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Montag, 19. August 2019

Graupner, Christoph - Orchesterwerke GWV 218, 447, 707 & 711

Stille Kunst


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Fortsetzung der Graupner-Reihe bei MDG gerät ebenso überzeugend wie die ersten beiden Folgen. Das Ensemble Nova Stravaganza präsentiert sich als wendiger und geschmackvoll artikulierender Klangkörper.

Nach sechsjähriger Pause setzt das Label MDG nun mit vorliegender Einspielung seine Reihe mit Orchesterwerken Christoph Graupners fort. 2002 mit einer grandiosen Aufnahme begonnen, überzeugte die letzte Folge mit gewohnt lebhaftem und geschmackvollem Spiel des Ensembles Nova Stravaganza unter der Leitung von Siegbert Rampe, zusätzlich durch einige klangfarbliche Überraschungen, etwa die Ouvertüre F-Dur für zwei Traversflöten, Viola d’amore tenore, zwei Chalumeaux, Horn, zwei Violinen und Viola. Mit gutem Grund lässt sich der von der Serie beschriebene Weg damit als Verfeinerung verstehen: Angefangen mit betont lebhaften, vergleichsweise üppig besetzten Stücken über besagte klangfarbenreiche Werke bis hin zu dieser Folge, bei der nun der Titel ‚Orchestral Works‘ nicht mehr zutreffen will; und so trägt die Zusammenstellung zwar außen noch den Reihentitel, wird aber auf der ersten Bookletseite präzisiert zu ‚Orchester- und Kammermusik‘.

Wieder einmal ist dem Ensemble Nova Stravaganza eine herausragende Aufnahme geglückt, die vor allem hinsichtlich der musikalischen Gestaltung überzeugt. Ebenso gelungen sind aber Werkauswahl und -zusammenstellung: Zwei größer besetzte Werke umrahmen den kammermusikalischen Anteil, zwei Sonaten für Cembalo und Traversflöte (bzw. umgekehrt). Beide Zweier-Gruppen werden gebildet aus einem frühen Werk und einem aus Graupners späteren Tagen am Darmstädter Hof – eine spannende und abwechslungsreiche Zusammenstellung, die in ihren Mittelpunkt nicht das Effektmoment von Graupners Musik stellt – Graupners effektsicherer Orchesterstücke mit selten umfangreicher Paukenbeteiligung etwa hat sich Siegbert Rampe bisher noch nicht angenommen –, sondern die leisen Töne, die ‚stille Musik‘, zugleich die satztechnische Verfeinerung.

Letztere ist bereits im Eingangsstück erlebbar, dem ‘Canon all’unisono’ B-Dur GWV 218 (ca. 1736) für zwei Oboen, Violoncello und Continuo. Die beiden von Saskia Fikentscher und Christine Allanic gestenreich und kantabel gestalteten Oboenstimmen umschlingen sich in den langsamen Sätzen, in den schnellen jagen sie sich hinterher, grundiert von Joachim Fiedlers subtil bewegtem, tänzerisch artikuliertem Cello, das mal mit dem Continuo mitgeht, mal eine zu den beiden Oboen hinzutretende dritte Stimme exponiert. Hier – wie in den folgenden Stücken – zeigt sich die artikulatorische Differenzierung der Musikerinnen und Musiker, die unter Siegbert Rampes von Cembalo aus erfolgender Leitung einen wendigen, transparenten und klanglich weichen Zugang pflegen, der sich angenehm abhebt von der heutigen Mode historisch informierter Aufführungspraxis, möglichst ruppig, gegen den Strich bürstend zu musizieren.

Dass hier sehr geschmackvoll verziert wird, wo es angebracht ist, passt ins Bild. Dynamische Feinschattierung und artikulatorische Nuancierung je nach musikalischem Kontext und affektiver Gestimmtheit verbinden sich in dem ‘Canon’ und der Ouvertüre F-Dur GWV 447 mit konzertierender Blockflöte mit einer lebendigen Musizierhaltung, die ihr Ziel in spannungsvollen Verläufen und nach vorn drängender Bewegung findet. Anders als die beiden Rahmenstücke wurden die Traversflöten-Sonaten 2009 aufgenommen, und auch der Aufnahmeort ist ein anderer. Dass sich dies aber keineswegs nachteilig bemerkbar macht, sondern die Wahl des Aufnahmeorts sowie notwendigerweise seiner Akustik der satztechnischen Dichte und dem Klangvolumen (zusätzlich den Klangqualitäten des für diese Stücke eingesetzten Cembalos, das teils regelrecht Clavichord-ähnlich wirkt) bestens angepasst sind, spricht einmal mehr für die klangtechnischen Überlegungen des Labels. Und dass der Klang in den Ensemblestücken ebenso transparent ist wie füllig und sich in den beiden Flötensonaten sehr direkt an den Hörer wendet, macht die Aufnahme zu einer rundum gelungenen Einspielung, bei der keine Wünsche offen bleiben müssen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Graupner, Christoph: Orchesterwerke GWV 218, 447, 707 & 711

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
MDG
1
25.06.2010
Medium:
EAN:

CD
760623162829


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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