> > > Calmus Ensemble: Dir, Dir, Jehova, will ich singen
Samstag, 10. Dezember 2022

Calmus Ensemble - Dir, Dir, Jehova, will ich singen

Go down Moses feat. Bach wirkt wenig überzeugend


Label/Verlag: Querstand
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Psalmen und Gebetsvertonungen aus fünf Jahrhunderten mit einem neuen, jungen Vokalenensemble- das klingt interessant. Und tatsächlich, bei einem ersten Blick auf den Inhalt der CD fallen einem sofort zahlreiche illustre Namen auf. In einer findigen Art und Weise kombiniert diese Aufnahme Psalmen, Gebete und Motetten von Max Reger (1873-1916), Josquin Desprez (1440-1521/24), Edvard Grieg (1843-1907) und J. Gabriel Rheinberger (1839-1901) um Bach-Choräle aus dem Schemelli-Gesangbuch. Sein `musisches Gesangbuch´ von 1736 kombiniert christliche Liedmelodien mit einem bezifferten Baß, so daß für den mehrstimmigen vokalen Gebrauch dieser bezifferte Baß nur ausgesetzt werden muß. Einige dieser Baßverläufe stammen von J. S. Bach, so auch jene Version des Liedes ´Dir, dir Jehova will ich singen´, das dieser CD den Titel gibt.
Neben diesen Bachsätzen bilden fünf traditionelle Spirituals die zentralen Werke auf dieser Produktion. Darunter finden sich recht bekannte, und häufig bearbeitete Werke wie ´Swing low, sweet chariot´ , ´Go down, Moses´ und ´Joshua fit the battle of Jericho´. Zumindest dem äußeren Anschein nach findet sich hier eine beeindruckende Vielfalt geistlicher Vokalmusik von der Renaissance bis zur Gegenwart.

Aber hier liegt wahrscheinlich auch der Grund, warum die Darbietung in ihrer Gesamtheit nicht oder nur sehr bedingt zu überzeugen vermag. Man hat den Eindruck, daß auf Grund der hohen Bandbreite der vorgetragenen Stilepochen eine gewisse Unverbindlichkeit in der Interpretation zu Tage tritt. Am deutlichsten wird dies in der Gegenüberstellung der Spirituals mit den Bach-Chorälen.
Wenn Werke wie ´Go down, Moses´ im gleichen Tonfall, Charakter und Ausdruck wie ´So gehst Du nun, mein Jesu, hin´ interpretiert werden, wenn das Tempo zu langsam ist und die rhythmische Strukturierung eine Präzision und Akzentuierung (die solcher Musik zu eigen ist) vermissen lässt, ist nichts von dem ekstatischen Charakter dieser Musik zu spüren, die die Erben Afrikas auf den Baumwollfeldern gegen die Unterdrückung und Sklaverei anstimmten. Als Vorform und eine (der zahlreichen) Wurzel(n) des Jazz muß die Interpretation solcher Werke auf Besonderheiten, gerade im harmonischen Bereich, hinweisen – beispielsweise durch eine entsprechende Phrasierung oder Agogik. Dies bleibt leider aus; so werden protestgeladene, revolutionäre Zeugnisse amerikanischer Kirchenmusik quasi vollständig entschärft und ihrem Geist beraubt. Hinzu kommen häufig, gerade bei harmonisch heiklen Stellen, intonatorische Schwierigkeiten, die in dem viel zu langsamen Tempo natürlich noch umso deutlicher hervortreten.
Insgesamt fehlt diesen Spirituals eine absolut notwendige rhythmische Fixierung, eine klare melodische und harmonische Phrasierung ein präziserer Klang. Etwas mehr ´groove´ würde gerade diese Musik in ihrer Wirkung und Intention unterstützen und den interessierten Hörer anregen.

