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Dienstag, 7. Dezember 2021

Brahms, Johannes - Sämtliche Lieder Vol. 1

Brahms, verkünstelt


Label/Verlag: Hyperion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Nur selten taugen Brahms Lieder zur Miniaturoper. Angelika Kirchschlager sucht ihr Heil im Zweifel dennoch in der Flucht zum großen Ton.

Wer Angelika Kirchschlager auf dem Cover sieht, wird nicht lange zweifeln, auf welche Seite des Booklets es beim CD-Kauf (völlig zu Unrecht natürlich) am meisten ankommt. Um so mehr darf man sich, da nun mit sämtlichen Brahms-Liedern wieder einmal eine große Hyperion-Reihe begonnen hat, bei jemand anderem bedanken. Die vorherigen Lieder-Serien mit Franz Schubert (37 Folgen), Robert Schumann (11) und Gabriel Fauré (4), es gäbe sie nicht ohne den Mann, der sie alle begleitet hat – am Klavier, aber auch konzeptionell und nicht zuletzt als Autor des Beihefts: Graham Johnson. Seine Begleittexte haben im ganzen Plattenmarkt nicht ihresgleichen. Inzwischen zwar wieder auf einen Umfang getrimmt, der gerade so wieder in eine Standard-CD-Hülle passt, verrät das immer noch 40 Seiten starke Booklet (wohlgemerkt nur zur ersten Folge, und einsprachig englisch) nach wie vor Forschereifer und enzyklopädischen Anspruch, wie sie sonst nirgends begegnen.

Da wird zunächst das wohlüberlegte Konzept erläutert, mit möglichst jeder Folge eine Liederreise durch Brahms’ ganze Schaffensspanne anzubieten. Und dann lässt Johnson seinen Quellen- und Wissensschatz auf den Leser los, schüttelt Querverweise bis in die entlegensten Ecken eines riesigen Repertoires aus dem Ärmel und interpretiert zu jedem einzelnen Lied munter drauflos – anekdotenfreudig, mit Witz und gelegentlich auch so handfest, dass man Brahms schon mal im Rotlichtmilieu wiederfindet. Natürlich entspricht nicht alles dem ästhetischen State of the art, etwa wenn von historischen ‚Vorwegnahmen‘ die Rede ist (als gäbe es so etwas) oder Leben und Werk umstandslos kurzgeschlossen, die Lieder dann zu ‚Seeleneinblicken‘, ‚Selbstportraits‘ und ‚Gefühlstagebüchern‘ erklärt werden (als wäre das Werk nur als Dokument zur Biographie von Interesse, und nicht etwa umgekehrt). Doch stets bieten die Einführungen eine eminente Verstehenshilfe, auch dort, wo sie zum Widerspruch reizen.

Berüchtigte Klaviertechnik

Der detailverliebten Beschreibung vor allem des Klavierparts steht in der klingenden Interpretation erstaunliche Dezenz gegenüber. Nicht der Autor, wohl aber der Pianist Graham Johnson tendiert mit seiner in Kennerkreisen eher berüchtigten Technik klar zum Understatement – und trifft sich darin immerhin beinahe mit Brahms, dem großen Verberger seiner immensen Kunstfertigkeit. Ganz anders Angelika Kirchschlager: Sie nimmt die kleine Bühne des Kunstlieds voll in Beschlag; vor allem die Rollenlyrik ist unverkennbar ihr Metier. Wie zielsicher und variabel sie alle erdenklichen Tonfälle in ihr dunkles Timbre aufzunehmen versteht, wie sie allein mit stimmlichen Mitteln eine enorme szenische Suggestivität entfaltet, das hat ohne Frage Klasse, auch und gerade in solchen Petitessen wie dem kölschen 'Och Moder, ich well en Ding han!', dem virtuos vorgetragenen Smile-off dieser CD.

Flucht zum großen Ton

Manche kleinere Unsauberkeiten könnte man darüber verschmerzen, auch leichte Brüchigkeiten hie und da. Anderes lässt sich trotz allem feinen Gespür für Stimmungen nur schwer überhören. Neben einigen Vokalverfärbungen und so mancher merkwürdig zerdehnten Silbe überrascht vor allem die nicht eben leichtgängige, selbst in den bereits herabtransponierten Liedern auch für einen Mezzosopran erstaunlich früh flackernde Höhe. Und mag sich die Kammersängerin auch insgesamt zur Zurückhaltung angehalten haben, im Zweifel sucht sie ihr Heil doch in der Flucht zum großen Ton. Nur selten taugen Brahms’ Lieder indes zur Miniaturoper; pathetischer Überschuss wirkt da schnell aufdringlich. Und so vermisst man selbst bei etwas so Artifiziellem wie dem Kunstlied hier vor allem die deklamatorische Natürlichkeit, die eine Art zweite Natur sein müsste: die Kunst, nicht gekünstelt zu erscheinen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Christian Schaper,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Brahms, Johannes: Sämtliche Lieder Vol. 1

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Hyperion
1
01.06.2010
Medium:
EAN:

CD
034571131214


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Hyperion

Founded in 1980, Hyperion is an independent British classical label devoted to presenting high-quality recordings of music of all styles and from all periods from the twelfth century to the twenty-first. We have been described as 'Britain’s brightest record label'. In January 1996 we were presented with the Best Label Award by MIDEM's Cannes Classiques Awards. The jury was made up of the editors of most of the leading classical CD magazines in the world - Classic CD (England), Soundscapes (Australia), Répertoire (France), FonoForum (Germany), Luister (Holland), Musica (Italy), Scherzo (Spain), and In Tune (USA & Japan).

We named our label after an altogether splendid figure from Greek mythology. Hyperion was one of the Titans, and the father of the sun and the moon - and also of the Muses, so we feel we are fulfilling his modern role by giving the art of music to the world.

The repertoire available on Hyperion, and its subsidiary label Helios (Helios, the sun, was the son of Hyperion), ranges over the entire spectrum of music - sacred and secular, choral and solo vocal, orchestral, chamber and instrumental - and much of it is unique to Hyperion. The catalogue currently comprises nearly 1400 CDs and approximately 80 new titles are issued each year. We have won many awards.

Our records are easily available throughout the world in those countries served by our distributors. A list of the world's top Hyperion dealers, listed by country and city, can be found on our homepage. But if you have any difficulty please get in touch with the distributor in your territory. In Germany that is Note 1 Music Gmbh.


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