> > > Bornhöft, Achim: Werke für Ensemble & Elektronik
Dienstag, 25. Juni 2019

Bornhöft, Achim - Werke für Ensemble & Elektronik

Versuch über Kunst und Leben


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Achim Bornhöfts Musik arbeitet an der Verknüpfung von Kunst und Leben.

Eine erfreuliche Entwicklung bemerkt der Hörer seit geraumer Zeit in der Reihe ‚Edition Zeitgenössische Musik‘ des Deutschen Musikrates, die in regelmäßiger Folge bei Wergo erscheint: Die portraitierten Komponisten nutzen den Silberling nicht mehr länger als eine Konserve, die sie mit Uraufführungsmitschnitten füllen können, sondern begreifen die Aufnahme immer mehr als eigenes Medium – schließlich ist auch das Medium die Botschaft. Achim Bornhöft, dem die jüngste Folge der Edition gewidmet ist, hat die ausgewählten Werke ganz bewusst den Möglichkeiten und Grenzen einer Stereo-CD angepasst, so dass dem Hören hier tatsächlich eine andere und eben keine geringere Wertigkeit als beim realen Mitvollzug eines Konzerts zukommt.

Eingerahmt wird das Programm von der elektronischen Komposition 'Naturell', die Bornhöft als ein wandelbares work in progress begreift. Soundfiles, Feldaufnahmen aus der Natur, fügen sich zusammen zu einer Studie ‚über Sein und Schein‘, über die pluralen Identitäten dessen, was uns im Alltag umgibt. Wie ein Gruß aus der Küche bringen diese Musiken konzis auf den Punkt, was Bornhöft kompositorisch umtreibt: der ganz selbstverständliche Einbezug neuer Medien in den Kompositionsprozess – seit 2006 ist Achim Bornhöft Leiter des Studios für Elektronische Musik am Mozarteum in Salzburg – und der flexible Zugriff auf die Gestalt eines Werkes, das eben in verschiedenen Situationen sich anders entfalten kann, wie zum Beispiel im Falle der Wiedergabe durch zwei Lautsprecher. Bornhöft verlässt sich in seiner Musik nicht auf einen einmal gefundenen Personalstil, sondern geht jede Arbeit unter unterschiedlichen Vorzeichen neu an. ‚Mich interessieren Dinge, die mir passiert sind, Dinge, die ich gelesen oder sonstwo aufgeschnappt habe, Dinge, die sich mit meinem Leben verbinden‘, schreibt er.

Das Streichquartett 'Concent' ist so ein Beispiel, in dem das persönlich Erfahrene mittels Kunst aufgewertet wird. Es ist eine Erinnerung an den von den Nationalsozialisten ermordeten Komponisten Victor Ullmann, zugleich eine Mahnung der Erinnerung, des Nicht-Vergessens und der Wahrheit. Da kann dann auch ein Linkin-Park-Zitat auftauchen, ohne dass es crossoverhaft peinlich wird. Live-elektronische Techniken erzeugen einen Klangraum um die Aktionen des Streichquartetts herum, der die Klänge haptisch aufwertet, ihnen in die Dreidimensionalität verhilft. Eine Musik, die man nicht nur hören, sondern auch spüren kann.

In 'Aceton' für vier E-Gitarren und Live-Elektronik hat Bornhöft ein algorithmisches Verfahren angewendet, das die Musik ständig zwischen höchster Determination und einkalkulierten Variablen pendeln lässt. Auch diesem Stück liegt ein außermusikalischer Impuls zugrunde, nämlich die geheimen Wetterexperimente des britischen Geheimdienstes in den fünfziger Jahren. Doch auch als Handwerker am Klang überzeugt Bornhöft, vor allem in der Duokomposition 'Lack' für Flöte, Klarinette und Live-Elektronik, in der das akustische Material wie ein Werkstück behandelt, bearbeitet, gefeilt und geschliffen wird. 'Infrarot' für vier Schlagzeuger und Tonband schließlich bezieht sich auf ein eigenes Gedicht, das zwar stumm bleibt, der Musik jedoch klar nachvollziehbare Erzählstrukturen verleiht.

