> > > Rachmaninoff, Sergei: Sinfonie Nr. 2 e - Moll op. 27
Mittwoch, 30. November 2022

Rachmaninoff, Sergei - Sinfonie Nr. 2 e - Moll op. 27

Dunkel, brodelnd


Label/Verlag: LSO Live
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Valery Gergievs Einspielung der Zweiten Sinfonie von Sergej Rachmaninow darf als erfreuliche, wenn auch nicht als unabdingbare Ergänzung der Diskographie dieses Werks gelten.

Die Reihe der Konzertmitschnitte des London Symphony Orchestra aus dem Barbican wurde jüngst um eine weitere Aufnahme ergänzt. Valery Gergiev, in der Vergangenheit etwa mit weithin beachteten Tschaikowsky-Aufnahmen hervorgetreten und in letzter Zeit mit Schostakowitsch- Einspielungen erfolgreich reüssierend, nahm sich im September 2008 der Zweiten Sinfonie von Sergej Rachmaninow an – einer durchaus harten Nuss. Rachmaninows Zweite Sinfonie, nicht selten als die gelungenste seiner Sinfonien bezeichnet, stellt hohe Anforderungen an Orchester und Dirigent. Ans Orchester, weil sowohl die reichhaltige Farbpalette in all ihrer Fülle zum Klingen zu bringen ist als auch gleichzeitig die wichtigsten Linien deutlich aus der instrumentalen Textur heraushörbar sein müssen, soll die rund einstündige Sinfonie nicht auf ein reines Klangbad reduziert werden. Dem Dirigenten kommt dabei die heikle Aufgabe zu, für Deutlichkeit des musikalischen Gewebes ebenso zu sorgen wie für ein zielstrebiges Vorwärtsdrängen, für groß angelegte Spannungsbögen, vor allem aber für eine klare Disposition der formalen Dramaturgie. Dem London Symphony Orchestra unter Valery Gergiev gelingt dies – zumindest in Teilen.

Schmachtende Intensität

Gergiev hat sich dazu entschieden, die meist weggelassene Expositions-Wiederholung im Kopfsatz spielen zu lassen; daher wächst die Dauer bei ihm auf satte 22 Minuten an. (Dass er keine Kürzungen macht, wie das jahrzehntelang bei diesem Stück der Fall war, versteht sich in unseren Tagen von selbst.) Gergievs Entscheidung ist insofern konsequent, als diese Entscheidung seine romantischem Ungestüm Einhalt gebietenden Lesart entspricht. Wo andere, zumal russische Dirigenten im 'Allegro moderato'-Hauptthema weitaus größeres Stauen und Drängen vollziehen und vor allem die Durchführung – mit allen ihrer Unrast der Motivabspaltungen und -kombinationen – voranpeitschen, hält Gergiev das musikalische Geschehen im Griff. Seine Handhabung der Tempi ist keineswegs steif; doch vor allzu großen Accelerandi bei zunehmender Betriebstemperatur der Musik hütet er sich und hält das London Symphony Orchestra zurück. Erstaunlich ist dann aber sowohl das lebhafte Tempo des zweiten Satzes als auch das ‚hemmungslos‘ breit ausgesungene Seitenthema dieses schnellen Satzes, das in all seiner schmachtenden Intensität voll ausgebreitet wird – satte Portamenti inklusive. Die Nähe zu Hollywood ist spürbar nah, doch Gergiev lässt das große Gefühl nicht überschwappen.

Höhepunkt: das 'Adagio'

Am spannendsten gelang bei den Konzerten der dritte Satz, das 'Adagio'. Mit großem Atem lässt Gergiev die Kantilenen der Streicher gestalten, sehr schön weich, doch leicht zurückgenommen, mit Reserven fürs Kommende das herrliche Klarinettensolo. Gergiev lässt die Musik langsam kommen, baut Welle um Welle stetig steigernd auf und erreicht den Höhepunkt etwa in der Mitte des Satzes. Was folgt, ist ein von immenser Spannkraft und versiertem Überblick getragener Abbau der Spannung, durch einige Zwischenhöhepunkte gegliedert (die zweite Steigerung ist nicht so kraftvoll kulminierend wie die erste). Überzeugend, wenn auch nicht überragend, gerät das abschließende 'Allegro vivace'.

