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Montag, 17. Juni 2019

Villa-Lobos, Heitor - Floresta do Amazonas

Grünes Dickicht


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine neue kritische Edition der Partitur war Grundlage für die Einspielung von 'Floresta do Amazonas', die der brasilianische Dirigent John Neschling 2008 aufnahm.

1958 wurde Heitor Villa-Lobos von der Metro-Goldwyn-Mayer gebeten, die Filmmusik für ‚Green Mansions’ mit Audrey Hepburn und Anthony Perkins zu schreiben. Villa-Lobos kümmerte sich bei seiner Arbeit jedoch nicht sonderlich um die Gesetze des Kinos und ging davon aus, dass sich die Regie bei der Verfilmung von William Henry Hudsons Roman an seiner Partitur orientieren würde. Umso größer die Ernüchterung: MGM erklärte seine Arbeit für unbrauchbar und ließ die Partitur vom Hauskomponisten des Filmstudios, Bronislaw Kaper, so radikal bearbeiten, dass man von einer vollkommen neuen Komposition sprechen muss.

Villa-Lobos entschloss sich, seine Partitur zu einer großen sinfonischen Dichtung für Sopran, Männerchor und opulent besetztes Orchester umzuschreiben. Die Rechte an 'Floresta do Amazonas' vermachte er der Academia Brasileira de Música (Brasilianische Musikakademie) und spielte noch kurz vor seinem Tode eine Suite des Werkes mit der legendären Sopranistin Bidu Sayão ein. Leider ist diese Aufnahme seit langem vergriffen. 1995 nahm Alfred Heller, der Villa-Lobos persönlich verbunden gewesen war, das ungekürzte Werk mit Renée Fleming und dem Moskauer Radiosinfonieorchester auf. Aber auch diese Aufnahme ist derzeit nur als Download-Album erhältlich.

Wie aus einem Guss

Eine neue kritische Edition der Partitur, die der Villa-Lobos-Kenner Roberto Duarte realisiert hat, war Grundlage für die Einspielung, die der brasilianische Dirigent John Neschling 2008 – ein Jahr vor der Niederlegung seines Amtes als Chefdirigent des Orquestra Sinfônica do Estado de São Paulo – mit seinem Orchester aufnahm. Als SACD erscheint das Tondokument nun beim Label BIS, das sich seit langem um das Werk Villa-Lobos’ verdient macht. Nicht nur der Kopfsatz hat bei Neschling weniger Biss als in der 1958er Einspielung des Komponisten. Auch die Tempi sind insgesamt langsamer. Dafür atmet sein Ansatz große Klassizität. Neschling spielt elegant mit den Gegensätzen der Partitur. Extravagante Harmonik, luxuriöse Klangeffekte, packende Dramatik und lyrische Melancholie kostet er gleichermaßen aus und lässt die heterogene Partitur wie aus einem Guss klingen.

Neschling dringt mit dem Orchester tief in Amazoniens Wälder ein, atmet ihre Größe und Schönheit und lässt Tiere und Vögel, Farben und Geräusche plastisch aus dem grünen Dickicht hervortreten. Neschling meistert jedoch nicht nur die deskriptiven Momente der Musik, sondern arbeitet auch die vielen Anklänge an die europäische Avantgarde heraus, die von Bartók bis Strawinsky reichen.

Die Männerstimmen des Chores des Orquestra Sinfônica do Estado de São Paulo singen die amazonischen Texte und indianischen Themen pointiert, homogen und zupackend. Die ungarische Sopranistin Anna Korondi gestaltet die liedhaften Passagen mit vibrierender Leidenschaft, berückenden Kantilenen und Durchschlagskraft. Ein Muss für alle Fans von Villa-Lobos und ein wichtiger Beitrag zu seiner Diskographie.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Villa-Lobos, Heitor: Floresta do Amazonas

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
23.06.2010
EAN:

7318599916606


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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