> > > Verteidigung der Bassgambe gegen die Angriffe der Geige und die Ansprüche des Violoncellos: Werke von Marais, Demachy, Sainte-Colombe u.a
Montag, 26. Juli 2021

Verteidigung der Bassgambe gegen die Angriffe der Geige und die Ansprüche des Violoncellos - Werke von Marais, Demachy, Sainte-Colombe u.a

Angriff & Verteidigung


Label/Verlag: Ricercar
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Ricercar Consort mit französischer Kammermusik des Barock: Tolle Umsetzung eines durchdachten Programms.

Unter dem blumigen Titel ‚Verteidigung der Bassgambe gegen die Angriffe der Geige und die Ansprüche des Violoncellos’ veröffentlichte der Pariser Anwalt und Musikliebhaber Hubert Le Blanc 1740 in Amsterdam eine Schrift, die den zu diesem Zeitpunkt schon kaum mehr bestreitbaren Abstieg der Viola da Gamba publizistisch aufzuhalten trachtete. Das misslang, wir wissen es, mit Blick auf die außerfranzösische europäische Musik, war aber auch für die französische Musik der Zeit ohne Aussicht auf Erfolg. Es ist hier nicht der Ort, Le Blancs in manchem Detail durchaus bedenkenswerte Thesen zu vertiefen. Jedenfalls lieferte sein Traktat den Musikern des Ricercar Consort am Beginn der 1990er Jahre einen in seiner Schärfe und Entschiedenheit fast befremdlich wirkenden Ausgangspunkt zur Gestaltung eines vielfarbigen und vor allem stilistisch interessanten Programms. Für prägnante Gamben-Kompositionen kommen Werke von Marin Marais, den Herren de Sainte-Colombe Vater und Sohn, Louis de Caix d’Hervelois oder Jaques Morel zu Gehör – überwiegend erstrangige Künstler und prägende Stilisten des klanglich so feinen und eleganten Instruments. Die Herausforderungen der Violine vertreten unter anderem Kompositionen von Jean-Féry Rebel und Jean-Marie Leclair, während die Ansprüche des Violoncellos mit Arbeiten von Joseph Bodin de Boismortier oder Michel Corrette dokumentiert werden.

Letztlich illustrieren Philippe Pierlot und seine Mitstreiter einen Wandel der musikalischen Traditionen und der Anschauung vom musikalisch Schönen, wie er sich in Frankreich um 1700 auf breiter Front vollzog. Und auch wenn mit dem Programm der Platte klar wird, dass das allmähliche Zurücktreten der Viola da Gamba hinter die neuen, populären Streichinstrumente in mancher Hinsicht einen Verlust bedeutete, zeigte doch schon der Großmeister der Gambe Marin Marais mit seinen Ende des 18. Jahrhunderts komponierten, gemischt besetzten Kammermusikwerken, dass Gambe und Violine koexistieren konnten und dass selbst er in dieser Hinsicht alles andere als ein Fundamentalist war. Schließlich: Die Geiger verschmolzen den als grob und vordergründig empfundenen italienischen Geigenstil mit den französischen Traditionen zu einer neuen, akzeptierten und weit verbreiteten Spielweise.

Tolle Interpretation

Der Blick auf diese spannende Periode in der Entwicklung der französischen Instrumentalmusik liegt nun in einer Neuausgabe bei Ricercar vor und hat auch nach fast zwei Jahrzehnten nichts von ihrem interpretatorischen Charme eingebüßt. Die Besetzungsliste des Ricercar Consort liest sich wie eine Bestenauswahl: François Fernandez, Philippe Pierlot, Hidemi Suzuki, Sophie Watillon, Rainer Zipperling, Rolf Lislevand oder Pierre Hantaï gehörten – zum großen Teil ist es noch immer so – zu den wichtigen Interpreten der instrumentalen Alten Musik. Beeindruckend sind interpretatorische Präsenz und Tiefe: Alles Primäre – Technik, Intonation, Wahl der Tempi, dynamische Durchformung – scheint unter den Händen dieser Meister ihres Fachs ganz selbstverständlich zu gelingen. Vor allem Philippe Pierlot zeigt sich hier als veritabler Anwalt der Viola da Gamba, als eminenter Virtuose. Das heißt bei der Viola da Gamba, dass es keine primär wirksamen Kunststücke gibt, dafür umso mehr Ausdruckskunst auf einer tollen technischen Basis. Insgesamt ist eine sehr konzentrierte Ensembleleistung zu verzeichnen, zugleich leicht und verspielt, gefasst und diszipliniert, klangsinnlich und überragend artikuliert. Man wird beim Hören keinen Takt finden, der einfach nur ‚abmusiziert’ ist. Hidemi Suzuki und François Fernandez als Exponenten der Violoncello- und Violinkunst zeigen sich kontrolliert expressiv, mit differenzierendem Strich und dezidierter Artikulation. Das Klangbild ist erfreulich klar und aufgeräumt, versieht die schmale Besetzung mit einem schönen Raumanteil, bildet die solistischen Anteile ebenso pointiert wie die delikaten Ensembles ab.