Das London Symphony Orchestra, dessen Klang auf dieser hybriden SACD gut eingefangen wurde, zeigt insgesamt eine gute bis sehr gute orchestrale Leistung. Einige Störungen, etwa die wacklige Intonation der Trompete im zweiten Satz, sind verzeihlich, handelt es sich doch um einen Konzertmitschnitt, der das Orchester im großen Ganzen in bester Verfassung präsentiert. Die Streicher überzeugen mit sattem Klang, eine betont kantable Gestaltung wird mit schwelgerischen Portamenti unterstützt. Zuweilen könnten in den Tutti die Holzbläser etwas kräftigere Farben beisteuern, in den Soli nehmen sie ebenso für sich ein wie die Blechbläser, insbesondere die kräftigen Hörner. Wie die Hörner mit den Streichern den Höhepunkt im langsamen Satz anbahnen, ist einer der Glanzpunkte der Aufnahme. Schade nur, dass die Kontrabässe durchweg etwas schwächlich erscheinen. Als Gegengewicht zu den hohen Streichern sowie als Stütze des instrumentalen Satzes sowie der Harmonien wäre etwas mehr klangliche Profundität schön gewesen. Und auch die Celli könnten, gerade in den Passagen, in denen sie eine Gegenmelodie zu den hohen Streichern exponieren, viel deutlicher zum Tragen kommen. Die Reichhaltigkeit des instrumentalen Satzes bleibt zuweilen etwas auf der Strecke, wenn Gergiev sich vor allem um die Geigen kümmert. Dass das London Symphony Orchestra stets zu einem dunklen, brodelnden, sonoren Gesamtklang zusammenfindet und Gergiev den Fluss der Musik wirkungsvoll zu gestalten weiß, macht die Aufnahme zu einer erfreulichen Ergänzung der Rachmaninow-Diskographie, wenn auch nicht zu einem Highlight.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Rachmaninoff, Sergei: Sinfonie Nr. 2 e - Moll op. 27

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
LSO Live
1
01.05.2010
60:53
2008
Medium:
EAN:
BestellNr.:

SACD
822231167723
LSO0677


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LSO Live

Einspielungen des Labels LSO Live vermitteln die Energie und Emotion der großartigsten Aufführungen mit höchster technischer Qualität und Finesse.

Liveaufzeichnungen bedeuteten früher gewöhnlich Kompromisse, aber heutzutage kann mit Hilfe der besten Aufnahmetechnik im Konzertsaal die Vitalität festgehalten werden, die im Studio so schwer nachzustellen ist.
Durch das Zusammenschneiden mehrerer Aufführungen können wir eine Vorlage schaffen, die die Spannung einer Konzertaufführung ohne unerwünschte Nebengeräusche bewahrt.

Seit 2000 veröffentlichte das LSO Live über 80 Alben und nahm zahlreiche Preise entgegen. Das London Symphony Orchestra war schon früher das am meisten aufgenommene Orchester der Welt, hatte es doch für zahlreiche Plattenfirmen gearbeitet und viele der berühmtesten Filmmusiken eingespielt. Die Investition in unsere eigenen Aufnahmen ermöglicht dem Orchester jedoch abzusichern, dass jede Veröffentlichung den höchsten Qualitätsansprüchen genügt und das Hören der besten Musik allen Menschen zugänglich ist.

Das LSO Live war eines der ersten klassischen Plattenfirmen, die Downloads anboten, um ein breiteres Publikum anzusprechen. Wir geben auch unsere Einspielungen im SACD Format (Super Audio Compact Disc) heraus. SACDs lassen sich auf allen CD-Spielern abspielen, ermöglichen aber den Hörern mit speziellen SACD-Spielern den Genuss eines hochaufgelösten, mehrkanaligen Klangs.

London Symphony Orchestra
Das London Symphony Orchestra wurde 1904 von einer Gruppe von Musikern gegründet, die für den Dirigenten Henry Wood spielten. Sie wollten ihr eigenes Orchester leiten und die Wahl haben, mit welchen Dirigenten sie zusammenarbeiteten. Sie beschrieben das LSO als eine musikalische Republik, und das Orchester war über Nacht ein Erfolg.

Heute gibt das LSO ungefähr 70 Konzerte pro Jahr in London und bis zu 90 auf Tournee. Es ist regelmäßig auf Konzertreise durch Europa, Nordamerika und im Fernen Osten. Waleri Gergijew ist seit 2007 Chefdirigent des LSO und Sir Colin Davis sein Präsident.

Das LSO organisiert auch das in der Welt am längsten laufende und umfangreichste Bildungsprogramm eines Orchesters: LSO Discovery. Mit seinem Sitz im Londoner Musikbildungszentrum LSO St Lukes schafft Discovery die Möglichkeit für Menschen aller Altersgruppen und Veranlagungen, mit Musikern des LSO zusammenzuarbeiten, etwas über Musik zu lernen und ihre Fertigkeiten zu entwickeln.


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