> > > Leyendecker, Ulrich: Sinfonie Nr. 4
Sonntag, 29. Mai 2022

Leyendecker, Ulrich - Sinfonie Nr. 4

Sinfonisches mit Mozart


Label/Verlag: Musicaphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Drei Werke des bedeutenden deutschen Komponisten Ulrich Leyendecker: ein Gitarrenkonzert, ein Orchesterstück mit Mozart-Bezug und eine Sinfonie. Drei unabhängige, stets aber überzeugende Einspielungen (1997 bis 2007).

Wer bestimmt, inwieweit ein Komponist als ‚bedeutend’ – sei es absolut oder relativ gesehen – zu gelten habe? Sicher sind Bekanntheit und Erfolg nicht mit Bedeutung gleichzusetzen; der 1946 in Wuppertal geborenen Ulrich Leyendecker muss man zweifelsohne zu den bedeutenderen deutschen Komponisten seiner Generation zählen, wenn sein Schaffen auch wenig präsent ist im Konzertbetrieb und Plattenmarkt. Dass Neue Musik bei der Uraufführung nicht selten zum ersten und letzten Mal erklingt und kaum Chancen hat, in den seit Jahrzehnten wie zementiert erscheinenden Kanon von Werken, die man Repertoire nennt, Eingang zu finden, ist aber ja ein anderes Problem. Leyendecker, der in Köln studiert und in Hamburg und Mannheim gelehrt hat, steht für eine musikalische Sprache, die zwar atonal ist, tonale Elemente aber nicht generell ausschließt. Seine Kompositionen gehören nicht zu diesen auf dem Reißbrett entstandenen Rechenübungen mit Tonreihen und Schwingungszahlen, die sich im Konzertsaal als kaum lebensfähig erweisen, sondern sollen das emotionale Zentrum des Hörers ansprechen; von naiver Neoromantik ist Leyendecker dabei aber weit entfernt. Kein Zufall wohl, dass er als Vorbilder Alban Berg und Bernd Alois Zimmermann nennt.

Drei Kompositionen vorgestellt

Drei Kompositionen für Orchester bilden das vorliegende Porträt, das beim Label Musicaphon erschienen ist. Den Anfang macht das dreisätzige Gitarrenkonzert von 2005, das vom Gitarristen Maximilian Mangold und der von der Dirigentin Romely Pfund geleiteten Nordwestdeutschen Philharmonie im Jahre 2007 eingespielt wurde. Mangold, dem das Werk gewidmet ist, hat den Komponisten auch zu anderen Gitarrenkompositionen angeregt. Leyendeckers Hauptanliegen war es, der Gitarre ein zwar groß besetztes Orchester gegenüberzustellen, dieses aber so zu behandeln, dass die Gitarre stets hörbar bleibt, ohne dass es zu den auf Dauer höchst unbefriedigenden Blockbildungen (Gitarre solo – Orchestertutti) kommt. Das ist dem Komponisten gelungen: Die stets filigrane und transparente Instrumentierung läuft nie Gefahr, den Solisten zu überdecken. Über dem ganzen Werk liegt ein nächtliches Ambiente; im letzten Satz zeigt der Komponist eine Affinität zu Jazz. Unterm Strich ist das ein interessantes Konzert, das seine Wirkung nicht verfehlen wird.

Mozart-Bezug

'Evocazione’ ist ein Orchesterstück in einem Satz, das als Auftragkomposition im Mozartjahr 2006 entstanden ist; Aufgabe war es, in der Musik konkret Bezug auf Mozarts Musik zu nehmen. Leyendeckers Satz zitiert erst gegen Ende die Komtursszene aus Mozarts Oper 'Don Giovanni’; obwohl sich die Komposition mit aus dem Zitat herausgelösten melodischen und rhythmischen Partikeln auf das Zitat hinbewegen, dieses gewissermaßen ‚beschwören’ soll, dringt Mozarts Musik doch recht unvermittelt in das Gewebe ein, um sich rasch auch wieder zu verabschieden. Das durch seinen sperrig nachschlagenden Rhythmus und kleine Intervallschritte gekennzeichnete Motiv, welches immer wieder zu hören ist, hat mich an das Orchesterwerk 'Arcana’ von Edgar Varèse erinnert. Das SWR Rundfunkorchester Kaiserslautern hat unter Per Borin die Auftragskompositionen (von denen Leyendeckers nur eine ist) erfolgreich uraufgeführt; die hier zu hörende Aufnahme entstammt dem Mitschnitt der Uraufführung. Beim Label Mons ist unter dem Titel 'Der Auftrag’ auch das gesamte Konzert mit vier interessanten zeitgenössischen Kompositionen zu haben.

