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Mittwoch, 20. Oktober 2021

Widmann, Jörg - Werke für Ensemble

Tradition mit falschen Tönen


Label/Verlag: Neos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Collegium Novum Zürich spielt Kompositionen von Jörg Widmann. Rundum gelungen ist die Produktion allerdings nicht.

Drei bereits etwas ältere Werke des 1973 Klarinettisten und Komponisten Jörg Widmann hat das Ensemble Collegium Novum Zürich für das Schweizer Radio DRS und das Label NEOS eingespielt. Das erste Stück, 'Frei Stücke' von 2002 dirigiert Jörg Widmann selbst. In jedem der zehn freien Stücke, das längste ist gut fünf Minuten lang, das kürzeste nicht einmal eine, verfolgt Jörg Widmann eine kompositorische Idee, wie Glissando, Geräusch oder Klangfarbenmelodie. Inwieweit die Stücke ,frei’ sind, wird im Booklet leider nicht erklärt. Es sind sehr gut instrumentierte, unterhaltsame und handwerkliche perfekte Kompositionen.

Mehr noch als in den freien Stücken greift Widmann mit dem 'Oktett' auf eine Tradition aus dem vorletzten Jahrhundert zurück. Auch hier zeigt sich, wie hervorragend Widmann Atmosphären schaffen, Gefühle erzeugen kann. Allerdings weisen diese, wie auch in den freien Stücken, wenig zwingend Verbindendes untereinander auf; jeder Abschnitt steht allzu sehr für sich. Die 'Freien Stücke' scheinen, so betrachtet, eher Studien zu sein. Im 'Oktett' ist leider nicht zu hören, ob hier das Collegium Novum Zürich ob des verlangten Gestus‘ Schwierigkeiten mit romantischer und klassischer Musik hat, oder ob es Widmanns Absicht ist, dass das Ensemble anders als in den 'Freien Stücken’ recht behäbig und nicht allzu koordiniert spielt. Im letzteren Fall, der vielleicht der wahrscheinlichere ist, fragt man sich doch vergeblich, was die künstlerische Notwendigkeit dafür ist. Vervollständigt wird die CD mit den 'Sieben Abgesängen auf eine tote Linde’, die der Komponist 1997 im Alter von 24 Jahren schrieb. Der Text dazu wurde im Booklet leider nicht abgedruckt.

Reaktivierung

Überhaupt ist die künstlerische Haltung der vorliegend drei eingespielten Kompositionen nicht wirklich überzeugend. Die Musik bleibt absichtsvoll eklektisch, verwechselbar. Da ist wenig Eigenes, sodass man eine Komposition dem Komponisten kaum zuzuordnen vermag. Sicher, in den drei Werken Widmanns finden sich zahlreiche und raffinierte Reminiszenzen an die Musik des vorletzten Jahrhunderts. Aber genügt es, Gefühle der Vergangenheit zu aktivieren? Sind die Werke der Romantik und Klassik in den Konzerthäusern etwa bedroht? Es gab einmal eine Zeit, und sie ist gar nicht so lange her, da war es von staatlicher Seite erwünscht, dass neue Kompositionen für das Publikum leicht zu fassen sein sollten. So verwendeten Komponisten eine bekannte musikalische Sprache, gewürzt mit ein paar modernen, aus dem Rahmen fallenden Tönen. Sehr viele der Komponisten aus dieser Zeit werden heute kaum noch gespielt, selbst wenn sie sich über die offiziellen Vorgaben hinwegsetzten und wirklich ausgezeichnete Kompositionen schufen. Unter den Bedingungen der offiziellen Kunstvorgabe kann eben keine gute Kunst entstehen, so die in der entgegengesetzten Himmelsrichtung auch heute noch propagierte, weit verbreitete Auffassung.

Da ist es ziemlich frappierend, wenn heute so angesehene Ensembles wie das Collegium Novum Zürich und das Label NEOS drei Kompositionen einspielen, die zwar nicht an diese Zeit anknüpfen, gleichwohl aber von einer ähnlichen Haltung bestimmt zu sein scheinen. Man lernt daraus, dass diese Haltung eigentlich doch salonfähig ist. Sie muss nur aus der richtigen Himmelsrichtung kommen. Für eine Kunst, die eher auf die Gegenwart und in die Zukunft blickt als in die Vergangenheit, ist das sehr schade.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Patrick Beck Kritik von Patrick Beck,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Widmann, Jörg: Werke für Ensemble

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Neos
1
01.08.2013
Medium:
EAN:

CD
4260063109232


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Neos

NEOS ­ das neue Label für Zeitgenössische Musik, das seit Mitte Mai 2007 auf dem deutschen, seit Oktober 2007 auch auf dem internationalen Markt präsent ist. Im Zentrum der Neuveröffentlichungen stehen Kompositionen des  20. und 21. Jahrhunderts - die Betonung liegt dabei auf Welt-Ersteinspielungen.

Insofern setzt Wulf Weinmann den bei seinem früheren Label col legno eingeschlagenen Weg konsequent fort. Langjährige frühere Partner wie  das Internationale Musikinstitut Darmstadt (IMD), die Donaueschinger Musiktage des SWR, die musica viva des Bayerischen Rundfunks oder die Salzburger Festspiele haben die Zusammenarbeit mit Weinmann auch für die Zukunft vereinbart.

Inzwischen weitet sich NEOS programmatisch aus: Vier Produktlinen entwickeln sich im Kontext Neuer Musik in Zusammenarbeit mit Komponisten und Interpreten, die über ein weit gespanntes Repertoire verfügen: Aufnahmen, die Tradition und Moderne verbinden, Werke früherer Meister in bisher nie oder selten gehörten Interpretationen meist originaler Bearbeitungen sowie eine Jazzlinie mit Musikern, die man eher aus der zeitgenössischen Musikszene kennt, wie Olga Neuwirth oder Mike Svoboda.

NEOS veröffentlicht pro Jahr ca. 40 CDs, SACDs und DVDs, die weltweit (z.B. in Deutschland über helikon harmonia mundi) vertrieben werden. Hohe technische Qualität der Aufnahmen ist selbstverständlich. Auch Design und ansprechende Verpackung sind zentrales Anliegen: Alle Produktionenerscheinen in Digipacks mit ausführlichen Textinformationen und Illustrationen.


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