> > > Gemma Bertagnolli singt: Barocke Arien von Hasse, Händel, Vivaldi u.a
Sonntag, 21. Oktober 2018

Gemma Bertagnolli singt - Barocke Arien von Hasse, Händel, Vivaldi u.a

Barocke Leckerbissen


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Brilliant Classics hat ein Pasticcio virtuoser barocker Arien zusammengestellt, die von der italienischen Sopranistin Gemma Bertagnolli stilsicher vorgetragen werden.

Ein höchst appetitlich zusammengestelltes Pasticcio (im 18. Jahrhundert nannte man so Konzerte berühmter Opernsänger) präsentiert das Label Brilliant Classics, welches Freunden guter Einspielungen zu kleinem Preis ein Begriff ist. Man verpflichtete dazu das historisch musizierende Ensemble Cordia und die italienische Sopranistin Gemma Bertagnolli, die sich auf der Einspielung wahrlich als Nachtigall präsentiert. Das Programm ist ambitioniert: Sieben Arien, die einen guten Querschnitt durch die furiose italienische Oper des frühen 18. Jahrhunderts geben; sowohl süß schmelzende Arien wie das eindringliche Flehen der Rodelinda in Händels 'Ritorna caro dolce mio tesoro' als auch feurige Stimmakrobatik wie Vivaldis 'La speranza verdeggiando' – eine typische Bravour-Arie.

Die italienische Oper der ersten beiden Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts beherrschte das europäische Musikleben (mit Ausnahme von Frankreich) und nicht nur die Werke, sondern auch die Interpreten wurden zu Exportschlagern. Man denke nur an die zahlreichen Sänger, unter ihnen die berühmten Kastraten Farinelli und Senesino sowie die Sopranistin Francesca Cuzzoni, die in England zur Zeit Händels rauschende Erfolge feierten und astronomische Gagen einfordern konnten. Die italienische Oper reüssierte in fast allen europäischen Metropolen, und mit ihr ihre Komponisten und Interpreten. Die gefeierten Sänger traten nicht nur in Opern auf, sondern auch in Konzerten, in denen sie ihre erfolgreichsten Arien zum Besten gaben, so genannte Pasticcios, die den Sängern Möglichkeit boten, ihre Stimmkunst ausgiebig zu präsentieren. Den Kunstgesang im 18. Jahrhundert kennzeichnen außerordentliche Virtuosität und sehr ‚instrumentaler‘ Gesangsstil: Die Stimme agiert wie ein konzertantes Instrument, die endlosen Melismen und Passaggien der Gesangspartien erinnern an die virtuosen Läufe und Kapriolen, wie sie ebenso in Instrumentalkonzerten der Epoche zu finden sind.

Gemma Bertagnolli lässt an keiner Stelle Zweifel daran aufkommen, dass sie diesen Anforderungen gewachsen ist. Sicher in der Intonation und beeindruckend souverän meistert sie die lyrischen wie die virtuosen Arien. Auffällig variantenreich und flexibel ist ihr Timbre, dessen gesamte Palette an Schattierungen und Farben durch den enormen Ambitus mancher Arien voll ausgeschöpft wird. Sie setzt diese Farbigkeit aber auch ganz bewusst (und gelungen) als Ausdrucksmittel ein, wenn sie der Arie der Rodelinda oder jener der Allegorie der Liebe ('Tu del ciel ministro eletto') ein zartes, süßes Timbre verleiht, der pathetisch-stürmischen Arie des Meglace in Vivaldis 'Olimpiade' dagegen einen resoluten Charakter und ein robusteres, dunkleres Timbre. Die endlos langen Passaggien und Läufe, die so typisch sind für bravouröse Kastratenpartien, muss sie gezwungenermaßen in zwei, manchmal drei Atemzüge aufteilen, während ein Kastrat diese einstmals wohl durchgesungen hätte; ein Zugeständnis an die heutige Aufführungspraxis, die die Qualität von Bertagnollis Darbietung jedoch nicht trübt. Die Koloraturen hätte sie gelegentlich, trotz des schon zurückgenommenen Vibratos, einen Hauch klarer und prägnanter singen können – man denke hier an Cecilia Bartoli. In den meisten Fällen jedoch setzt sich ihre Sorgfalt im Aussingen jeder Note auch hier fort. Die Verzierungen in den Da-capo-Arien sind erfrischend und originell gelungen; leider wird nirgends vermerkt, ob sie von Bertagnolli selbst oder von anderer Hand eingefügt wurden.