Sinfonischer Schlusspunkt

Den Schlusspunkt setzt das Hauptwerk der Platte, die dreisätzige Sinfonie Nr. 4, die bereits 1997 komponiert und im selben Jahr auch aus der Taufe gehoben wurde. Damals entstand auch die hier zu hörende Aufnahme mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR unter Johannes Kalitzke. Man meint den enormen Anspruch an die Gattung Sinfonie auch hier zu spüren, denn dieses Werk erschließt sich nicht so unmittelbar wie die beiden anderen. Hier herrschen über weite Strecken athematische Klangflächen – entsprechend dem kompositorischen Ziel, weite (unendliche?) Räume in Musik zu bringen. Nun gehören auch schärfere Dissonanzen, eruptive Klangballungen und große Kontraste zur musikalischen Sprache Leyendeckers. Die beschriebene kompositorische Idee herrscht übrigens auch schon in der dritten Sinfonie vor, mit der das vorliegende Werk einige Ähnlichkeiten aufweist.

Rundum zufrieden

Mit den drei Interpretationen kann man rundum zufrieden sein. Die Aufnahme des Gitarrenkonzerts ist wohl in allen Belangen als nahezu perfekt einzustufen; zur hervorragenden Interpretation kommt eine Klangtechnik, welche die schwierige Balance stets im Griff hat. In 'Evocazione’ sind kleinere Störgeräusche aus dem Publikum oder dem Orchester (Notenrascheln) zu hören, was aber nicht weiter stört. Per Borin führt das Orchester zu einer packenden Lesart – und das ist schon viel wert, wenn neue Musik zu packen vermag. Vielleicht lag es am hohen Niveau dieser beiden Einspielungen, dass mich die Sinfonie weniger zu begeistern vermochte. Wie dem auch sei, die ebenfalls von Johannes Kalitzke besorgte Einspielung der dritten Sinfonie (erschienen bei Naxos) hat mich spontan mehr angesprochen. Die spieltechnischen Hürden werden vom Orchester jedoch auch hier mühelos genommen, und Kalitze, erfahren mit Neuer Musik und selbst ‚bedeutender’ (s.o.) Komponist, vermittelt hier wie dort einen tiefen Eindruck der weitgespannten Bögen. Das Booklet enthält in zwei Sprachen unter anderem Einführungstexte zu den Werken aus der Feder des Komponisten. Diese hätten zum Teil noch ergänzt werden können durch Hintergrundinformation; so wäre es schon interessant zu erfahren, dass 'Evocazione’ ein Auftragswerk war und dass dort der ungewöhnlich konkrete Mozart-Bezug explizit gefordert war.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Leyendecker, Ulrich: Sinfonie Nr. 4

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Musicaphon
1
07.04.2010
68:45
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4012476557205
M55720


Cover vergössern

"Ulrich Leyendecker gehört zu den wichtigsten deutschen Komponisten seiner Generation. Er wurde 1946 in Wuppertal geboren und nahm bereits als Jugendlicher privaten Kompositionsunterricht. 1965-1970 studierte er an der Musikhochschule Köln bei Günter Ludwig Klavier und bei Rudolf Petzold Komposition. Rudolf Petzold vermittelte eine strenge kontrapunktische Ausbildung, ließ Leyendecker sich aber ästhetisch ungehindert entfalten. Wie viele andere Komponisten seiner Generation nahm Leyendecker an den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik teil und beschäftigte sich intensiv mit seriellen Kompositionstechniken, ohne sich jedoch damit nachhaltig zu identifizieren. 1971 erfolgte ein Ruf als Theorielehrer an die Hochschule für Musik Hamburg, wo Leyendecker 1981 Professor für Musiktheorie und Komposition wurde. Von 1994 bis 2005 war er in gleicher Position an der Musikhochschule Mannheim-Heidelberg tätig und lebt seither als freier Komponist. Er erhielt zahlreiche Ehrungen: u.a. Stipendien der „Villa Massimo“ in Rom und der „Cité Internationale des Arts“ in Paris, die Mitgliedschaft in der freien Akademie der Künste in Hamburg und den „Eduard van der Heydt-Preis“ seiner Heimatstadt Wuppertal. Leyendeckers Œuvre beinhaltet Sinfonien und Solokonzerte, Kammermusik für Streichquartett, Klaviertrio, Klarinettentrio, Klavierduo sowie verschiedene andere Besetzungen und viele Werke für Soloinstrumente. Leyendeckers Musik zeichnet sich durch spannungsgeladene Lebendigkeit und klangsinnliche Farbigkeit aus. Sie bewahrt eine „Rest-Tonalität“ und entwickelt aus kurzen Grundgestalten großbögige Formverläufe. Leyendecker geht zu Beginn seiner Kompositionen oft noch einen Schritt hinter die bereits fixierte Grundgestalt eines musikalischen Gedankens zurück und läßt die Entwicklung desselben hörbar werden. Seine stets polyphone Musik vollzieht sich in Metamorphosen dieser Grundgestalten. Der Verwandlungsvorgang erfolgt in Form eines Verfahrens, das Leyendecker selbst als „Überblendung“ bezeichnet und bei dem es zur Überlagerung von Klangfeldern sowie unterschiedlicher Tempi und Metren kommt. "


