> > > Schumann. Jubiläum: Sinfonien Nr. 2 & 4
Sonntag, 29. Mai 2022

Schumann. Jubiläum - Sinfonien Nr. 2 & 4

Kraft der Umgewichtung


Label/Verlag: Musicaphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Roman Brogli-Sacher gelingt mit dem Orchester aus Lübeck eine Schumann-Einspielung, die an einigen Stellen das Ohr positiv überrascht.

Bis zur Jahreshälfte waren nur wenige Schumann-Neuaufnahmen zu verzeichnen, zumal der Sinfonien. Doch nun, seit der Zeit um Schumanns Geburtstag herum, wird der Tonträgermarkt um vielfältige Produktionen bereichert; mal von international bekannten Orchestern, mal von Lokalgrößen, mal als Gesamtaufnahme oder Teil eines Zyklus, mal als SACD, mal im herkömmlichen Klangmodus. Nun legt auch das Label musicaphon mit einer Aufnahme von Schumanns Zweiter und Vierter Sinfonie, zusammengefasst unter dem Titel ‚Schumann. Jubiläum‘ nach, entstanden in Kooperation mit Deutschlandradio Kultur. Zu hören ist das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck unter seinem Chef, dem Schweizer Roman Brogli-Sacher. Auf dem CD-Markt stellt sich die Produktion dem Vergleich mit Einspielungen internationaler Spitzenorchester. Was hat die Einspielung an Eigenem zu bieten?

Durchaus einige interessante Ansätze, vor allem in der klanglichen Darstellung des Orchestersatzes. Roman Brogli-Sacher, unter anderem gelernter Posaunist, unterwirft an einigen Stellen den Schumannschen Orchestersatz einer Umgewichtung gegenüber traditionell gehandhabter Balance – und erzielt mitunter überzeugende Ergebnisse. So etwa im Kopfsatz der Zweiten Sinfonie C-Dur op. 61, deren Reprise mit deutlich konturiertem Blech aufwartet. Die hier hervorgehobenen schnellen Triolenbewegungen weisen auf das Finale voraus, und so manche prägnante Figur in den Posaunen, die selten so körperlich daherkommt, bekräftigt den affirmativen Gestus am Satzende. Sehr schön gerät auch das „Scherzo. Allegro vivace – Trio I – Trio II“. Beim Blick auf die im Booklet genannte Besetzung mag man ob der opulenten Streichergruppe möglicherweise erst einmal Zweifel bekommen. Sie werden aber bald zerstreut, pflegt das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck doch einen schlanken Streicherklang, der auch in der Vibratostärke durchaus variiert. Dadurch kommen die Holzbläser zu ihrem Recht, wo es angemessen ist, und auch das Blech tritt passagenweise sehr konturenscharf hervor. Natürlich kann es das Orchester hinsichtlich der Klangkultur nicht ganz mit internationalen Spitzenorchestern aufnehmen, und auch manche intonatorische Trübung verrät, dass es sich um Konzertmitschnitte handelt. Das aber ist kein Schaden. Lieber eine Einspielung, die stellenweise die Spannung des Konzerts vermittelt – etwa der Übergang zum schnellen Teil des Finales, an dem Musik zuerst stillzustehen scheint und dann mit den Posaunenrufen unbändige Kraft entwickelt –, als glänzende und glatt polierte Perfektion.

Leider gelingen dem Dirigenten die langsamen Sätze nicht so überzeugend. Im „Adagio espressivo“ der Zweiten fehlt es an Spannung, zudem zeigen sich einige dynamische Unstimmigkeiten (Übergang zum zweiten Themenkomplex, der über Gebühr laut daherkommt), und auch die „Romanze“ der Vierten Sinfonie wirkt wenig duftig. Im Gegenzug aber gelingen die kraftvollen Ecksätze umso besser (auch wenn der Finalsatz der Zweiten etwas flotter sein könnte, und Brogli-Sacher das Schluss-Ritardando dort etwas kleiner hätte halten können). Der Kopfsatz der Vierten Sinfonie wirkt sehr kraftvoll. Erstaunlich, dass manche Passage, wenn sie nicht hunderprozentig sauber gespielt wird (in T. 37 die Nachschlagsfiguren), wirkungsvoller erscheint als in einer rhythmisch niet- und nagelfesten Darstellung.

Dass die Zweite Sinfonie 2006 vom Deutschlandfunk aufgenommen wurde und die Vierte im letzten Jahr von Cybele, schlägt sich zwar klanglich nieder, wirkt aber nicht störend. Derselbe Saal (die Musik- und Kongreßhalle Lübeck) steht für Konsistenz ein, und das vergleichsweise luftige Klangbild steht beiden Aufnahmen ganz gut zu Gesichte. Positiv hervorzuheben ist zudem ein ausführlicher Einführungstext, der diese Bezeichnung in der Tat verdient (auch wenn die Ausführungen der Autorin zur Publikationsgeschichte der Vierten Sinfonie etwas missverständlich sind, wird hier doch Clara Schumanns Vorsicht bei der Publikation der so genannten Spätwerke auch auf die späte Überarbeitung der Vierten übertragen, bei der Clara Schumanns Vorbehalte aber der früheren Version von 1841 galten).

