> > > Bach, Johann Sebastian: Kantaten BWV 12, 67 & 85
Donnerstag, 2. Dezember 2021

Bach, Johann Sebastian - Kantaten BWV 12, 67 & 85

Elfte Runde


Label/Verlag: Accent
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Sigiswald Kuijken und seine La Petite Bande mit der elften Folge des Bach-Kantatenprojekts: Wiederum auf hohem Niveau.

Sigiswald Kuijkens verdienstvolles Kantatenprojekt geht nun schon in die elfte Runde, dieses Mal mit drei Kantaten für die auf Ostern folgenden Sonntage: 'Halt im Gedächtnis Jesum Christ' BWV 67 für Quasimodogeniti, 'Ich bin ein guter Hirt' BWV 85 zum Sonntag Misericordias Domini und schließlich die frühe Kantate 'Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen' BWV 12 für den Sonntag Jubilate. Kuijken verfolgt seinen ästhetischen Ansatz, der schon reiche Frucht getragen hat, auch hier konsequent fort. Im Zentrum steht ein entschlackter, unmittelbar auf den kompositorischen Strukturen gründender Klang, der frisch belüftet, reduziert und konzentriert ist, dabei trotz solistischer Vokalbesetzung aber nie ärmlich. Bachs Kantaten werden eindeutig als kammermusikalisch motivierte Kompositionen aufgefasst, freilich mit dem Risiko, temperamentvollere Stellen nicht in jedem Fall hinreichend zu profilieren.

Und genau entlang dieser Befunde entfaltet sich auch die Interpretation der aktuellen Platte: Sie ist geprägt von Dezenz und fein gestaltender Arbeit, vermeidet jeden Überdruck, hat besondere Stärken in den kontemplativen oder spielerisch-leichten Sätzen. Gelegentlich ist eine etwas deutlichere vokal-instrumentale Attacke vorstellbar – etwa dann, wenn Rezitative mit anderen Satzarten in rascher Folge abwechseln wie im Mittelteil von BWV 67: Da wäre mehr musikalisches Temperament zu entfalten, da wird in dieser Hinsicht gelegentlich zu spärlich dosiert. Andererseits ist dieser interpretatorische Zugang für die deutlich überwiegende der Sätze sehr angemessen, für den eindrucksvollen, ausgreifenden Choral 'Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen' in BWV 12 – später als 'Crucifixus' in Bachs h-Moll-Messe zu ewiger Berühmtheit geadelt – ist er gar ideal: Dichter und expressiver kann man diese Klage kaum musizieren.

Sehr ansprechende Interpretation

Ins Werk gesetzt wird das von den in Kuijkens Projekt schon vielfach bewährten jungen Vokalisten: Gerlinde Sämann, auf der aktuellen Einspielung nicht arios, sondern nur in einer Choralvariation gefordert, überzeugt mit Klarheit, Leichtigkeit und Intonationsstärke. Die Altistin Petra Noskaiová – eigentlich ein eleganter Mezzo – zeigt sich in den Arien geschmeidig, in den Rezitativen gelegentlich doch eine Spur zu unbewegt. Interpretatorische Schwergewichte der aktuellen Einspielung sind die Männer: Christoph Genz mit seinem schlanken, gleichwohl schlagkräftigen Tenor, dessen eigenständiges Timbre genauso gefallen kann wie die vorzügliche Deklamation. Jan Van der Crabben steuert schließlich einen balsamischen Bassklang bei, mit strahlkräftiger Stimme, einer leichten Mittellage und drucklos geführter, eleganter Tiefe. Von bemerkenswerter Qualität sind die vokalen Ensembles: Hier vereinen die Protagonisten ihre solistischen Vorzüge uneitel zu homogenem Musizieren, folgen sie mit hörbarer Erfahrung demselben Klangideal, das dem interpretatorischen Ansatz Kuijkens gerecht wird.

Auch für den instrumentalen Bereich lassen sich diese Aussagen fortsetzen: Das in den beiden Violinen doppelt, ansonsten aber einfach besetzte Ensemble pflegt einen schmalen Klang von ausgesuchter Klarheit, der von einer extremen Durchsichtigkeit lebt, aber auch strukturell größer dimensionierte Sätze angemessen realisieren kann. Sehr gute obligate Partien – etwa von Sigiswald Kuijken auf dem Violoncello da spalla – ergänzen die feine Begleithaltung. Eine sparsam geforderte Trompete und ein ebenfalls nur in einem Satz erklingendes Horn sorgen für charmante Klangreize.

Besondere Erwähnung verdient die umfangreiche, dreisprachige Einführung im Booklet, die – wie bei allen zehn Vorgängerplatten auch – von einer grundsätzlichen Erklärung des interpretatorischen Ansatzes flankiert wird: Hier wird der nuancenreiche Deuter Kuijken so richtig sichtbar, zeigt sich, wie intensiv seine Studien zu den aufgeführten Kantaten sind. Klanglich bleiben kaum Wünsche offen, sind Plastizität und eine direkte, gleichwohl raumbasierte Wirkung die tragenden Säulen des im Verlauf der Reihe vielfach erprobten Konzepts. In der Summe eine Fortsetzung des Kantaten-Projekts mit bewährtem Personal und auf hohem Niveau, mit ganz erheblichen Stärken und nur einem kleinen Mangel an musikantischer Explosivität.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Kantaten BWV 12, 67 & 85

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Accent
1
01.06.2010
Medium:
EAN:

SACD
4015023253117


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Accent

Schon bei der Gründung des Labels 1979 durch Andreas Glatt war klar, dass ACCENT sich fast ausschließlich mit Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beschäftigen würde. Die Künstler, die für ACCENT aufnehmen oder aufgenommen haben, gehörten von Anfang an zu den renommiertesten Interpreten der "Alte-Musik-Szene": darunter die Brüder Barthold, Sigiswald und Wieland Kuijken, René Jacobs, Jos van Immerseel, Maria Cristina Kiehr mit La Colombina, Paul Dombrecht, Marcel Ponseele mit seinem Ensemble Il Gardellino, aber auch jüngere Künstler wie Ewald Demeyere und sein Bach Concentus, das Ensemble Private Musicke mit Pierre Pitzl oder das Amphion Bläseroktett. Der ACCENT-Katalog möchte den neugierigen Musikfreund auf eine Reise durch die Welt der Alten Musik mitnehmen. Dabei wird er, neben ausgewählten Standardwerken, nicht selten Stücken begegnen, die kaum im Konzertbetrieb oder auf CD anzutreffen sind. Erstaunlicherweise stammen sie nicht nur von wenig bekannten Komponisten, sondern auch von so großen Namen wie Johann Sebastian Bach oder Georg Philipp Telemann. Diese Raritäten werden für ACCENT nicht allein um ihres Seltenheitswerts aufgenommen, sondern vielmehr, weil sie wichtige, bislang sträflich vernachlässigte Werke sind, deren Entdeckung zu einem persönlichen Anliegen der Interpreten wurde.


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