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Samstag, 15. August 2020

Reimann, Aribert - Melusine

Zarteste Liebesregungen


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Von Wasser und Feuer: eine hervorragende Einspielung von Aribert Reimanns früher Oper 'Melusine'.

Eine reine Öko-Oper, als welche Aribert Reimanns 'Melusine' oft verstanden wurde, lag den Autoren nicht im Sinn. Vielmehr stand, so der Librettist Claus H. Henneberg, die Erkenntnis im Zentrum, ‚daß jede Flucht vor einer Verantwortung, sei es der Natur, sei es den Menschen gegenüber, zum Scheitern verurteilt ist.‘ Am Ende wird Melusine bestraft für ihre Liebe zum Grafen: Die Wassernixe stirbt den Flammentod. Für die Handlung nicht minder bedeutend ist der Gegensatz von Mensch und Natur, von Phantasie und Rationalität und natürlich jener Komplex, der auch im späten 20. Jahrhundert noch einen festen Platz auf der Opernbühne hat: die Liebe und ihre irrationale Kraft.

Der Komponist erhielt 1969 von den Schwetzinger Festspielen den Auftrag zu einer Oper; zwei Jahre später wurde 'Melusine' dort unter großem Jubel uraufgeführt. Offenbar wird das Werk, seiner Kürze (knapp 100 Minuten) und Besetzung wegen (ein Kammerorchester aus 33 Musikern) eher eine Kammeroper, leider immer seltener inszeniert. Umso verdienstvoller ist daher die hervorragende Ersteinspielung, die nun bei dem Label Wergo erscheint; in exquisiter Klangqualität live mitgeschnitten wurde die Premiere am Staatstheater Nürnberg im Mai 2007. Es ist immerhin die 14. Inszenierung dieser frühen Oper des 1936 in Berlin geborenen Komponisten, dessen 'Medea' jüngst in Wien erfolgreich aus der Taufe gehoben wurde.

Wie alle anderen seiner Werke für das Musiktheater – darunter die Kafka-Adaption 'Das Schloss' und der berühmte, 1978 mit Fischer-Dieskau in der Titelrolle uraufgeführte 'Lear' – beruht auch dieses auf einer genuin literarischen Vorlage. Henneberg fertigte das Libretto nach dem gleichnamigen Schauspiel von Yvan Goll an, der zu seinem 1922 uraufgeführten Stück seinerseits von der Melusinen-Natur seiner Ehefrau inspiriert worden war. Reimann war fasziniert von der Doppelnatur der Titelfigur, die ihren Ausdruck findet in der Wandlung, gleichsam der Vermenschlichung ihres Gesangs von der Koloraturvirtuosität, die Ausdruck ihrer Fremdheit und ihrer Distanz zu den Menschen ist, hin zu einer tief empfundenen Innerlichkeit. Bevor die Nixe, die mit dem früheren Liebhaber ihrer Mutter, dem Makler Oleander, verheiratet ist, im dritten Akt den Grafen kennenlernt, ist ihre Partie geprägt von artifizieller Virtuosität, denn, so der Komponist, ‚die Koloratur ist die einzige Waffe, die sie gegen diese Menschen hat‘. Und diese Waffe weiß die Sopranistin Marlene Mild, für ihre Darbietung von der Fachzeitschrift Opernwelt zur ‚Sängerin des Jahres‘ nominiert, auf überwältigende Weise einzusetzen. Die Koloraturen, die Melismen, die weiten Intervallsprünge (bis zum dreigestrichenen d) gestaltet sie mühelos. Ihre größte Arie am Beginn des zweiten Akts gerät eindringlich, raumgreifend; eine vokale Glanzleitung, unangestrengt strömend und mit durchaus spitz-aggressiver Höhe dort, wo Melusine die Wespen als Kampfgeschwader rekrutiert. Sobald Melusine liebt, verdichtet sich ihr Charakter; die Sopranistin sorgt mit ihrer durchgängig vibrierenden Intensität dafür, dass ein Lodern gleichsam unterhalb der nun weich ausschwingenden Melodik erhalten bleibt.

Melusines Duett mit dem Grafen, das am Beginn des vierten Akts steht, gab überhaupt erst den Ausschlag zur Komposition; einmal wenigstens wollte Reimann die ‚Erfüllung‘ schreiben, wie er sagt. Das ist ihm gelungen – dem Duett gewinnt er den zartesten, delikatesten Ausdruck psychischer Liebesregungen ab. Die zunächst zaghaft wechselweise, dann einander überlagernde Annäherung ist sparsam instrumentiert: Nur Streicher und Harfe begleiten dieses Liebespaar, das keines sein darf. Der aus China stammende lyrische Bariton Song-Hu Liu gestaltet die Partie des Grafen, der im übrigen schon lange vor seinem eigentlichen Auftritt im Orchester präsent ist, überaus nobel und mit klarer Diktion. Der Beginn des dritten Akts mit dem Monolog der Pythia (feurig: Teresa Erbe) und ihrem folgenden, von Flageolett-Clustern getragenen Dialog mit Oger (solide: Bassist Thomas Fleischmann) gerät hingegen etwas zäh. Die Nebenrollen sind gut besetzt, reichen gleichwohl nicht an Mild und Liu heran: Oleander wird vom Tenor Richard Kindley zwar gut verständlich, aber auch mit allzu deutlichem amerikanischen Akzent gesungen; sein Couplet mit Melusines Mutter, Madame Lapérouse, die Gabriele May (Mezzo) charaktervoll in Szene setzt, lebt von Reimanns differenzierter Personenzeichnung. Der von Melusine betörte Architekt ist ‚die Inkarnation des hysterischen Tenors, der völlig überkandidelt und eitel ist‘ (Reimann) – und Sibrand Basa bringt das Unbeholfene, ja auch Benommene der Koloraturen treffend zum Ausdruck.

Schließlich die famosen Nürnberger Philharmoniker unter Peter Hirsch: Bereits der Beginn der Oper nimmt gefangen, irisierend ist der Klang in diesem kurzen Vorspiel, ‚als ob man‘, wie der Komponist ausführt, ‚in einem Raum steht, der voll von Spiegeln ist und das Licht unentwegt gebrochen wird.‘ Reimann zählt nicht ohne Grund zu den führenden Opernkomponisten unserer Zeit. Sein musikdramatisches Gespür ist eminent: Suggestiv wird der Zuhörer in ein hochdifferenziertes Erzählkontinuum hineingezogen, alles ist plastisch-nachvollziehbar, ohne vordergründig oder gar plakativ zu sein; es sind imaginäre Szenen, die diese Musik evoziert. Und die Philharmoniker, bestens in Form, beherrschen das gesamte Vokabular der ausgefeilten, nie neumodischen, aber stets modernen Partitur, bestechen zumal in den Zwischenspielen mit organisch strömendem, stets auf Transparenz bedachtem Zugriff, changierend zwischen Clustern und Blech-Attacken, zwischen gläsernen Klängen und ruppigen Verdichtungen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Reimann, Aribert: Melusine

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
2
01.07.2010
Medium:
EAN:

CD
4010228671926


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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