> > > Chopin, Frédéric: Lieder op. 74
Dienstag, 28. September 2021

Chopin, Frédéric - Lieder op. 74

Exil-Folklore, nicht nur für den Salon


Label/Verlag: Profil - Edition Günter Hänssler
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Konrad Jarnot und Eugene Mursky legen eine klangschöne und durchdachte Gesamtaufnahme der Lieder Frédéric Chopins vor. Leider sind Hintergrundinformationen zur Musik und zu der vertonten polnischen Lyrik dürftig.

Dass Frédéric Chopin sich kontinuierlich als Liedkomponist betätigt hat, ist wenig bekannt. Immer wieder setzte er sich mit der Lyrik seiner polnischen Muttersprache auseinander; sein Schaffen für Singstimme und Klavier erschien jedoch erst posthum als op. 74, obwohl es über einen Zeitraum von fast zwanzig Jahren entstanden ist. Die Erstausgabe durch Julian Fontana änderte zunächst nichts daran, dass die Stücke gemeinhin eher als anspruchslosere Gelegenheitskompositionen betrachtet wurden. In den Häusern des Adels und des wohlhabenden Pariser Bürgertums, in denen Chopin sich bewegte und wo er bevorzugt konzertierte, hatten seine Lieder ihr Publikum gefunden. Auf der Bühne eines Konzertsaals hingegen kann man sich diese Musik schwerlich vorstellen, fast vergeblich sucht man in ihr nach technischen Herausforderungen – dies mag viele Interpreten bewogen haben, Chopins Beiträge zur Gattung des Kunstlieds, bewusst oder unbewusst, zu vernachlässigen.

Der Sänger Konrad Jarnot, ARD-Preisträger des Jahres 2000, schickt sich nun an zu zeigen, dass diese Lieder durchaus großes Potential für die interpretatorische Ausgestaltung besitzen. Oberflächlich betrachtet lässt sich der Notentext vor allem durch seine Schlichtheit charakterisieren: einfache Akkordsätze und Begleitfiguren überwiegen, die rechte Hand des Klavierparts wird häufig colla parte mit der Singstimme geführt. Die Darbietung Jarnots und des usbekisch-stämmigen Pianisten Eugene Mursky bemüßigt sich nicht, den vokalen Miniaturen mehr einzuflüstern als sie in sich tragen – wir hören eine Wiedergabe, die ihrem Gegenstand weder etwas hinzufügt noch fortnimmt. So erscheinen die knappen, häufig in Strophenform angelegten Piècen als das, was sie tatsächlich sind: durch die Literatur und Volksmusik der Heimat gleichermaßen inspirierte Herzensbekenntnisse eines unbefangen agierenden Tonschöpfers. Zu den bevorzugt vertonten Dichtern gehören Stefan Witwicki und Adam Mickiewicz, enge Freunde Chopins im französischen Exil. Inhaltlich bewegen sich die meisten Texte zwischen Heimatverbundenheit, ländliche Idylle, Melancholie und Liebesschmerz.

Viele Lieder zehren von dem stilisierten tänzerischen Dreiertakt, durch den auch Chopins Klaviermusik stark geprägt ist. Das mazurkenähnliche Ritornell aus 'Mädchens Wunsch' wird kontrastiert von einer Volksliedmelodie, wie man sie sich schlichter und anrührender kaum vorstellen mag; auch einigen weiteren Liedern liegen die rhythmischen Muster von Mazurka und Walzer zu Grunde. 'Die Heimkehr' schlägt einen dramatischen Balladentonfall an, von suggestiven Klaviergirlanden unterlegt. Rezitativisch-elegisch gibt sich der weitgespannte Beginn der durchkomponierten, im Vergleich zu den umgebenden Stücken ungewöhnlich pathetischen 'Melodie', während in den Klavier-Intermezzi von 'Der Bote' die elegante Sphäre der Pariser Salons anklingt. Ulrich Köppen, der Autor des Begleittexts, lässt zwar durchblicken, die kompositorische Faktur der Lieder vermöge einer musiktheoretischen Analyse nicht standzuhalten. Die häufig anzutreffende Konzeption eines rhythmisch prägnanten Ritornells, das einer lyrisch-volkstümlichen Strophenmelodie gegenüber gestellt wird, besitzt jedoch einen besonderen kompositorischen Reiz – das simple Schema wird unter Chopins Händen in immer neuen Varianten dargestellt. Herausgehoben werden können das Lied 'Mir aus den Augen', eine musikalische Prosa voller Dramatik, die den Balladen Loewes und Schumanns in nichts nachsteht, und 'Polens Grabgesang', eine getragene Trauerode mit fesselnden Binnen-Höhepunkten.

