> > > Wolf, Hugo: Briefe. Band 1. 1873 - 1910. Mit Kommentar vorgelegt von Leopold Spitzer
Sonntag, 21. Juli 2019

Wolf, Hugo - Briefe. Band 1. 1873 - 1910. Mit Kommentar vorgelegt von Leopold Spitzer

Stolz, trotzig, eigensinnig


Label/Verlag: Musikwissenschaftlicher Verlag
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der erste Band der Brief-Ausgabe von Hugo Wolf bietet einen hochinteressanten Blick auf den Komponisten in seinen jungen Jahren. Die Edition ist hochwertig.

Für den, der sich eingehend mit dem Leben des österreichischen Komponisten Hugo Wolf befassen möchte, ist das Lesen seiner Briefe und Korrespondenzen ein absolutes Muss. Dafür liegt seit einiger Zeit eine wertvolle, gebundene vierbändige Ausgabe aus dem Musikwissenschaftlichen Verlag Wien vor. Der erste Band mit stolzen 633 Seiten, auf den allein sich diese Rezension bezieht, umfasst die frühen Jahre ab 1873, als der 13-Jährige seinen ‚Theuersten Eltern’ glaubhaft zu machen versucht, dass der Brief, den der Schulpräfekt an seine Eltern in Windischgraz bezüglich seines Benehmens verfasste, in großen Teilen ‚schändlich erlogen’ sei. Wolf sei ‚stolz, trotzig, eigensinnnig u.s.w.’, so beschwerte sich der Präfekt. Wolf wollte wohl eher vor den Eltern, die er im Stil der damaligen Zeit ehrerbietig siezt, seine Haut retten. Hatte der Präfekt eventuell gar nicht gelogen? Im historiographischen Rückblick trifft die Charakterisierung des Jahres 1873 in gewisser Weise auf den späteren großen Liedkomponisten Hugo Wolf recht genau zu. Der erste Brief-Band schließt im übrigen mit dem 654. Brief, datiert vom 31. Dezember 1891 aus Wien: Hugo Wolf schreibt da an Melanie Köchert ‚Zum Neuen Jahr’ einen Neunzeiler, der Lust macht, weiter im Buch nach Herzenslust zu stöbern: ‚In ihm [dem neuen Jahr, Anm. d. Autors] sei’s begonnen, / Der Monde und Sonnen / An blauen Gezelten / Des Himmels bewegt. / Du,Vater, du rathe! / Lenke du u. wende! / Herr, dir in die Hände / Sei Anfang u. Ende, / Sei Alles gelegt!’ Wer so poetisch zu schreiben versteht, kann eigentlich, wenn nicht gar Dichter, nur ein bedeutender Liedkomponist werden, möchte man meinen.

Hugo Wolf (1860-1903) wurde in Windischgräz, seinerzeit Österreich, heute Slowenien, geboren. Er studierte mit Mitschüler Gustav Mahler von 1875 bis 1877 am Wiener Konservatorium, brach das Studium jedoch ab und war für kurze Zeit als Chorleiter und Zweiter Kapellmeister am Stadttheater Salzburg engagiert. 1884 bis 1887 hatte er den Posten des Musikkritikers beim Wiener Salonblatt inne, wo er als überzeugter Wagnerianer vehement für Richard Wagner, Franz Liszt und Anton Bruckner Stellung bezog. Brahms hingegen verachtete er zeitlebens. Die darauf folgende Dekade bis 1897 lebte Hugo Wolf in ärmlichen Verhältnissen als freier Komponist, abwechselnd in Wien und in Landhäusern befreundeter Gönner. Eine Anstellung als Musiker erlangte er nicht mehr. Der bekennende Antisemit Wolf starb am 22. Februar 1903 in Wien an den Spätfolgen einer unbehandelten Syphilis (progressive Paralyse), die er sich bereits als 17-Jähriger eingefangen hatte. Die letzen vier Jahre war er – wie es damals hieß – stumpfsinnig, weswegen auch ab 1901 sein Briefeschreiben aussetzt. Begraben ist Hugo Wolf auf dem Zentralfriedhof in Wien.