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schumann. Jubiläum: Sinfonien Nr. 2 & 4

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Musicaphon
1
09.06.2010
67:14
Medium:
EAN:
BestellNr.:

SACD
4012476569208
M 56920


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"Der Gattung Sinfonie im 19. Jahrhundert nach den Errungenschaften Ludwig van Beethovens neue Impulse zu geben, war ein so ehrgeiziges wie problematisches Unterfangen. Auch Robert Schumann, dessen 200. Geburtstag dieses Jahr zu gedenken ist, blieb nicht unbelastet davon, den „Riesen hinter sich marschieren“ zu hören. Ende der 1830er Jahre formulierte Schumann das Dilemma aus: „Wenn der Deutsche von Symphonieen spricht, so spricht er von Beethoven: die beiden Namen gelten ihm für eines und unzertrennlich, sind seine Freude, sein Stolz. Wie Italien sein Neapel hat, der Franzose seine Revolution, der Engländer seine Schiffahrt &c., so der Deutsche seine Beethoven‘schen Symphonieen. Wie nun die Schöpfungen dieses Meisters mit unserm Innersten verwachsen, einige sogar der symphonischen populär geworden sind, so sollte man meinen, sie müßten auch tiefe Spuren hinterlassen haben, die sich doch am ersten in den Werken gleicher Gattung der nächstfolgenden Periode zeigen würden. Dem ist nicht so. Anklänge finden wir wohl; Aufrechthaltung oder Beherrschung aber der großartigen Form, wo Schlag auf Schlag die Ideen wechselnd erscheinen und doch durch ein inneres geistiges Band verkettet, mit einigen Ausnahmen nur selten.“ Deutlich wird hier, dass der Weg zurück zu Haydn und Mozart sich verbietet - und ein Anknüpfen an den mustergültigen Individualismus der Beethoven-Sinfonien scheint unmöglich. Das Wissen um die Problematik innovativer sinfonischer Gestaltung prägte auch Schumanns Weg zur großen Form. Frühe Versuche blieben unvollendet; dennoch meldete er 1829 an seinen Klavierlehrer und späteren Schwiegervater Friedrich Wieck: „Aber wüßten Sie, wie es in mir drängt und treibt und wie ich in meinen Sinfonien schon bis zu op. 100 gekommen sein könnte, hätte ich sie aufgeschrieben und wie ich mich so eigentlich im ganzen Orchester so recht wohl befinde.“ "


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Musicaphon

Ende der 50er Jahre gründete Karl Merseburger, Inhaber des Tonkunstverlages in Darmstadt, das Label CANTATE. Etwa zur gleichen Zeit rief Karl Vötterle (Bärenreiter-Verlag) in Kassel MUSICAPHON ins Leben. In beiden Fällen sollte vorrangig das jeweilige Verlagsprogramm auf Tonträgern dokumentiert werden. Nachdem Merseburger den Tonkunstverlag 1963 aufgeben mußte, übernahm Bärenreiter das Label CANTATE und führte beide gemeinsam unter dem Dach der 1965 gegründeten Vertriebsfirma "Vereinigte Schallplattenvertriebsgesellschaft Disco-Center" fort. Auf beiden Labels erschienen in den 60er und 70er Jahren bedeutende Aufnahmen. Besondere Schwerpunkte setzte Wilhelm Ehmann, Leiter der Westfälischen Kantorei in Herford, mit seinen historischer Aufführungspraxis verpflichteten Interpretationen der Werke von Heinrich Schütz. Bach-Kantaten wurden von Helmuth Rilling mit der Gächinger Kantorei und dem Figuralchor der Gedächtniskirche Stuttgart eingespielt. MUSICAPHON gewann daneben Profil mit der Veröffentlichung musikethnologischer Aufnahmen, herausgegeben von der UNESCO (Musik des Orients und Musik Afrikas) bzw. vom musikwissenschaftlichen Institut der Universität Basel (Musik Ozeaniens und Musik Südostasiens). 1994 erwarb der Musikwissenschaftler Dr. Rainer Kahleyss (Kassel) die Label, 1996 auch die Vertriebsfirma von Bärenreiter, die jetzt als "Klassik Center Kassel" firmiert. Seitdem werden auf CANTATE geistliche Musik, auf MUSICAPHON weltliche Musik vom Frühbarock bis zur Gegenwart veröffentlicht. Auch für die Rezeptionsgeschichte bedeutsame Aufnahmen der Altkataloge werden sukzessive auf CD umgestellt.


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