> > > Jan Dismas Zelenka:: Missa votiva ZWV 18
Freitag, 23. Februar 2018

Jan Dismas Zelenka: - Missa votiva ZWV 18

Schwung und Schauer


Label/Verlag: Carus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Frieder Bernius, ein Quartett hochkarätiger Solisten, der Kammerchor und das Barockorchester Stuttgart veröffentlichen mit der Einspielung von Zelenkas 'Missa votiva' bei Carus einen Ohrenschmaus aus Dresden.

Wer diesen Namen noch nicht kannte, wird ihn sich spätestens nach dem Hören dieser CD fest eingeprägt haben: Jan Dismas Zelenka. Der böhmischstämmige Komponist wirkte in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts am Dresdner Hof, wo er zunächst den häufig kranken Kapellmeister Johann David Heinichen vertrat und später selbst ‚Kirchen-Compositeur‘ wurde. Schon wieder einer dieser netten, aber musikalisch unbedeutenden Kleinmeister des Barock, den man um seiner selbst Willen ausgegraben hat? – Nein, keineswegs. Denn Zelenkas Musik weist eine immense Tiefe und Wandelbarkeit auf.

Seine späte Messkomposition aus dem Jahr 1739, die 'Missa votiva' ZWV 18, war nicht für den Hofgottesdienst bestimmt, sondern Ausdruck eines persönlichen Schaffensbedürfnisses. Die musikalische Sprache, die Zelenka hierfür findet, ist so farbig wie das Leben selbst. Vom überschwenglich-jubelnden Gotteslob bis hin zur düstersten Bedrücktheit bei der Kreuzigung Jesu reicht das Ausdrucksspektrum, das durch die hervorragende Besetzung der beim Label Carus erschienenen CD unter der Leitung von Frieder Bernius zum mitreißenden Erlebnis wird.

Es singen Joanne Lunn (Sopran), Daniel Taylor (Altus), Johannes Kaleschke (Tenor), Thomas E. Bauer (Bass) und der Kammerchor Stuttgart, die von einem unüberhörbar hoch motivierten Barockorchester Stuttgart mehr als nur begleitet werden. Frieder Bernius, ausgewiesener Spezialist für Alte Musik, entlockt dem orchestralen Klangkörper feinste Nuancen in der Gestaltung von instrumentalen Abschnitten in der Messe. Und es ist vor allem der schier unbändige Spieleifer bestechend, mit dem die Instrumentalisten die schnellen Nummern dieses Werks präsentieren: Das 'Gloria' strotzt vor Schwung und Elan, nicht weniger der Satz 'Et resurrexit'. Rhythmisch überaus prägnant, dabei feinsinnig phrasiert und angetrieben durch einen permanent spannungsgeladenes Continuo – im Gegensatz zu vielen Interpretationen von Barockmusik, in denen dieser Part sträflich vernachlässigt und dadurch langweilig wird, ist er hier die nimmer müde Triebkraft des Geschehens – geraten diese Abschnitte zu wahrer (Ba-)Rockmusik. Die energischen Striche zu Beginn des 'Christe eleison' sind ein Beispiel dafür, dass Frieder Bernius auch nicht davor zurückschreckt, die perkussiven Qualitäten dieser Musik zu nutzen, um ihr Schwung und Expressivität zu verleihen.

Der Kammerchor Stuttgart steht den Instrumentalisten in puncto Begeisterung kaum nach. Sein Gesamtklang ist homogen, und er erweist sich als ungemein flexibel, wenn es darum geht, unmittelbar nebeneinander stehende Kontraste zu illustrieren wie im 'Et resurrexit', wo inmitten des Jubels ein düsterer, von Vorhaltsdissonanzen geprägter Abschnitt eingeschoben ist. Jeder Affekt findet seinen ganz natürlichen Ausdruck in der Interpretation, nichts wirkt künstlich-manieriert, die Schönheit dieser Musik verlangt nicht nach aufgesetzter Theatralik oder gesteigertem Pathos, wenn man, wie Bernius, das ihr innewohnende Potential selbst voll auskostet.