Im Zentrum seines kompositorischen Werks steht sein Liedschaffen. In seinen mehr als 300 Liedern gelang ihm eine meisterliche Verschmelzung von poetischer Vorlage und musikalischer Ausformung. Als Texte für seine Kompositionen dienten ihm Werke bedeutender deutscher Dichter: 53 Gedichte von Eduard Mörike (1889), 20 von Joseph von Eichendorff (1889) und 51 von Johann Wolfgang von Goethe (1890) gehören dazu. Sein sogenanntes 'Spanisches Liederbuch' nach Heyse und Geibel (1891) und das 'Italienische Liederbuch' nach Paul Heyse (Teil 1 1892, Teil 2 1896) enthalten Vertonungen deutscher Dichtung mit spanischen und italienischen Themen und erlangten Weltruhm, der bis in die Gegenwart anhält.

Wichtig sind im vorliegenden Brief-Band vor allem die Schreiben an seine Verleger, B. Schott’s Söhne Mainz, in denen er sich zwar in ehrerbietigem Tonfall, aber doch bestimmt in der Sache äußert: ‚Das Recht der Neuauflage (zu den drei Liederbänden Mörike’s,. Eichendorff’s und Goethes) steht mir (…) zu. Zu seinen wenigen Werken in anderen Gattungen gehören das wichtige Streichquartett (1879/80), die sinfonische Dichtung 'Penthesilea' nach Heinrich von Kleist, die 'Italienische Serenade' (1892) und die Oper 'Der Corregidor' (1895). Sein Verhältnis zu der verheirateten Melanie Köchert währte übrigens rund 15 Jahre (1882-1897). Ob sich die Beziehung auf geistige Gemeinsamkeiten und die Erleichterung seines Wohlbefindens beschränkte, ist nicht mehr mit Sicherheit zu klären. Hugo Wolf war auf jeden Fall ein gerne gesehener Gast bei ihnen in Döbling und in Rinnbach. Auch die Kritikerstelle erhielt er durch die Hilfe der Köcherts. Ihr gemeinsames Interesse und Erleben der Lyrik kann als direkter Einfluss auf Hugo Wolfs Kompositionen gewertet werden. Melanie Köchert brachte ihm gegenüber in persönlichen Bereichen, aber auch für seine poetischen und musikalischen Gedanken viel Verständnis auf, was allerdings in diesem Band nicht nachzulesen ist, denn er enthält leider keine gesamten Korrespondenzen, sondern nur Wolfs Briefe. Bezeichnend für die große Freundschaft zu Melanie Köchert ist allerdings die Tatsache, dass Hugo Wolf ihr nach der Veröffentlichung sämtliche Autographe schenkte. Ihr Einfluss auf Wolfs Kompositionen lässt sich aber nicht mehr vollständig rekonstruieren, da davon ausgegangen werden muss, dass sie Hugo Wolfs Tagebuch vor der Veröffentlichung der Briefe ‚frisierte’. Briefe mit allzu privatem Inhalt hat sie wohl vernichtet.

Verdienst des Herausgebers Leopold Spitzer ist die Tatsache, dass er neben den 16 großen Standorten der an Hugo Wolf gerichteten Briefe und Postkarten, deren aktuelle Aufenthaltsorte bei dem Archiv der Wiener Konzerthaus-Gesellschaft (AWKg) beginnen und bei der Musikabteilung der Zentralbibliothek Zürich (ZBZ) enden, inklusive so bedeutender Bibliotheken wie der Österreichischen Nationalbibliothek samt Handschriften- und Musiksammlung, British Library, der Bayerischen Staatsbibliothek, den Universitätsbibliotheken von Basel, Frankfurt/Main,  Leipzig und Tübingen, die ebenfalls Bestände besitzen, auch kleinere Quellen – soweit bekannt – nicht unausgeschöpft ließ.

