> > > Rautavaara, Einojuhani: Orchesterwerke ´Before the Icons´ & ´A Tapestry of Life´
Donnerstag, 28. Oktober 2021

Rautavaara, Einojuhani - Orchesterwerke ´Before the Icons´ & ´A Tapestry of Life´

Symphonische Mystik


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ausgezeichnete Interpretation zweier religiös-spirituell inspirierter Werke Rautavaaras, die zwar wenig Neuigkeitswert bieten, aber trotzdem überzeugen.

Der 1928 geborene Einojuhani Rautavaara ist vielleicht der erfolgreichste Komponist Finnlands. Viele seiner Stücke atmen die Weite, das Licht und die Freiheit der Natur Finnlands, und nicht selten haben seine Kompositionen, vor allem seit den 1980er Jahren, eine explizit spirituell-mystische Konnotation. In dieser Tradition, die manchem Hörer vielleicht zu aufdringlich tonal und romantizistisch klingen mag, stehen auch die beiden Stücke dieser Aufnahme. Rautavaara sagt von sich, dass er als Kind mit seinen Eltern eine griechisch-orthodoxe Bischofsweihe besucht und diese einen starken und bleibenden Eindruck auf ihn gemacht habe.

'Before the Icons' (Vor den Ikonen) ist von diesem Erlebnis geprägt. Die auf dieser Aufnahme eingespielte Orchesterfassung von 2005 geht auf das Jahr 1955 zurück. In diesem Jahr veröffentlichte Rautavaara als sein Opus 6 eine Komposition für Soloklavier, in dem sechs ein- bis dreiminütige Stücke jeweils den Titel einer Ikone tragen, für die sich der Komponist durch ein deutsches Buch mit Abbildung von Ikonen inspirieren ließ. Rautavaara hatte eigentlich schon damals vor, die Stücke zu orchestrieren, kam aber erst 50 Jahre später zum Abschluss. Die deutlich längere Orchesterfassung ist zusätzlich durch drei Gebete und einem Schlussstück, einem Amen, ergänzt. Die Komposition der Ikonen ist keine Programmmusik im emphatischen Sinn, denn die Bildelemente der Ikonen werden nicht einfach musikalisch umgesetzt. Rautavaara beschreibt eher die innere Reaktion des Betrachters auf die Ikonen selbst, die noch einmal in den Gebeten ihren Wiederhall findet.

'The Tapestry of Life' (vielleicht am besten mit ‚Der Klangteppich des Lebens‘ übersetzt) ist Rautavaaras vorerst letzte Komposition von 2007, die er nach einer überraschenden Genesung von einer schweren Krankheit geschrieben hat. In den vier Stücken dominiert ein breiter, geerdeter Orchesterklang, weit ausschwingende, satte Melodiebögen, vor allem in den Streichern. Keine Bilder, sondern Gedichte von einer der wichtigsten Lyrikerinnen Finnlands, Edith Södergran, liegen dieser Komposition zugrunde. Leider sind nicht die Gedichte, sondern nur eine kurze Beschreibung derselben im Booklet abgedruckt. Das erste Gedicht beschreibt sanft vom Himmel fallende Sterne, die in den Gärten leuchtende Splitter hinterlassen. Rautavaaras Komposition ist suggestiv: Der satte, tiefe Streicherklang lässt einen die Geborgenheit der Nacht und des dunklen Gartens assoziieren, in den durch Harfen-Glissandi und helle Klänge die Sterne blinken und vom Himmel zu fallen scheinen. Im zweiten Stück, 'Halcyons Day' (Glückliche Tage) dominiert eine weit ausladende, ausgesprochen intensive Streicherkantilene, eine endlos scheinende, sich immer weiter entfaltende Melodie, die auch durch Einbrüche der Holz- und Blechbläser nicht in ihrer vorwärtsdrängenden Bewegung aufgehalten werden kann. Im Kontrast dazu das dritte Stück, 'Sighs and Tears' (Seufzen und Tränen), das sich zunächst zwar klanglich und in der Streichermelodie unmittelbar an das zweite anschließt, aber schnell durch Oboe und Englischhorn einen ernsten, aber auch in den Spannungen versöhnten Tonfall bekommt, bevor sich dann die Streicherkantilene wieder durchsetzen kann. 'Die letzte Polonaise', ein teilweise unruhigeres Stück mit viel Schlagwerk, vollem Orchester und rhythmisch prägnantem Schluss, beschließt den viersätzigen Zyklus.

Leif Segerstam, der bereits viele Werke von Rautavaara bei Ondine eingespielt hat, leitet das Helsinki Philharmonic Orchestra. Mit großer Intensität lässt er musizieren, arbeitet die Klangfarben suggestiv heraus und beweist einmal mehr, dass er ein kongenialer Interpret Rautavaaras ist.

So gelungen die Aufnahme auch ist, in einer Hinsicht bleibt ein etwas ambivalenter Eindruck zurück. Ganz deutlich ist Rautavaara mit seiner Komposition über die sechs Ikonen noch nicht auf Höhe seiner Kunst angelangt. Daran mag auch die Orchesterfassung nicht wirklich etwas ändern. Anders das zweite Stück, die 'Tapestry of Life'. Aber diese Art von symphonischer Komposition mit den überwältigenden Klangfarben und den intensiven, weit ausschwingenden Melodiebögen kennt man aus anderen Werken Rautavaaras, beispielsweise seiner 'Autumn Gardens' bereits, so dass nicht wirklich Neuland begangen wird. Insofern ist der Repertoirewert nur für eingefleischte Rautavaara-Fans wirklich hoch.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rautavaara, Einojuhani: Orchesterwerke ´Before the Icons´ & ´A Tapestry of Life´

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Ondine
1
17.05.2010
49:37
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
761195114926
ODE 1149-2


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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