In der Summe ist es eine sehr schöne Box mit französischer Kammermusik um 1700, auf der Grundlage eines etwas aus der Zeit gefallenen, verqueren Traktats. Pierlot und die Seinen verstehen sich einerseits zu einem eindrucksvollen Plädoyer für die Vorzüge und Qualitäten der Viola da Gamba. Aber Geschichte wird trotz manch wehmütigen Blicks nicht umgeschrieben und so ist das Programm andererseits auch dazu angetan, die expressiven und klanglichen Potenziale von Violine und Violoncello zu demonstrieren. Eine wirklich lohnende Wiedervorlage.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Verteidigung der Bassgambe gegen die Angriffe der Geige und die Ansprüche des Violoncellos: Werke von Marais, Demachy, Sainte-Colombe u.a

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ricercar
3
01.06.2010
Medium:
EAN:

CD
5400439002968


Cover vergössern

Ricercar

Von Haus aus Musikwissenschaftler und Gambist (und hier immerhin Schüler von Wieland Kuijken), gründete der Belgier Jérôme Lejeune 1980 sein Label RICERCAR, das schnell zu einem der wichtigsten im Bereich der Alten Musik wurde. Das war nicht nur durch die musikwissenschaftliche Arbeit Lejeunes nahe liegend, sondern auch dem Umstand geschuldet, dass Belgien von je her zu den führenden Nationen im Bereich der historischen Aufführungspraxis gehörte. Die Künstler, die für RICERCAR aufnehmen bzw. aufgenommen haben, lesen sich ohne Übertreibung wie das Who-is-Who der Alten Musik-Szene: Hier machte zum Beispiel Philippe Herreweghe genauso seine allerersten Aufnahmen wie das Ricercar Consort, Jos van Immerseel oder Mark Minkowski (sowohl als Fagottist als auch als Dirigent). Zu den Künstlern und Ensembles, die derzeit dem Label verbunden sind, gehören so prominente Namen wie der Organist Bernard Foccroulle, die Sopranistin Sophie Karthäuser sowie die Ensemble La Fenice und Continens Paradisi. Nach wie vor bietet Lejeune dabei jungen Künstlern und Ensembles eine künstlerische Plattform und er beweist dabei stets ein besonders glückliches Händchen. Viele der nicht weniger als 250 Aufnahmen, die hier veröffentlicht wurden, waren klingende Lektionen in Musikgeschichte, die in mehrteiligen Reihen solche Themen wie Bach und seine Vorgänger, die franko-flämische Polyphonie oder Instrumentenkunde behandelten und so etwas wie zu einem Markenzeichen des Labels wurden. Das erstaunliche dabei war auch, dass nahezu alle Produktionen des Labels von Lejeune sowohl wissenschaftlich als künstlerisch und technisch betreut wurden.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Ricercar:

  • Zur Kritik... Ausrufezeichen zum Josquin-Jahr: Eine interessante programmatische Mischung jeweils ungemein typischer Josquin-Sphären. Dominique Visse setzt mit seinem Ensemble Clément Janequin zu Beginn des Josquin-Jahres 2021 ein Ausrufezeichen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Kraftvolle Stimme: Welche Musik welcher Hand des 17. Jahrhunderts auch immer Lionel Meunier und Vox Luminis anfassen – das Vorhaben glückt einfach, auch hier bei Andreas Hammerschmidt. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Klingende Schatztruhe: Schatztruhe Düben-Sammlung: Hier wird sie wieder einmal aufgeklappt, getragen vom schönen Ensembleklang von Clematis und dem feinen Sopran von Julie Roset. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Ricercar...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Rundes Programm: Telemann und seine Kunst in einem schönen Kantatenprogramm gewürdigt: Gemeinsam mit einigen der Gamben-Fantasien wird durch Simone Eckert und die Hamburger Ratsmusik ein Teil der Vielfalt im Schaffen des Komponisten angedeutet. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Geniestreich: Gunar Letzbor erweist sich auch bei Telemanns Fantasien für Violine solo als Meister der Barock-Violine: Starkes Plädoyer für ein qualitätvolles Konvolut, dem mehr Beachtung gebührt. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Kommentierter Bach: Bachs Brandenburgische Konzerte in einer diskografisch wirklich herausragend bedeutsamen Konstellation: Kontrast und Fortspinnung in kreativen Reflexen der Gegenwart. Das Swedish Chamber Orchestra mit einem bemerkenswerten 'Brandenburg Project'. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

Class aktuell (1/2021) herunterladen (2500 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (7/8 2021) herunterladen (3560 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich