> > > Tessarini, Carlo: Concerto für Violine G - Dur op. 1 Nr. 3
Mittwoch, 23. Oktober 2019

Tessarini, Carlo - Concerto für Violine G - Dur op. 1 Nr. 3

Tessarini im Schüler-Format


Label/Verlag: Edition Peters
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Ausgabe von Tessarinis G-Dur-Violinkonzert ist als reines Unterrichtsmaterial zu betrachten und als solches auch empfehlenswert

Franziska Matz, selbst Streicherin, die bei Peters zahlreiche Editionen für Violine eingerichtet hat, ist die Editorin der Ausgabe eines Violinkonzerts in G-Dur op.1 Nr. 3 des Geigers und Komponisten Carlo Tessarini. Stilistisch nahe an Vivaldi und von typisch italienischer Klangfarbe, ist es ein Werk der Zwanziger Jahre des 18. Jahrhunderts, als die Instrumentalmusik zunehmend mehr Bedeutung erlangte und die Violine Dank äußerst erfolgreicher Violinisten und Komponisten wie Corelli und Vivaldi zu einem der wichtigsten Soloinstrumente geworden war. Wie die Editorin im Vorwort bemerkt, ist Tessarini für den Geiger eine Alternative und Abwechslung zu Vivaldis typischem Tonfall und aufgrund der etwas geringeren spieltechnischen Anforderungen auch von Geigenschülern der unteren Mittelstufe zu bewältigen (1.-3. Lage).

Das Konzert umfasst drei mäßig lange Sätze in der typischen Anlage schnell – langsam – schnell. Die Ausgabe im klassischen Peters-Design hat 10 Seiten (Vorwort und Klavierstimme) und eine zweifach gefaltete, fünfseitige Einlage (Violinstimme), die so gedruckt und gefaltet ist, dass der Solist nicht während eines Satzes blättern muss. Das knapp eine Seite lange Vorwort gibt ein paar magere Informationen zum Komponisten und ebenso wenig detaillierte Auskunft über die Edition. Die Editorin hat in der Klavierstimme den Urtext der Violine abgedruckt, für den sie jedoch ‚nur‘ eine andere, moderne Edition als Quelle angibt, anstelle des überlieferten Originals. Um Genaueres herauszufinden, müsste man sich also mindestens die angegebene Urtextausgabe von A. R. Editions ansehen, in der Hoffnung, dass die Quelle hier genauer zurückverfolgt worden ist. Auch wenn die Nutzer dieser Notenausgabe sich eher selten daran stören werden, für jegliche wissenschaftliche Arbeit, und sei es nur die eines Studenten im ersten Semester oder eines interessierten Laien, ist diese Quellenangabe ein Hindernis.

Interessant ist jedoch die Möglichkeit des Vergleichs zwischen dem Urtext in der Klavierstimme und dem bearbeiteten Notentext in der Violinstimme. Wenn es einen überlieferten Urtext gibt, dann gibt es eigentlich nur drei gute Gründe, in einer Edition davon abzuweichen: Sie für die Praxis tauglicher zu machen, also z.B. technisch zu vereinfachen; eine lückenhafte oder fehlerhafte Quelle zu rekonstruieren bzw. zu korrigieren; oder eine kritische wissenschaftliche Ausgabe zu erstellen, die – genau dokumentiert – Abweichungen vom Urtext in anderen Quellen miteinbezieht.

Für die vorliegende Ausgabe trifft wohl vor allem der erste Punkt zu. Da es sich, wie im Vorwort der Editorin angesprochen, in erster Linie um ein Werk der heutigen Unterrichtsliteratur handelt, sollten die vorgenommenen Veränderungen das Werk für einen Schüler wohl technisch einfacher machen und dem unerfahrenen Spieler eine stilistisch angemessene Interpretation leichter erschließen. Verändert hat sie in erster Linie Bindebögen, sowie einige dynamische Angaben und zahlreiche Strichangaben eingefügt. Letztere sind vor allem für unerfahrene Spieler praktisch und in diesem Kontext auch sinnvoll.

Die Bindungen in der Ausgabe von Franziska Matz erscheinen mir spielpraktisch gesehen jedoch nicht wirklich als eine Vereinfachung oder Verbesserung. Spielt man beide Versionen, den Urtext und die eingerichtete Fassung, so liegt der Urtext geigerisch meinem Empfinden nach besser, mindestens jedoch ebenso gut. Der Urtext verlangt vom Spieler hin und wieder, in Eigeninitiative den Strich zu organisieren, damit er sich flüssig spielen lässt; nämlich immer dort, wo der Geiger im 18. Jahrhundert automatisch, aus der geigerischen Praxis gewohnt, einen doppelten Auf- oder Abstrich gemacht hätte. Das ist eine Erfahrungssache, die dem Geigenschüler mitunter Probleme machen könnte (aber dafür hat er einen Lehrer). Weit empfindlicher treffen die veränderten Bindungen die Phrasierung. Dazu sei ein Beispiel genannt: im ersten Satz, Takte 1 f., entfernt Matz die Bindung der beiden Sechzehntel, was Folgen für die gesamte erste Phrase hat, da es dazu führt, dass die beiden Takte entgegen der natürlichen Betonung gespielt werden. Wenn man nun nicht forciert die schweren Zählzeiten der Phrase herausarbeitet, geht die Struktur verloren, die markante Dreiklangsfigur von Takt 1 zu 2 wird blass, da der markante Anfangs- und Schlusston in einen Aufstrich gezwungen wird und die Passage ‚glattgebügelt‘ wirkt. Für den Spieler wird es so eher schwerer als leichter, eine lebendige Struktur in das Thema zu bringen. Die gebundenen Sechzehntel im Urtext sorgen ganz natürlich für die richtige Betonung, zumal der Unterschied zwischen leichtem Auf- und schwerem Abstrich mit einem barocken Bogen noch deutlicher gewesen ist. Ein gutes Argument, Bindungen oder Striche zu ändern, wären spieltechnische Eigenheiten des Violinisten Tessarini gewesen, die sich vielleicht in seiner Violinschule ‚Gramatica di musica‘ von 1741 wiedergefunden hätten. Matz erwähnt das Lehrwerk im Vorwort, scheint es aber nicht für die Einrichtung der Noten verwertet zu haben (sofern das denn möglich gewesen wäre).

Auch nach mehrfachem Durchspielen würde ich den Urtext bevorzugen, nicht nur aus historischen Gründen. Ein wenig mehr Text und ein paar Worte zu den vorgenommenen Veränderungen und deren Ziel wären hier vielleicht angebracht gewesen, damit sich dem Spieler besser erschließt, warum er die bearbeitete Fassung und nicht den Urtext spielen sollte. Der zu einer Klavierbegleitung reduzierte Orchestersatz hat keine Bezifferung der Bassstimme, die in Tessarinis Konzert sicherlich vorhanden war. Stattdessen wurde die Continuostimme als Begleitung der Solostellen von der Editorin in einfacher Weise ausgesetzt (in kleiner gestochenen Noten). In Anbetracht der pädagogischen Intentionen der Ausgabe ist ein einfach zu bewältigender, zurückhaltender Klaviersatz auch durchaus sinnvoll.

Die Ausgabe ist als reines Unterrichtsmaterial zu betrachten und als solches auch empfehlenswert. Die Bearbeitung der Editorin bleibt diskutabel, und jeder Spieler muss für sich selbst entscheiden, welche Version – Urtext oder Bearbeitung – er wählt und bevorzugt.

Klangqualität:
Repertoirewert: 


Silvia Bier Kritik von Silvia Bier,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Tessarini, Carlo: Concerto für Violine G - Dur op. 1 Nr. 3

Label:
Anzahl Medien:
Edition Peters
1

BestellNr.:

EP 11027

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"Das Concerto bereichert die barocke Unterrichtsliteratur für Violine und kann sowohl als Vorstufe wie auch als abwechslungsreiche Alternative zu den Vivaldi-Konzerten gespielt werden. Da es sehr leicht spielbar ist, lässt es sich in die Kategorie der Schülerkonzerte einreihen. Franziska Matz, Peters-Herausgeberin der Schülerkonzerte von Rieding, Seitz und Küchler, hat auch hier die Violinstimme spieltechnisch eingerichtet"


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Edition Peters

Seit mehr als 200 Jahren steht der Musikverlag C. F. Peters im Dienst von Musikpflege und Musikwissenschaft. Ausgaben klassischer wie zeitgenössischer Werke vereinigen sich in der EDITION PETERS zu einem Gesamtkatalog mit mehr als 12.000 lieferbaren Titeln. Erstklassige Qualität im Druck, ihr eigenes wissenschaftliches Profil und ihre Bezogenheit zur Praxis haben die Ausgaben der EDITION PETERS zu verlässlichen Garanten für eine musikalische Beschäftigung auf hohem Niveau werden lassen. Ungeachtet dessen hat es sich der Verlag zur selbstverständlichen Aufgabe gemacht, die an seine Editionen gestellten Qualitätskriterien immer wieder neu zu überprüfen.

Die EDITION PETERS zeichnet sich aus durch

  • neue Urtextausgaben nach aktuellem wissenschaftlichem Forschungsstand sowie bewährte Traditionsausgaben
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