamischen Entwicklungen innerhalb der Messe zur Geltung kommen lässt. Die Differenzierung zwischen solchen Stimmungen und Lautstärken ist auf dieser Aufnahme leider nicht so gut gelungen wie auf anderen Aufnahmen; hier liegt noch Potenzial. An der Interpretation der Musik durch Winfried Toll ist darüber hinaus nicht viel auszusetzen – sie ist gut, zuweilen gefällig, aber manchmal auch etwas zu unscheinbar und könnte stellenweise ruhig etwas lebendiger sein, sowohl bei Bruckner als auch bei Rheinberger. Hinsichtlich des Chorklangs aber auch in Sachen Interpretation bietet die Aufnahme der e-Moll-Messe von Anton Bruckner durch Georg Grün eine sehr gute Alternative.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Peter Büssers Kritik von Peter Büssers,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rheinberger, Josef Gabriel: ´Cantus Missae´, Messe in Es - Dur op. 109

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ARS MUSICI
1
18.06.2010
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4011222328281
232828


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"Die Camerata Vocale Freiburg unter Leitung von Winfried Toll zählt zweifellos zu den bedeutendsten gemischten Chören Süddeutschlands. Der Chor ist bekannt für seinen „vollkommen homogenen Zusammenklang, die Transparenz und schlackenlose Klarheit der Stimmen, ohne dabei ‚asketisch‘ zu wirken“, wie die FAZ ihm bescheinigte. Mit dieser Neuverö entlichung widmet sich die Camerata Vocale zwei Messen des 19. Jahrhunderts. Josef Gabriel Rheinbergers „Cantus Missae“ op. 109 ist die einzige doppelchörige Messe des Komponisten, die als „die schönste reine Vokalmesse des 19. Jahrhunderts“ bezeichnet wurde und für die der Komponist von Papst Leo XIII. im Jahr 1879 mit dem Gregorius-Orden ausgezeichnet wurde. Die Messe in e-moll von Anton Bruckner - das zweite Werk dieser Aufnahme - zieht ihr spezielles Klangkolorit aus der „Harmoniebegleitung“ von Holz- und Blechbläsern sowie archaischen Mitteln im Sinne der Chorpolyphonie der Renaissance."


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ARS MUSICI

Wenn man es genau nimmt, reichen die Wurzeln des Labels ARS MUSICI bis in die 1950er Jahre zurück. Damals gründete Rudolf Ruby in Freiburg i.Br. die Schallplattenfirma deutsche harmonia mundi, die Pionierleistungen mit inzwischen legendären Interpreten auf dem Gebiet der Alten Musik in Sachen Historische Aufführungspraxis vollbrachte. Nach dem Verkauf des Labels und Katalogs an die BMG setzte man seit 1994 in der Schwarzwald-Metropole die Arbeit unter dem neuen Firmennamen Freiburger Musik Forum GmbH fort. Das Label ARS MUSICI wurde ins Leben gerufen, und das Themen-Spektrum der Produktionen erweiterte sich von Musik des Mittelalters bis hin zu aktuellster zeitgenössischer Musik.
Schwerpunkte liegen seitdem in den Bereichen der vokalen Ensemblemusik (Solisten, vokalsolistische Ensembles, Chöre) sowie instrumentaler Musik (insbesondere Tasteninstrumente und Kammermusik). Seit dem nunmehr über 10-jährigen Bestehen des Labels erschienen zahlreiche Neuveröffentlichungen, die national wie international eine breite und positive Resonanz in der Fachwelt sowie bei Presse und Kritik fanden und von denen etliche mit bedeutenden Preisen ausgezeichnet wurden. Den Katalog zieren heute Namen wie Michael Korstick, Robert Hill, Lorenzo Ghielmi, Tabea Zimmermann, Henrik Wiese, Klavierduo Stenzl, Trio Jean Paul, Artemis Quartett, Ensemble Modern, Ensemble Aventure, Singer Pur, Dufay Ensemble, Augsburger Domsingknaben, Regensburger Domspatzen, Georg Ratzinger ... ? um nur einige wenige zu nennen.
Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit des Freiburger Musik Forums liegt in der Publikation von Tonträgern mit ausgezeichneten Interpreten der jungen Generation. So verbindet die Firma eine langjährige gute Zusammenarbeit mit dem Deutschen Musikrat. Mit der CD-Reihe PRIMAVERA hat das Freiburger Musik Forum im Auftrag des DMR seit ca. 25 Jahren zahlreichen Preisträgern des Deutschen Musikwettbewerbs ihre erste Chance gegeben, sich der Öffentlichkeit mit einer eigenen CD vorzustellen.
Mit dem Theodor-Egel-Saal in Freiburg Ebnet bietet die Firma einen idealen Raum für Tonträger-Aufnahmen ? in Zusammenarbeit mit erfahrenen Tonmeistern und einer rundherum sehr guten Betreuung der Künstler, die hier aufnehmen.


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