Das Programm der CD ist dem Konzertprogramm eines Pasticcios nachempfunden und mit Instrumentalwerken aufgefüllt, in denen sich das Ensemble Cordia unter der Leitung des Cellisten Stefano Veggetti präsentieren kann. Der knackige, frische und mit Spielfreude erfüllte Interpretationsstil, der vor allem durch das Ensemble Il Giardino armonico verbreitet wurde, hat sich inzwischen bei vielen jungen Barockensembles durchgesetzt und kennzeichnet auch den Spielstil des Ensembles Cordia. Sie passen sich ebenso gut an den furiosen Gesang der Sopranistin an, wie sie auch in den rein instrumentalen Stücken überzeugen; musikalisch stilsicher und mit einem homogenen Klang. Klassiker wie Händels ‚Wassermusik‘ oder sein Concerto grosso op. 3 Nr. 2 wurden dazu ausgewählt. Mit zwei Solopassagen, in einer Arie und einem Konzert Vivaldis, huldigt das Programm dem Instrument des Ensemble-Chefs.

Erfreulich ist, dass die ausgewählten Arien durchweg weniger bekannte Bravourstücke sind, die Arie von Veracini gar zum ersten Mal eingespielt und einem breiteren Publikum wieder zugänglich gemacht wurde. Überraschend erscheint manchem Hörer vielleicht die Auswahl zweier Arien von Vivaldi, der noch immer hauptsächlich für seine Concerti grossi und seine Violinkonzerte bekannt ist. Völlig zu unrecht, denn Vivaldi schrieb allein rund 50 nachgewiesene Opern, die er auch mit Erfolg in Venedig aufführte und seinen Ruhm zu Lebzeiten schon mitbegründeten. Diese beiden Vivaldi-Arien glänzen in der Einspielung zweifellos als Höhepunkte; besonders erwähnt sei hier die mit souverän gemeisterten Koloraturen angefüllte Arie aus Vivaldis 'Orlando finto pazzo'. Besonders gelungen erscheint nach diesem vokalen Feuerwerk die Schlussarie der Einspielung, eine süße, fast sakral anmutende Arie des Amore aus Händels 'Il trionfo del tempo e del disinganno', in der sich die Stimme Bertagnollis und die Solovioline in lyrischen Melodielinien einen innigen Dialog führen.

Der qualitativ hochwertigen Einspielung steht das schmale und wenig gehaltvolle Booklet gegenüber. Die Arientexte sind ohne Übersetzung abgedruckt, es folgt ein kurzer, recht oberflächlicher Text zum Programm und kurze Biographien der Interpreten. In Anbetracht des sehr moderaten Preises der CDs von Brilliant Classics ist man aber froh, dass immerhin nur am Booklet gespart wurde, was wohl am leichtesten zu verschmerzen ist. Die Klangqualität der Aufnahme lässt keine Wünsche übrig: Das Verhältnis von Orchesterpräsenz und Singstimme ist ausgewogen und der Klang sehr klar, so dass man auch Feinheiten hört, die gerade bei einer so nuancenreichen Stimme den Hörgenuss steigern. Als kleine Randnotiz sei die Covergestaltung erwähnt, die ein Ausschnitt aus Jan Vermeers ‚Mädchen mit dem Perlenohrgehänge‘ von 1665 ziert. Das Gemälde mag schön anzusehen sein, steht aber weder inhaltlich noch zeitlich in Zusammenhang mit der Musik.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Silvia Bier Kritik von Silvia Bier,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Gemma Bertagnolli singt: Barocke Arien von Hasse, Händel, Vivaldi u.a

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
1
11.06.2010
EAN:

5028421940717


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