Die Solisten vervollständigen das Ensemble auf sehr erfreuliche Weise. Joanne Lunns geschmeidiger Sopran, der besonders in der Höhe glockenrein klingt und mit einer an die Stimme eines Knaben erinnernden, anrührenden Naivität ('Qui tollis') besticht, evoziert geradezu das Bild der betenden Jungfrau. Sehr expressiv ist die Stimme Daniel Taylors, die in ihrer Weichheit ein fast weibliches Timbre hat. Das Altsolo im 'Et incarnatus est' ist ein Höhepunkt an Ausdrucksintensität in dieser Messe. Zum einen, weil Zelenka hier mit der Tradition des pastoral-versöhnlichen Gestus‘ zur Darstellung der Menschwerdung Christi bricht und in einem düsteren Lamento die unmittelbare Verbindung des Ereignisses zum späteren Kreuztod herstellt, das 'Crucifixus' antizipierend. Zum anderen, weil Taylor das Solo in seinem erschütternden Klageton regelrecht zu leben scheint. Die kurzen Phrasen erfüllt er mit einer bedeutungsvollen Schwere, ohne dabei über die Stränge zu schlagen und den Satz zu einem emotionalen Ausbruch, einem Drama zu verdrehen. Taylors Gesang bettet sich ganz selbstverständlich in den sonoren Klang des Orchesters und formt die Szene zu einer ganz intimen, tief empfundenen Lamento, das einem Schauer über den Rücken jagt. Thomas E. Bauer singt das Solo des 'Quoniam tu solus sanctus' in einem herrschaftlichen, überaus stattlich Ton, der dem Inhalt voll gerecht wird und der Tenor Johannes Kaleschke – von Zelenka nicht mit einem eigenen Solo-Satz bedacht – fügt sich umstandslos in das insgesamt sehr harmonisch zusammenwirkende Solistenquartett ('Agnus Dei') ein.

Was diese Aufnahme zu einem wahren Genuss macht, ist, dass sie – in einer perfekten Symbiose von Komposition und Interpretation – den tiefen, ergreifenden Ernst eines Johann Sebastian Bachs mit der überschäumenden Verve eines Antonio Vivaldi in einem Werk verbindet. Die Sogwirkung dieser CD hält von Anfang bis Ende, was sie zu einer uneingeschränkten Empfehlung mit fraglos hohem Repertoirewert macht!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Susanne Ziese Kritik von Susanne Ziese,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Jan Dismas Zelenka:: Missa votiva ZWV 18

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Carus
1
01.05.2010
69:15
2008
EAN:
BestellNr.:

4009350832237
8322300


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"Zelenkas Messvertonungen der Jahre 1739 bis 1741 entstanden ohne offizielle Kompositionsaufträge und stellen autonome Kunstwerke dar, die nicht mehr an liturgische Beschränkungen gebunden sind. In dieser Zeit entstand die umfangreiche Missa votiva ZWV 18 als Erfüllung eines Gelübdes, nachdem der Komponist von einer ernsthaften Erkrankung genesen war. Nach dem großen Erfolg seiner Einspielung der Missa Dei Patris setzt Frieder Bernius mit der vorliegenden Einspielung sein Engagement für die Musik von Jan Dismas Zelenka mit dem Kammerchor und dem Barockorchester Stuttgart und international herausragenden Solisten fort."


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Der Name Carus steht weltweit als ein Synonym für höchsten Anspruch und Qualität auf dem Gebiet geistlicher Chormusik. Dies betrifft nicht nur unsere zuverlässigen Noteneditionen vieler zu Unrecht in Vergessenheit geratener Werke. Es ist uns ein besonderes Anliegen, gerade diese Werke - oft als Weltersteinspielungen - auch in exemplarischen Interpretationen durch hochrangige Interpreten und Ensembles auf CD vorzulegen. Der weltweite Erfolg unseres Labels führte zur Erweiterung unseres Katalogs: Neben der Chormusik, die weiterhin den Schwerpunkt des Labels bildet, haben gerade in den letzten Jahren einige Aufnahmen barocker Instrumentalwerke internationale Beachtung gefunden. Unsere Zusammenarbeit mit erstklassigen Interpreten führte zu einer hohen Klangkultur, die mit der Verleihung vieler internationaler Preise honoriert wurde (Diapason d'Or, Preis der Deutschen Schallplattenkritik, Gramophone - Editor's choice).


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