Polnische Lyrik, in Frankreich vertont, auf deutsch dargeboten

Ob es von Vorteil ist, Chopins Lieder auf deutsch und nicht auf polnisch einzuspielen, mag diskutiert werden. Nicht alle Übersetzungen (fast ausschließlich aus der Feder Wilhelm Hanzens stammend) wissen sprachlich und rhythmisch zu überzeugen – bisweilen holpert das Metrum beachtlich. Weniger Zweifel bestehen bezüglich der musikalischen Qualität dieser Interpretation. Konrad Jarnots Bariton klingt in der Höhe fast tenoral; bisweilen werden die Ablaute der Labialkonsonanten etwas manieriert in den Vokal gezogen, ansonsten ist die Diktion fabelhaft. Der Sänger phrasiert im Piano mit berückender Natürlichkeit, nutzt aber auch die wenigen Gelegenheiten, seinem Organ eine dramatischere Färbung zu verleihen, etwa im 'Bacchanal' und im Lied 'Der Reitersmann vor der Schlacht'. Eugene Mursky wirkt sehr inspiriert in den Klavier-Solopassagen, die er ganz im Geiste der brillanten Chopin’schen Tanzminiaturen gestaltet, pedalisiert allerdings ein wenig zu großzügig in den untermalenden Strophen-Begleitungen, die seinen künstlerischen Eifer, so ist man verleitet zu glauben, nicht in gleichem Maße herausfordern.

Leider schweigt sich das Beiheft über die Herkunft der Lyrik aus: die polnischen Originaltexte fehlen ebenso wie Angaben über die Kompositionszeit. Ein durchaus aufschlussreiches Zitat (des Komponisten?) über den atmosphärischen Hintergrund seiner Imagination der folkloristischen Szenen bleibt ohne Quellenangabe. Und dass Künstlerbiographien lediglich Konzertsäle und prominente Musizierpartner herunterbeten, ansonsten aber nahezu aussagelos bleiben, sollte eigentlich nicht mehr vorkommen. Fazit: Eine ambitionierte, künstlerisch über weite Strecken überzeugende Einspielung, der es allerdings deutlich an fundierten Meta-Daten und philologischer Unterfütterung fehlt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Wendelin  Bitzan Kritik von Wendelin Bitzan,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Chopin, Frédéric: Lieder op. 74

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Profil - Edition Günter Hänssler
1
17.05.2010
Medium:
EAN:

CD
881488040685


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Profil - Edition Günter Hänssler

Profil - The fine art of classical music
EDITION GÜNTER HÄNSSLER - EIN LABEL MIT "PROFIL"
Bei der Gründung seiner "EDITION GÜNTER HÄNSSLER" und dem neuen Label "PROFIL" betrat Produzent Günter Hänssler, der ehemalige Chef des erfolgreichen Labels Hänssler Classics, mit einer ganz klaren Philosophie und Zielsetzung den Klassik-Markt:
"Nur ein Label mit einem klaren PROFIL, mit einem eindeutigen Wiedererkennungseffekt hat heute noch eine Chance auf dem heiß umkämpften CD-Markt - um die Liebhaber klassischer Musik heute mit einem Produkt zu überzeugen braucht man Originalität, Innovation und optimierte Vertriebswege."
Der Name PROFIL ist Programm. Günter Hänssler denkt in Serien. Nur groß angelegte Projekte haben heute noch eine Chance, sich nachhaltig auf dem Markt wiederzufinden. So entstanden international hoch gepriesene und mehrfach mit internationalen Preisen ausgezeichnete Editionen wie die EDITION STAATSKAPELLE DRESDEN oder die GÜNTER WAND EDITION.
Die Repertoire-Politik ist charakteristisch. Eine Auswahl erster internationaler Künstler finden sich im Programm von PROFIL ebenso wieder wie erfolgreiche Newcomer der Klassikszene, darunter das mehrfach preisgekrönte Klenke-Quartett, das in der Interpretation von Kammermusik in den letzten Jahren neue Maßstäbe setzen konnte.
Ergänzt wird das Repertoire durch ausgewählte, digital aufwendig restaurierte historische Aufnahmen, Interpretationen von legendärem Ruf in neuer, bisher nicht gekannter digitaler Klangqualität. Auf diese Weise schlägt PROFIL die Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart und versteht sich so auch als Bewahrer musikalischer Traditionen.
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