Im Vergleich mit Grieg bleibt Bach farblos
Erstaunlicher Weise vermögen die übrigen Werke in ihrer Interpretation den Hörer nur sporadisch zu fesseln. Es gelingt dem Calmus-Ensemble nur sehr zaghaft eine deutliche Differenzierung zwischen Barocker und romantischer Kirchenmusik herauszuarbeiten. Zwar ist die dynamische Bandbreite relativ weit gefasst, doch wirken solche gewollten Veränderungen selten organisch und musikalisch notwendig oder überzeugend. Das Sextett neigt dazu musikalische Besonderheiten durch Massivität und Lautstärke zu verdeutlichen, anstatt durch einen musikalisch logischen Vortrag auf typische Eigenarten im Tonsatz hinzuweisen. Dazu gehört auch, daß die Wort-Tonverhältnisse an zentralen Stellen besser deutlich gemacht werden könnten- erstaunlicher Weise wird an solchen Stellen (Nr. 10, So gehst Du nun, mein Jesu, hin; oder auch Nr.18, Gott lebet noch) die sonst deutliche Sprache vernachlässigt.
Die romantischen Chorsätze von Reger, Grieg und Rheinberger klingen durchweg gut, doch wird ´Abendlied´ von Rheinberger eine Unausgewogenheit zwischen Sopran und Unterstimmen hörbar. Die Psalmen von Edvard Grieg klingen leider durch schlecht intonierte Kadenzen und unsaubere Einsätze wenig durchdacht und verlieren dadurch stark an Energie.
Eine umfassende Beurteilung kommt zu dem Ergebnis, dass zwar eine Gegenüberstellung von Gebeten und Psalmen aus fünf Jahrhunderten durchaus interessant sein kann, aber der musikalische Vortrag nicht darunter leiden darf. Trotz schöner Stimmen und einem sicherlich talentierten und erfahrenem Ensemble wirkt die Produktion wenig durchdacht bzw. zu unbeteiligt in der künstlerischen Äußerung, was sich in einem schwammigen, wolkigen Klang manifestiert, der den Charakter sämtlicher dargebrachten Werke prägt. Etwas mehr Mut zum (musikalischen) Risiko würde dem Vortrag mehr Energie verleihen, zusätzlich zu einer Konzentration auf nur eine oder zwei Stilepochen wodurch eine stringentere Interpretation gewährleistet ist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 



Kritik von Oliver Kok,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Calmus Ensemble: Dir, Dir, Jehova, will ich singen

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Querstand
1
22.07.2005
55:10
2001
2002
Medium:
EAN:
BestellNr.:
CD
4025796002041
VKJK 0204

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Bach, Johann Sebastian
Desprez, Josquin
Grieg, Edvard
Rameau, Jean-Philippe
Reger, Max
Rheinberger, Joseph


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Interpret(en):Calmus Ensemble,


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Querstand

Mit viel Liebe zum Detail bringt das querstand-Label dem interessierten Hörer die Vielfalt und Schönheit der klassischen Musik auf wenig ausgetretenen Pfaden näher. Das Label hat sich seit 1994 durch die Produktion hochwertiger klassischer CDs einen ausgezeichneten Ruf erworben. Über 500 Produktionen werden weltweit vertrieben, wobei ein Augenmerk auf Orgelmusik liegt. Die Gesamteinspielung der Orgelwerke von Johann Ludwig Krebs (bisher 11 CDs) und des Kantaten- und Orchesterwerkes des berühmten Bachschülers bilden ein Glanzlicht des Labels, dem mit der Serie ?Die Orgeln von Gottfried Silbermann? (8 CDs) ein weiteres zur Seite gestellt wurde (Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik 2003). Auch im kammermusikalischen und sinfonischen Bereich wurden zahlreiche CDs veröffentlicht, etwa mit dem Gewandhausorchester Leipzig. Mit der Aufnahme des Passionsoratoriums ?Der Tod Jesu? von Carl Heinrich Graun mit dem MDR Rundfunkchor und dem MDR Sinfonieorchester unter Howard Arman gewann das Label 2005 einen ECHO Klassik-Award. Im Jahre 2013 erhielt die 9-CD-Box mit allen Sinfonien Anton Bruckners, eingespielt von Herbert Blomstedt mit dem Gewandhausorchester Leipzig, den ICMA (International Classical Music Award). Mit Verlagssitz im Thüringischen Altenburg kann querstand von der einzigartigen Vielfalt der mitteldeutschen Musiklandschaft profitieren, die sich auch im Verlagsprogramm niederschlägt. Neben den vielseitigen Einflüssen der fantastischen Orgellandschaft der Region, ist es auch die Nähe zur Musikstadt Leipzig mit ihrer wunderbaren Tradition und facettenreichen Szene, auf die das Label besonderes Augenmerk richtet.


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