> > > Tovey, Donald: Arie und Variationen in B-Dur für Streichquartett op. 11
Donnerstag, 28. Oktober 2021

Tovey, Donald - Arie und Variationen in B-Dur für Streichquartett op. 11

O du heiliger Kontrapunkt!


Label/Verlag: Guild
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Sir D. Toveys (1875-1940) 'Aria and Variations' und erstes Streichquartett sind sicher keine Meilensteine der Gattung, aber als Ersteinspielung ein interessanter Beitrag zum britischen Streichquartett-Repertoire.

Sir Donald Francis Tovey (1875-1940) war einer der angesehensten Musiktheoretiker im England des letzten Jahrhunderts. Seine Kompositionen sind heute so gut wie vergessen. Nachdem das Label Toccata mit der Einspielung von Klaviertrios, des von Pablo Casals uraufgeführten Cellokonzerts und der Symphonie op.32 Pionierarbeit geleistet hat, sind nun beim nicht weniger für seine Entdeckungen bekannten englisch-schweizerischen Label Guild zwei von Toveys Werken für Streichquartett erschienen.

Die 1900 geschriebene 'Aria mit elf Variationen' op.11 ist ein über halbstündiges Werk, das einem recht einfachen Thema, das in seinem Rhythmus an die britische Hymne 'God save the Queen' erinnert, elf Charakterstücke folgen lässt. Über das Datum der Uraufführung scheint nichts bekannt zu sein. Immerhin brachte es das deutsche Busch-Quartett bei einem Konzert in Oxford 1935 dem britischen Publikum näher, wie ein zeitgenössischer Kritiker unter Hinweis auf die britische Vernachlässigung eigener Komponisten dankbar bemerkte. Zwar bietet der Booklettext von P. R. Shore umfangreiche Informationen zum Leben Toveys und sogar Notenbeispiele zu den eingespielten Werken, über etwas mehr Hintergründe zur Entstehung der Stücke und ihre Wirkung hätten sich Hörer und Leser aber sicher gefreut. Bezieht das Thema der Aria seine Attraktivität hauptsächlich aus den unregelmäßig langen Phrasen, die sich zu einer quasi unendlichen Melodie aneinanderreihen, so ist das melodische Material allerdings zu dürftig, um den halbstündigen Bogen des Werkes füllen zu können. In ziemlich traditioneller romantischer Harmonik, entstehen zwar immer wieder schöne Momente, insgesamt ermüdet das Stück den Hörer aber doch durch seine Eintönigkeit. Dabei versucht das britische Tippett Quartet durchaus engagiert und fast immer souverän, dem Stück etwas abzugewinnen.

Auch das 1909 komponierte Quartett G-Dur op.23 bewegt sich harmonisch in einem eher rückwärts gewandten Rahmen und wirkt mit seinen oft in Terzen oder Sexten geführten Violinen zeitweise kitschig. Ähnlich wie in den Variationen ist zwar stets der raffinierte Kontrapunktiker Tovey zu hören. Das melodische Material ist aber nicht sehr einfallsreich, so dass die vielen Fugati und Kanons ziemlich blutleer klingen. Vernachlässigt man die Zeit des Entstehens des Quartetts und die damit verbundenen Erwartungen an solch ein Werk, so gibt es auch in diesem Quartett immer wieder überraschend schöne Stellen, die dann aber wieder mit sehr einfachen Figuren abgeschlossen oder kombiniert werden, die zum einen gewollt und andererseits einfallslos wirken. Lediglich im vierten und letzten Satz des Quartetts wird Toveys Stil moderner mit Anklängen an impressionistische Klangflächen und -verbindungen.

So bekannt und bedeutend Tovey vor allem in Großbritannien mit seinen ‚Essays in Musical Analysis‘ auch war, die er als Begleittexte zu den Konzerten des von ihm gegründeten und dirigierten Reid Symphony Orchestra schrieb, so zeigt die Aufnahme doch deutlich, dass ein großer Musiktheoretiker nicht automatisch auch ein guter Tonsetzer sein muss. Trotzdem ist diese Einspielung ein wertvoller Beitrag zur nicht sehr bekannten Streichquartettgeschichte in England, die im 20. Jahrhundert doch noch so wichtige Werke wie die Streichquartette B. Brittens oder des Namenspatrons des Quartetts M. Tippett dem Repertoire der Gattung hinzufügen sollte. Wir dürfen gespannt sein, ob das Tippett Quartet auch noch Toveys zweites Streichquartett op.24 einspielen wird, das Schwesterwerk des hier vorliegenden op.23.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Tovey, Donald: Arie und Variationen in B-Dur für Streichquartett op. 11

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Guild
1
01.10.2010
Medium:
EAN:

CD
795754734621


Cover vergössern

Guild

Guild entstand in den frühen Achtzigerjahren auf Initiative des berühmten englischen Chorleiters Barry Rose, der den St Paul's Cathedral Choir in London leitete. Der Name hat nichts mit der nahe gelegenen Londoner Guild Hall zu tun, sondern kommt von Barry Roses erstem Chor, dem Guildford Cathedral Choir. Das frühere Logo (ein grosses G) entstand indem Barry Rose kurzerhand eine Teetasse umstülpte und mit einem Bleistift ihrem Rand bis zum Henkel entlang fuhr. Seit 2002 hat die Firma als Guild GmbH ihren Sitz in der Schweiz, in Ramsen bei Stein am Rhein.
Bei den Aufnahmen arbeiten wir mit Fachleuten zusammen, die für grosse internationale Firmen und unabhängige kleinere und grössere Labels tätig sind. Unsere Programmschwerpunkte sind Welt-Erstaufnahmen, vergessene Werke bekannter Meister, noch nicht entdeckte Komponisten und Schweizer Musiker sowie historische Aufnahmen, etwa die Toscanini Legacy und Mitschnitte der Metropolitan Opera New York.
Wir arbeiten intensiv mit der Zentralbibliothek in Zürich und mit der Allgemeinen Musikgesellschaft Zürich zusammen, produzieren CDs mit Chören wie dem Salisbury Cathedral Choir und den Chören der Cambridge und Oxford University - und als Steckenpferd pflegen wir die grossen englischen und amerikanischen Unterhaltungsorchester mit ihren Light-Music-Hits der Dreissiger- bis Fünfzigerjahre.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...



Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Guild:

blättern

Alle Kritiken von Guild...

Weitere CD-Besprechungen von Christian Starke:

blättern

Alle Kritiken von Christian Starke...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Herbe Tänze: Marek Szlezer legt beim Label Dux eine der Musik Karol Szymanowskis gewidmete Platte vor, die vor allem Mazurken enthält. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Venedig da Camera: Roland Wilson und seine Musica Fiata mit einem anregend-lebendigen Bild mancher Stimme, die über Monteverdi hinausweist – und der Meister klingt mittendrin. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Auf der Suche nach der rechten Orgel: Jean-Jacques Kantorows Saint-Saëns-Edition mit einem weiteren fulminanten Höhepunkt. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2021) herunterladen (3200 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (7642 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich