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Mittwoch, 17. Juli 2019

Cerha, Friedrich - Spiegel I-VII

Visionäre Musik


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Kairos veröffentlicht eine Doppel-CD mit einer vollständigen Einspielung des achtteiligen 'Spiegel'-Zyklus und zwei weiteren Orchesterwerken des österreichischen Komponisten Friedrich Cerha.

Nicht nur aufgrund seines Alters gehört der 1926 geborene Österreicher Friedrich Cerha zu den großen Jahrhundertgestalten der zeitgenössischen Musik. Die gerade bei Kairos erschienene Doppel-CD mit Orchesterwerken versteht sich als Würdigung von Cerhas bedeutendem Schaffen und stellt wie nebenbei heraus, welch großer Visionär der Komponist vor knapp fünfzig Jahren gewesen ist: zu der Zeit nämlich, als er jenen monumentalen siebenteiligen Orchesterzyklus 'Spiegel I-VII' (1960/61) konzipiert hat, den er selbst als eine Art imaginäres Bühnenwerk verstanden wissen möchte. Die unterschiedlich ausgedehnten Einzelteile von 'Spiegel' nehmen mit knapp 90 Minuten Gesamtspielzeit den meisten Raum der beiden Tonträger ein. Dem beim Label col legno veröffentlichten Mitschnitt einer Gesamtaufführung unter Leitung des Komponisten von den Salzburger Festspielen 1996 tritt damit nun eine erste Studioeinspielung des Werkes gegenüber, für die sich das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg unter Sylvain Cambreling verantwortlich zeigt.

Gegenstand von 'Spiegel' ist im Grunde die Auseinandersetzung mit Clusterstrukturen unterschiedlichster Beschaffenheit. Was in Worten relativ simpel klingt, entpuppt sich in der klingenden Realität als höchst komplexer Vorgang, als immer wieder neu ansetzendes Abwechseln und Verändern von Klangsträngen, als staunenswertes Gegeneinander-Verschieben von Flächen und Klangraumbewegungen, das – obgleich kompositionstechnisch anders realisiert – in einigen Wirkungen die Hörsituationen von György Ligetis berühmte Orchesterstücken 'Atmosphères' (1964) und 'Lontano' (1967) vorweg zu nehmen scheint, zur Zeit seiner Entstehung jedoch kaum rezipiert wurde – vor allem wohl, weil es an adäquaten Aufführungsmöglichkeiten mangelte. Faszinierend ist die klare, von der Aufnahmetechnik unterstützte musikalische Umsetzung, die es dem Hörer ermöglicht, die Wendungen der sich bewegenden Klänge, der gegeneinander verschobenen Ereignisse und Klangballungen oder der einander überlagernden, akribisch in ihren dynamischen Facetten gezeichneten Farbflächen und -verläufe genauestens zu verfolgen. Dabei schafft es Cambreling, das Orchester wie eine ständig sich verändernde Skulptur aus Klang und feinen, irisierenden Melodiefäden zu behandeln.

Wie diese Komposition auf Angehörige der nachfolgenden Generation gewirkt hat (und dies auch heute noch tut), erfährt man im Booklet, das neben einem Werkkommentar Cerhas zahlreiche Aussagen von Komponisten enthält, in denen sich all jene Hörerfahrungen brechen, die man anhand dieser CD nun selbst machen kann. Damit nicht genug, wartet die Produktion mit zwei weiteren Orchesterwerken unter Mitwirkung des ORF Radiosinfonieorchesters Wien auf: Unter Leitung von Dennis Russell Davis erklingt die Komposition 'Monumentum' (1989), in deren Mittelpunkt die vielgestaltige Auseinandersetzung mit Arbeiten des österreichischen Bildhauers Karl Prantl steht, die Cerha in teils archaische Klänge kleidet. Einblicke in sein aktuelles Schaffen ermöglicht schließlich noch das Orchesterstück 'Momente' (2005), in dem sich unter Leitung des Komponisten ein Umgang mit klanglich stark voneinander abweichenden, zunächst scheinbar unverbundenen musikalischen Situationen abzeichnet. Dass es auch zu diesen Kompositionen Textkommentare Cerhas gibt und das Booklet darüber hinaus mit zahlreichen Abbildungen von Partiturseiten versehen ist, macht die vorliegende Veröffentlichung zu einer rundum gelungenen Sache. Sie bietet daher eine ausgezeichnete Möglichkeit, sich über Werke aus unterschiedlichen Schaffenszusammenhängen der Arbeit eines großen Komponisten zu nähern.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Cerha, Friedrich: Spiegel I-VII

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Kairos
2
18.06.2010
Medium:
EAN:

SACD
9120010281570


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Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


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