> > > Modern Clarinet Classic. Evgeni Orkin spielt: Werke von Strawinsky, Orkin, Berio u.a
Samstag, 15. August 2020

Modern Clarinet Classic. Evgeni Orkin spielt - Werke von Strawinsky, Orkin, Berio u.a

Gleichgültige Klassiker


Label/Verlag: Coviello Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Evgeni Orkin interpretiert Werke für Klarinette solo. Seine Interpretationen dieser ?Klassiker? bleiben allerdings blass und konturlos.

Man muss schon ein gerüttelt Maß an Selbstbewusstsein haben, um eine CD ‚Meisterwerke des 20. Jahrhunderts’ zu nennen und jenen Werken ein eigenes beizufügen. Genau das tut Evgeni Orkin, der neben seiner Tätigkeit als konzertierender Klarinettist auch komponiert. Es ist dagegen natürlich überhaupt nichts einzuwenden, wenn man als Komponist den Vergleich mit den bewährten Platzhirschen der Literatur nicht scheut. Allerdings ist es nun einmal charakteristisch für ‚Klassiker’, dass sie erst zu solchen werden, wenn sie sich gegen ihr eigenes Vergessenwerden behaupten können. Insofern wirkt die Auswahl dreier Stücke, die noch keine 15 Jahre alt sind, zumindest anfechtbar. Andererseits hat Orkins gewähltes Repertoire, die Solo-Werke für Klarinette, enge Grenzen, weswegen man auf vergleichbaren Einspielungen auch immer dieselben Stücke vorfindet. Umso besser ist es, dass Orkin auch die genannten jüngeren Werke in sein Repertoire aufgenommen hat – ob Klassiker oder nicht.

Das Programm ist ein wahrhaftiger Brocken, der eine äußerst durchdachte Gestaltung und geistige Präsenz in jedem Moment einfordert. Leider aber kann der Klarinettist diese Erwartungen nicht erfüllen; Orkins Interpretationen sind nicht gerade gerundet, manchmal gar unverständlich. Leider fehlt etwa seiner Interpretation der ‘Three Pieces’ von Igor Strawinsky insbesondere an Stringenz und Nachvollziehbarkeit seiner musikalischen Entscheidungen. Was er macht, tut der Musik keinen Gefallen: Für den ersten, langsamen Satz möge die Erwähnung genügen, dass Orkin hier mal Akzente auf den Vorschlag, dann wieder auf die Hauptnote setzt und die ohnehin langen Phrasen noch zusätzlich zerdehnt – wo doch Strawinsky selbst für alle seine Werke äußerste Präzision in der Ausführung erwartete. Die schnellen Sätze wiederum kranken an mangelndem Impetus, der gerade im dritten Satz dringend vonnöten wäre. Unverständlich etwa, warum Orkin aus diesem äußerst motorisch-intensiven Satz nach der Hälfte etwa das Tempo herausnimmt; eine agogische Entscheidung, die die Musik unnötig ausbremst.

Durchgängig fällt Orkins sehr scharfer Klarinettenton auf. Im zweiten Satz der ‘Three Pieces’ wirkt es dem musikalischen Gestus entgegen, wenn manche Phrasen in diesem eleganten Stück schier herauszuplatzen scheinen. Der Kern fehlt, man hört zu viel Luft und zu wenig Substanz. Dagegen setzt sich die ‘Sequenza IXa’ von Luciano Berio durchaus positiv ab. Dieses Stück bietet dem Klarinettisten berüchtigte Schwierigkeiten; alle ‘Sequenzas’ geschrieben, um die Grenzen jedes Instruments zu testen und auszudehnen. Diese Interpretation wirkt souverän auch in der Tonkontrolle, nur vermag Orkin die häufig geforderten Glissandi nicht überzeugend zustande zu bringen. Das ist in diesem Fall keine Kleinigkeit, sondern vielmehr ein grundsätzlicher Missstand: Das Werk ist gekennzeichnet durch höchste Virtuosität und entsprechend sind die Ansprüche an den Interpreten, auch die kleinsten musikalischen Parameter vollständig zu beherrschen und sinnvoll in Klang zu verwandeln. (Empfehlenswert ist etwa die Gesamteinspielung der ‘Sequenzas’ mit Musikern des Ensemble Intercontemporain mit seinem Klarinettisten Alain Damiens.) Auch für die ‘Three Pieces’ gilt: Hier gibt es überzeugendere Interpreten, die nicht so sehr auf oberflächliche Gestaltungsbeigaben setzen.

Die Sonate von Denisov wirkt gerade gegen die ‘Sequenza’ bis ins kleinste Detail beherrscht, wiederum mit recht scharfem Ton gespielt. Gleiches gilt für die Neuzugänge von Stankowitsch, Schneider und Orkin selbst. Gerade letztere Komposition, die ‘Jüdische Suite’, reibt sich jedoch am Begriff des ‚Klassikers’, denn sie ist sicher nicht prädestiniert, lange im Gedächtnis haften zu bleiben. Die vier Stücke haben den Charakter melodischer Etüden; sie sind kurzweilig interessant in ihrer Klanglichkeit, demgegenüber aber recht eingängig in ihrer Gestaltung. Was hier mit dem besonderen Klang der mit jüdischer Musik assoziierten Mollskalen geschieht, ist vergleichsweise konservativ und auf diese Art schon oft gemacht worden, auch in der Vergangenheit. Das Hineinsingen in die Klarinette allein macht noch keine neue Musik aus.

Ist diese Aufnahme ein Must-have? Sicherlich ist die Auswahl der Stücke geglückt; sie bietet Neues, aber eben nichts hervorstechend Neues. Auch die Interpretationen sind solide auf höchstem Niveau, da gibt es keine Frage. Aber sie geizen nicht mit einer Menge interpretatorischer Entscheidungen, die den musikalischen Gestus nicht unbedingt verdeutlichen helfen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Oliver Schulz,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Modern Clarinet Classic. Evgeni Orkin spielt: Werke von Strawinsky, Orkin, Berio u.a

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Coviello Classics
1
01.05.2010
Medium:
EAN:

CD
4039956510055


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Coviello Classics

Für Coviello Classics steht bei einer Musikproduktion immer das besondere Hörerlebnis im Vordergrund ? alle technischen und organisatorischen Entscheidungen müssen sich diesem ästhetisch definierten Ziel unterordnen. Wesentliche Entscheidungen treffen bei coviello classics nicht gewinnorientierte Manager, sondern kreative Musik-Gestalter: zum einen die Gründer, Geschäftsführer und prägenden Köpfe Olaf Mielke und Moritz Bergfeld, die als Diplom-Tonmeister und Aufnahmeleiter den coviello classics-Produktionen ihr ?klangliches Gesicht? geben, zum anderen die Interpreten, die für coviello classics immer die wichtigsten Partner sind. Ihre künstlerische Aussage ist das zentrale Kriterium für die Qualität einer Aufnahme; sie sind in alle ästhetischen Fragen einer Veröffentlichung einbezogen.

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Grundvoraussetzung für unsere Neuproduktionen sind die besonderen Anforderungen an Künstler und Repertoire. Um dem Klassikmarkt neue Impulse zu geben, produziert coviello classics bislang wenig beachtetes Repertoire, oftmals in Weltersteinspielungen, und sorgt damit immer wieder für überraschende Entdeckungen. Bekanntere Werke erscheinen durch ungewöhnliche Interpretationen in neuem Licht ? hier gibt es keine ideologischen Grenzen oder vermeintlichen Authentizitäts-Anspruch; lebendige Musikkultur zeigt oft das vertraute in ganz anderem klanglichem Gewand. Ein besonderer Schwerpunkt ist die seit einigen Jahren etablierte Reihe coviello contemporary, in der sich die Nähe zum weltbekannten Darmstädter Institut für neue Musik in ganz aktuellen Kompositionen bemerkbar macht.

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coviello classics ist das Label, unter dem die Aufnahmen der Produktionsfirma MBM vertrieben werden ? ob als CD, DVD oder SACD. Durch einen ganz speziell für die Anforderungen hochwertigster Musikproduktionen konzipierten Übertragungswagen sind die Voraussetzungen für die Aufnahmequalität bei MBM optimal. coviello classics bietet darüber hinaus in jedem Bereich und in jeder Phase der Realisierung einer Musikproduktion ? bis hin zu grafischer Gestaltung und Textredaktion bei den begleitenden Druckmedien ? sowohl Logistik und hochwertiges Gerät wie auch technisches und ästhetisches Know-how.

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Zu einer Musikveröffentlichung gehört nicht nur der gespeicherte Ton ? da gibt es noch einiges mehr zu gestalten. Das Cover einer CD, DVD oder SACD muss nicht nur grafisch ansprechend gestaltet sein, sondern auch einen sinnvollen Zusammenhang mit dem musikalischen Inhalt herstellen. Das begleitende Booklet soll umfassend über Werke, Künstler und Aufführungspraxis informieren; die Texte müssen wissenschaftlicher Prüfung standhalten, aber trotzdem allgemein verständlich und auch noch unterhaltsam sein ? schwierige Herausforderungen auch über die Musik hinaus, für die coviello classics mit erfahrenen Grafikern und Textautoren zusammenarbeitet. Schließlich muss das fertige Produkt an möglichst vielen Orten der Welt erhältlich sein. Dafür haben wir in vielen Ländern in Europa, Asien und Nordamerika Partner vor Ort, die ihren Markt genau kennen. Sie werden laufend mit Neuheiten, Informationsmaterial und Rezensionen aus der Presse versorgt ? auch wenn die Produktion eigentlich fertig ist, macht sie uns noch viel Arbeit.


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