Kunst ist Leben. Leben ist Kunst. In Achim Bornhöfts Musik stolpert der Hörer immer wieder über Einbrüche vom einen ins andere. Musik ist hier nicht nur reine Töneklauberei, sondern in jedem Moment beeinflusst vom persönlichen Erleben. Gleichzeitig liefert Bornhöft keine belanglosen Daily-Soap-Episoden, sondern konzis konzipierte Klangmomente, die besonders in der gewählten Form ein Mehrwert-Hören möglich machen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Bornhöft, Achim: Werke für Ensemble & Elektronik

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
1
01.05.2010
Medium:
EAN:

CD
4010228657722


Cover vergössern

WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Von Paul Hübner zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

  • Zur Kritik... Und vorm Einschlafen schnell noch ein Bier: Martin Schüttler gehört zu den Komponisten, die akustische Realitäten konsequent in ihre Musik integrieren. Weiter...
    (Paul Hübner, 05.03.2010)
  • Zur Kritik... Kunst und Alltag: Hannes Seidl präsentiert mit seiner 'Musik für übers Sofa' in der ?Edition zeitgenössische Musik? des Deutschen Musikrats einen anregenden Entwurf zur Gestaltung unserer alltäglichen Lebenswelt. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, 14.09.2009)

Weitere Besprechungen zum Label/Verlag WERGO:

  • Zur Kritik... Klassiker der Moderne: Diese Wiederveröffentlichung von Pierre Boulez' klassischer Einspielung von Arnold Schönbergs Serenade op. 24 zeigt: Auch eine halbe Stunde Musik kann eine Welt sein. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Dirigierender Komponist: Die kommunikative Qualität von Hans Zenders Musik kommt auf dieser Einspielung bestens zur Geltung. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Westfälische Italien-Rezeption: Italienische Lyrik des 19. Jahrhunderts einmal anders: Klaus Ospalds Zyklus 'La ginestra o il fiore del deserto' überzeugt mit kraftvollen Klangbildern. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von WERGO...

Weitere CD-Besprechungen von Paul Hübner:

  • Zur Kritik... Klangräume 2010: Im Jahr 2010 stand das Streichquartett im Zentrum der Donaueschinger Musiktage, folglich rückt es auch in der von NEOS veröffentlichten Dokumentation dieser Veranstaltung ins Zentrum. Daneben gibt es auch Orchesterstücke zu hören. Weiter...
    (Paul Hübner, )
  • Zur Kritik... Klangschach: Zug um Zug: Mark Andrés 'Musiktheater-Passion' ist ein faszinierendes Klangerlebnis, nicht zuletzt dank der exzellenten klanglichen Umsetzung. Weiter...
    (Paul Hübner, )
  • Zur Kritik... Klangrealistische Referenzen: Zu Helmut Lachenmanns 75. Geburtstag legt WERGO drei Referenzaufnahmen neu auf. Weiter...
    (Paul Hübner, )
blättern

Alle Kritiken von Paul Hübner...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Bachs Cembalo konzertant: Fabio Bonizzoni und La Risonanza überzeugen auf dieser Einspielung mit hochklassigen Erkundungen in Bachs konzertantem Cembalo-Kosmos. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Dramatisch und sensibel: Christian Tetzlaff und das Finnish Radio Symphony Orchestra unter Hannu Lintu bereichern die Diskographie von Bartóks beiden Violinkonzerten mit einem sensibel ausgehörten, zugleich hochdramatischen Zugriff. Weiter...
    (Dr. Dennis Roth, )
  • Zur Kritik... Kammermusik vom Allerfeinsten: Das Diogenes Quartett wirft einen intensiven Blick auf den Streichquartettkomponisten Gernsheim. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (6/2019) herunterladen (3061 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Josef Holbrooke: Symphony No.3 op.90 - Merchantships - Finale Marcia - Poco allego marcato

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich