> > > Lucia Popp singt: Lieder von Schubert, Schönberg & Strauss
Donnerstag, 9. Juli 2020

Lucia Popp singt - Lieder von Schubert, Schönberg & Strauss

Mitten ins Herz


Label/Verlag: ORFEO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dieser Live-Mitschnitt von 1984 aus dem Münchner Cuvilliés-Theater zeigt Lucia Popp als vokal und gestalterisch überlegene Liedinterpretin, die Unbekanntes und Anspruchsvolles bekannten Klassikern vorzieht.

Warum manche Stimmen unmittelbar ansprechen, während andere völlig kalt lassen, ist nur schwer in Worte zu fassen. Wer die Stimme von Lucia Popp kennt, wird jedoch bestätigen können, dass ihr stets eine natürliche Emotionalität zu eigen war, die sich der Beurteilung unter musikalischen und technischen Gesichtspunkten weitgehend entzog. Was auf der Opernbühne Popps Contessa, Pamina oder Arabella zu großen, berührenden Frauengestalten machte (und dank vieler Aufnahmen heute noch macht), kommt auch beim vorliegenden Recital-Mitschnitt zum Tragen, der am 25. Juli 1984 im Münchner Cuvilliés-Theater entstanden ist und sich als Dokument großer Liedkunst bestens ins Profil der ‚Orfeo d’Or‘-Serie fügt.

Dass ein Teil der dargebotenen Stücke schon 2004 in einer anderen Einspielung von der BBC veröffentlicht wurde, tut dem Repertoirewert der CD keinen Abbruch, da sowohl die Live-Atmosphäre als auch der Kontext eines ausgewogenen, klug zusammengestellten Programms den Abend als künstlerisches Ganzes von der ersten bis zur letzten Note erlebbar machen. Unbekanntes und Anspruchsvolles steht dabei klar im Vordergrund. So widmet sich Popp im eröffnenden Schubert-Block nicht den Klassikern, sondern sechs Liedern nach Gedichten von Friedrich von Schlegel, von denen allenfalls 'Der Schmetterling' (D 633) einem breiteren Publikum bekannt sein dürfte. Schon im ersten Stück, 'Der Knabe' (D 692), ist Popps Stimme dabei ‚am Platz’ und entfaltet ihr unverwechselbares Timbre, dessen Reiz nicht nur in der gläsernen Reinheit der Höhen liegt, sondern ebenso in der apart verhauchten Mittellage. Ihr starker Akzent, von Puristen und Pedanten oft als Makel empfunden, stört in keiner Weise, da er die Textverständlichkeit nicht beeinträchtigt und – quasi als Gegenmodell zur artifiziell sezierenden Diktion anderer nicht deutschsprachiger Sängerinnen – den individuellen Charme von Popps Interpretation ausmacht.

Nach vier weiteren Miniaturen von Schubert, darunter die reizende Goethe-Vertonung 'Die Liebende schreibt' (D 673), folgt mit den Vier Liedern op. 2 von Schönberg das Herzstück des Programms. Die oszillierende Farbstudie 'Erwartung' vermag Popp äußerst suggestiv umzusetzen, ohne einzelne Töne aus der in mysteriöser Schwebe gehaltenen Gesangslinie herauszulösen, während sie die 'O Maria'-Rufe in 'Schenk mir deinen goldenen Kamm' leidenschaftlich erbeben lässt. Der Übergang zum letzten Drittel des Abends ist mit den 'Drei Liedern der Ophelia' genial gelöst, da sie ebenfalls den Grenzen der Tonalität berühren, gleichzeitig aber eine Verbindung mit den abschließenden fünf (bekannteren) Strauss-Liedern aufweisen.

Erwartungsgemäß kann sich Popp vokal hier am freiesten entfalten: mit strömenden Legato-Phrasen, gleißenden Spitzentönen und punktgenau platzierten, herrlichen Crescendi auf 'Liebesschauern' in 'Wie erkenn’ ich mein Treulieb' oder 'dieser ganzen Welt' am Ende von 'Mein Auge'. Der anhaltende Applaus nach der (auch vom durchweg ausgezeichnet spielenden Irwin Gage) schelmisch präsentierten Schlusspointe 'Hat gesagt – bleibt’s nicht dabei' hatte drei Zugaben zur Folge, von denen besonders ein gefühlvoll vorgetragenes 'Allerseelen' mitten ins Herz trifft.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Alexander Meissner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Lucia Popp singt: Lieder von Schubert, Schönberg & Strauss

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ORFEO
1
16.06.2010
Medium:
EAN:

CD
4011790789125


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ORFEO

Erschienen die ersten Aufnahmen des 1979 in München gegründeten Labels noch in Lizenz bei RCA und EMI, produziert und vertreibt ORFEO seit 1982 unter eigenem Namen. Durch konsequente Repertoire- und Künstlerpolitik konnte sich das Label seit seinem aufsehenerregenden Auftritt am Anfang der Digital-Ära dauerhafte Präsenz auf dem Markt verschaffen. Nicht nur bekannte Werke, sondern auch weniger gängige Musikliteratur und interessante Raritäten - davon viele in Ersteinspielungen - wurden dem Publikum in herausragenden Interpretationen zugänglich gemacht. Dabei ist es unser Bestreben, auch mit Überraschungen Treue zu klassischer Qualität zu beweisen.
Der Musik der Moderne wird mit den gleichen Qualitätsstandards Beachtung geschenkt - in exemplarischen Neuaufnahmen wie in Mitschnitten bedeutender Uraufführungen. Wichtige Akzente setzen dabei die Serien Edition zeitgenössisches Lied, die bis in die unmittelbare Gegenwart vorstößt, und Musica Rediviva mit Werken verbotener oder zu Unrecht vergessener Komponisten.
Zu den Künstlern zählen die besten Sängerinnen und Sänger, Instrumentalisten, Orchester und Dirigenten der letzten drei Jahrzehnte. Die Förderung aufstrebender Künstler der jüngeren Generation war und ist ORFEO stets ein Anliegen. Viele, die heute zu den Großen der Musikszene zählen, errangen bei uns ihre ersten Schallplattenerfolge.
Mit der Serie ORFEO D'OR wird auf die große interpretatorische Vergangenheit zurückgegriffen; legendäre Aufführungen u.a. aus Bayreuth, München, Wien und Salzburg werden dokumentiert. Hierbei wurde von Anfang an besonderer Wert auf sorgfältige Edition gelegt; durch - das dürfte auf dem Markt für historische Aufnahmen heute sehr selten sein - offizielle Zusammenarbeit mit den Künstlern, Erben und Institutionen hat ORFEO D'OR jeweils exklusiven Zugriff auf die besten erhaltenen Originalquellen.
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