> > > Dufourt, Hugues: L´Afrique d´apres Tiepolo
Freitag, 18. Januar 2019

Dufourt, Hugues - L´Afrique d´apres Tiepolo

Musikalische Bildbetrachtungen


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das ensemble recherche bringt Hugues Dufourts musikalische Annäherung an die Malerei Giovanni Battista Tiepolos zu Gehör und überzeugt damit auf ganzer Linie.

Es gehört zu den großen Werken der späten Barockmalerei: das monumentale Deckengemälde, mit dem der Italiener Giovanni Battista Tiepolo in den Jahren 1752 und 1753 das Gewölbe über der großen, von Balthasar Neumann gestalteten Ehrentreppe in der Residenz zu Würzburg ausgemalt hat. Tiepolos allegorische Darstellungen der Weltteile Afrika und Asien haben den französische Komponisten Hugues Dufourt (*1943) zu zwei seiner stärksten Ensemblewerke angeregt, die nun, interpretiert vom ensemble recherche, bei Kairos auf CD erschienen sind. 'L’Afrique d’après Tiepolo' (2004/05) und 'L’Asie d’après Tiepolo' (2008/09) sind einerseits Meisterwerke des Umgangs mit Klangfarben, stellen andererseits aber auch prägnante Lehrstücke dazu dar, wie das Verhältnis zwischen Malerei und Musik fruchtbar genutzt werden kann. Denn Dufourt hat kein Interesse daran, die rätselhaften Bildinhalte illustrativ umzusetzen; seine Aufmerksamkeit gilt vielmehr dem, was ihn an den Gemälden frappiert: nämlich bestimmten, zum Zweck spezifischer Raum- oder Bewegungswirkungen eingesetzten bildnerischen Elementen, für die er nach musikalischen Äquivalenzen sucht.

Die Ableitung struktureller musikalischer Ideen aus den Momenten einer Bildanalyse führt in 'L’Afrique' zu dem Ansatz, durch Einsatz von Klangfarben den Eindruck von Bewegung und Veränderung zu erzeugen. Das Weiterreichen von Farb- und Klangqualitäten beginnt mit glockenartig angeschlagenen Klavierklängen, denen sich zunächst Schlagzeugklänge zugesellen, bevor sich ein weites Panorama subtil instrumentierter Klangvarianten öffnet. Das unaufhörliche, ruhige Dahinschreiten der Musik erfolgt in kammermusikalischer Diktion, verbunden mit der variablen Dichte beweglich anmutender, ineinander gleitender Klänge. Dieser stetige Eindruck allmählichen Fortschreitens wird vom Ensemble durch zarte Zeichnung der Texturen erzielt, die Klänge erscheinen plastisch und innerhalb der sich wandelnden Instrumentation ausgewogen, die Langsamkeit der Musik wird konzentriert ausgefüllt. In 'L’Asie' dagegen dominiert die Arbeit mit verschiedenen Geschwindigkeiten, die Dufourt aus den Bewegungsachsen- und -elementen des Freskos ableitet. Eingebettet in die reiche Farbpalette von Schlaginstrumenten werden über zwei Drittel der Werklänge hinweg die rauen Geräuschklänge zum beherrschenden, durch ihre dynamischen Verläufe Bewegungen suggerierenden Moment.

Mit dem ensemble recherche, das jedes der Werke im Rahmen der Wittener Tage für neue Kammermusik uraufgeführt hat, hat man auf die Interpreten der ersten Stunde zurückgegriffen, die sich hier von ihrer allerbesten Seite zeigen. Es ist beachtlich, mit welch hohem Grad an Präzision die Musiker den klanglichen Erfordernissen beider Partituren folgen. Dabei heben sie einerseits die musikalischen Kontraste zwischen den Kompositionen hervor, unterstreichen andererseits aber auch – besonders in der ruhigen Schlussphase von 'L’Asie' – Gemeinsamkeiten der Werke. Angesichts des geschlossenen Gesamtergebnisses ist es daher auch verständlich, dass man sich bei der Produktion auf die beiden Tiepolo-Stücke beschränkt und nicht noch eine weitere Ensemblekomposition hinzugefügt hat, für die auf jeden Fall ausreichend Platz auf dem Tonträger gewesen wäre. Gelungen ist schließlich auch das Booklet, das neben einer Einführung Dufourts – sie verrät viel von der Faszination, die Tiepolos Gemälde auf den Komponisten ausüben – einen analytisch geprägten Essay von Martin Kaltenecker, einem ausgewiesenen Spezialisten für die Musik des Franzosen, enthält.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Dufourt, Hugues: L´Afrique d´apres Tiepolo

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Kairos
1
18.06.2010
EAN:

9120010281693


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Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


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