> > > Vasks, Peteris: Die Jahreszeiten
Montag, 6. Dezember 2021

Vasks, Peteris - Die Jahreszeiten

Nur weiter denn, nur weiter


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


In Lettland war es das «Konzert des Jahres 2009»: die zyklische Uraufführung der Jahreszeiten für Klavier von Peteris Vasks. Doch in diesen Stücken will das Eis nicht brechen, trotz des fabelhaften Pianisten Vestards Simkus.

Am Anfang war es nur eine ‹Weiße Landschaft›, weit und öde, starr und spröde. Der Komponist Peteris Vasks hat dieses einzelne Klavierstück über den Winter seiner lettischen Heimat schon 1980 geschrieben, und kurz darauf dann eine ‹Herbstmusik›. Aber erst nachdem er seine Klaviersonate namens ‹Frühlingsmusik› (1995) unter den Händen eines seiner Schüler gehört habe, sei für ihn die Idee eines Vierteilers akut geworden. Nach 28 Jahren waren die lettischen ‹Jahreszeiten› (Gadalaiki) komplett; auf das letzte Stück ‹Grüne Landschaft› ließ Vasks gewissermaßen als Encore gleich noch eine ‹Sommerabendmusik› folgen. Zyklus und Zugabe wurden 2009 in Riga uraufgeführt, und zwar von besagtem Kompositionsschüler, der eigentlich Konzertpianist ist: Vestards Šimkus. Es war das «Konzert des Jahres» in Lettland; der Mitschnitt ist nun bei Wergo erschienen.

Und dass dies eine Liveaufnahme sein soll, ist tatsächlich kaum zu fassen. Nicht so sehr wegen der Klangabnahme, die extrem direkt wirkt und oft eine Spur zu dicht. Kein Mucks aus dem Publikum also; dafür das Atmen und Hauchen eines Interpreten, der mit Herz, Lunge und manchmal auch Kehle zu Werke geht. Wie souverän Šimkus diese knappe Stunde Musik bewältigt, mit welch ausgefeilter Anschlagskultur und wie präzise im Timing, das ist allerdings wirklich spektakulär. Vasks ‹Weiße Landschaft›, in der alles verhallen muss und doch nichts recht verklingen will – der Pianist durchmisst sie, so weit die Tasten tragen: nur weiter denn, nur weiter. Es ist das spannendste, gelungenste der fünf Stücke, und das Klischee von den Pausen, in denen die eigentliche Musik liege: hier stimmt es endlich einmal. Wenn dann der Frühling nach einigem Dahinplätschern recht ruppig hereinbricht, kann sich Šimkus auch im anderen Extrem beweisen: mit viel Kraft und erstklassiger Motorik in diesem überraschend serialistisch daherkommenden Gedonner. Auch die seltsam über-apokalyptischen Stürme der ‹Herbstmusik› meistert er im Stile eines noch zu erfindenden mechanischen Klavierzusatzes, den man «Repetitionsschweller» nennen könnte.

Doch auch Šimkus, von Komponisten zum idealen Interpreten der ‹Jahreszeiten› geadelt, kann nicht über die ganze Strecke dieses etwas seltsam proportionierten Jahres hinwegtragen. Die bei Vasks oft demonstrativ in und um sich selbst kreisende Motivik ist dabei weniger das Problem, auch nicht die Tonsprache, die sich kaum einmal zwei Schritte übers Tonale hinauswagt. Was der Komponist selbst nur halb im Scherz als seine «Harmlosigkeit» charakterisiert, trägt sogar nicht wenig dazu bei, dass diese über mehrere Jahrzehnte verstreuten Jahreszeiten überhaupt einigermaßen zusammenhalten. Wenn Vasks allerdings auch von Zweifeln berichtet, «ob es tatsächlich möglich ist, das Wunder der Jahreszeiten mit Hilfe von 88 schwarzen und weißen Tasten und zwei Händen zu erzählen», geben die späteren Zyklusteile den Bedenken recht – vor allem, weil sie alles andere als aphoristisch anmuten.

Mit ‹Fernes Licht› (Tala gaisma) hat Vasks eines der herausragenden neueren Violinkonzerte geschrieben; es zeigt ihn als Streicherkomponisten von lodernder Suggestivität. In den ‹Jahreszeiten› will das Eis jedoch nicht brechen. Auf dem Klavier scheint sich Vasks jenseits des Kalten, Klirrenden kaum eine überzeugende Klangidee zu bieten, es sei denn eine naiv-naturalistische – von einer interessanten Geschichte ganz zu schweigen. So ziehen denn auch in der ‹Sommerabendmusik› die immergleichen Schneekugelfiguren vorbei, und ob grün, ob weiß: Landschaft bleibt Landschaft. Fast möchte man da schon wünschen, in Lettland wäre ewig Winter.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Christian Schaper,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Vasks, Peteris: Die Jahreszeiten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
1
01.05.2010
Medium:
EAN:

CD
4010228673425


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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