Der Textteil enthält sämtliche überlieferten und erschlossenen Briefe in durchgehender, chronologischer Reihenfolge. Mehrere an einem Tag geschriebene Texte sind in alphabetischer Reihenfolge der Empfängernamen gelistet, sofern die zeitliche Einordnung sich nicht mehr ermitteln ließ. Jeder Brief erhielt eine Nummer, die in der vom Herausgeber zur Übersichtlichkeit gestalteten Überschrift gemeinsam mit dem Adressaten und dessen Wohnort mitgeteilt wird. So ist ein wissenschaftliches Arbeiten mit dem Buch rasch und unkompliziert möglich. Aber man kann die neue Briefedition auch von vorn bis hinten lesen wie ein Tagebuch. Da erfährt der Leser schnell, was den Schreiber seinerzeit beschäftigte, wo er sich aufhielt und was ihm wichtig erschien. Zum Beispiel was er am 20. März 1888 über sein frisch komponiertes Meisterstück 'Erstes Liebeslied eines Mädchens' (aus den Mörikeliedern) dachte: ‚(Es) ist das weitaus beste, was ich bis jetzt zu Stande gebracht. Gegen dieses Lied ist Alles Vorhergegangene Kinderspiel. Die Musik ist von so schlagender Charakteristik, dabei von einer Intensität, die das Nervensystem eines Marmorblocks zerreissen könnte. Das Gedicht ist wahnsinnig, die Musik nicht minder …’ Wenn da nicht ein etwas eitler, junger Mann schon genau wusste, was er zu bieten hat.

Der erste Band der Briefe von Hugo Wolf ist ein Schatz für den Wissenschaftler und den Musikfreund ebenso wie für den Laien. Aber auch der erfahrene Musikkritiker reibt sich die Augen, was es alles in der Biografie Hugo Wolfs noch zu entdecken gibt. Sein Schreibstil ist zudem mehr als humorvoll, obgleich – wie Herausgeber Leopold Spitzer in seinem klugen Vorwort lapidar konstatiert – das politische oder soziale Umfeld seiner Zeit nicht vorkommt.

Was der Band 1 schmerzlich vermissen lässt, ist ein Sach- und Personenregister, wichtiger aber noch ein Register der Kompositionen. Denn der Leser möchte doch eventuell wissen, in welchen Briefen Hugo Wolf beispielsweise auf sein Streichquartett hinweist, wem gegenüber die oder jene Person erwähnt.


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Musikwissenschaftlicher Verlag

Der Musikwissenschaftliche Verlag (MWV) wurde 1933 von der Internationalen Bruckner-Gesellschaft (IBG) eigens für die Publikation einer von der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien und der IBG herausgegebenen wissenschaftlich-kritischen Gesamtausgabe der Werke Anton Bruckners gegründet.

Das Verlagsprogramm beinhaltet heute neben der Anton Bruckner-Gesamtausgabe auch die Hugo Wolf-Gesamtausgabe sowie musikwissenschaftliche Literatur.

Wissenschaftlicher Editionsleiter der Bruckner-Gesamtausgabe war anfangs Robert Haas. 1938 wurden der MWV und die IBG in Wien aufgelöst und nach Leipzig transferiert, wo 1945 bei einem Bombenangriff die Verlagsbestände vernichtet wurden. Nach Kriegsende kehrten IBG, MWV und die Bruckner-Gesamtausgabe nach Österreich zurück. Von 1951 bis 1989 gab Leopold Nowak als wissenschaftlicher Leiter nahezu das gesamte Werk Bruckners neu heraus. Seit 1989 wurden die noch ausständigen Notenbände von namhaften internationalen Bruckner-Fachleuten ediert.

Die Internationale Hugo Wolf-Gesellschaft Wien wurde 1956 mit dem Hauptanliegen gegründet, eine kritisch-wissenschaftliche Gesamtausgabe der Werke von Hugo Wolf herauszugeben. Zum Editionsleiter wurde Hans Jancik bestellt, der ab 1960 einen Großteil der Bände edierte. 1991 gab Jancik die Editionsleitung an Leopold Spitzer weiter, der die Gesamtausgabe 1998 zum Abschluss brachte.

Die Buchproduktion umfasst in erster Linie Literatur zum Themenkreis Anton Bruckner und Hugo Wolf.
Seit 1991 erscheinen vier Schriftenreihen des Anton Bruckner-Instituts Linz (ABIL): Anton Bruckner - Dokumente und Studien, Bruckner-Jahrbücher, Bruckner-Symposionberichte und Bruckner-Vorträge.
Neu im Verlagsprogramm ist seit 2009 die Reihe Wiener Bruckner-Studien der Forschungsstelle "Anton Bruckner" (Österreichische Akademie der Wissenschaften / Kommission für Musikforschung).


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