Cover vergössern

Musicaphon

Ende der 50er Jahre gründete Karl Merseburger, Inhaber des Tonkunstverlages in Darmstadt, das Label CANTATE. Etwa zur gleichen Zeit rief Karl Vötterle (Bärenreiter-Verlag) in Kassel MUSICAPHON ins Leben. In beiden Fällen sollte vorrangig das jeweilige Verlagsprogramm auf Tonträgern dokumentiert werden. Nachdem Merseburger den Tonkunstverlag 1963 aufgeben mußte, übernahm Bärenreiter das Label CANTATE und führte beide gemeinsam unter dem Dach der 1965 gegründeten Vertriebsfirma "Vereinigte Schallplattenvertriebsgesellschaft Disco-Center" fort. Auf beiden Labels erschienen in den 60er und 70er Jahren bedeutende Aufnahmen. Besondere Schwerpunkte setzte Wilhelm Ehmann, Leiter der Westfälischen Kantorei in Herford, mit seinen historischer Aufführungspraxis verpflichteten Interpretationen der Werke von Heinrich Schütz. Bach-Kantaten wurden von Helmuth Rilling mit der Gächinger Kantorei und dem Figuralchor der Gedächtniskirche Stuttgart eingespielt. MUSICAPHON gewann daneben Profil mit der Veröffentlichung musikethnologischer Aufnahmen, herausgegeben von der UNESCO (Musik des Orients und Musik Afrikas) bzw. vom musikwissenschaftlichen Institut der Universität Basel (Musik Ozeaniens und Musik Südostasiens). 1994 erwarb der Musikwissenschaftler Dr. Rainer Kahleyss (Kassel) die Label, 1996 auch die Vertriebsfirma von Bärenreiter, die jetzt als "Klassik Center Kassel" firmiert. Seitdem werden auf CANTATE geistliche Musik, auf MUSICAPHON weltliche Musik vom Frühbarock bis zur Gegenwart veröffentlicht. Auch für die Rezeptionsgeschichte bedeutsame Aufnahmen der Altkataloge werden sukzessive auf CD umgestellt.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Von Christian Vitalis zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

  • Zur Kritik... Mozart heute: Klanglich wie interpretatorisch überzeugender Mitschnitt eines Konzerts, in dem vier neue Kompositionen verschiedener Tonsetzer mit einem konkreten Mozart-Bezug gegeben wurden - Anlass war das Mozart-Jahr 2006. Weiter...
    (Christian Vitalis, 26.09.2008)
  • Zur Kritik... Im Schatten der Gitarre: Werke für Gitarre und Harfe sind selten und werden dazu noch seltener aufgeführt. Maximilian Mangold und Mirjam Schröder haben nun im Duett einige Schlüsselwerke dieser Gattung aus dem 20. Jahrhundert eingespielt. Weiter...
    (Toni Hildebrandt, 10.08.2009)

Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Musicaphon:

blättern

Alle Kritiken von Musicaphon...

Weitere CD-Besprechungen von Christian Vitalis:

  • Zur Kritik... Bretonische Legende auf der Opernbühne: Ordentliche Aufnahme aus Liège der heute recht unbekannten Oper 'Le Roi d'Ys' von Édouard Lalo. Zwar nicht Referenzklasse-Niveau, angesichts der geringen Auswahl aber dennoch empfehlenswert, sofern man sich für die Oper interessiert. Weiter...
    (Christian Vitalis, )
  • Zur Kritik... Homogener als erwartet: Eine Gegenüberstellung von Orgelwerken finnischer Komponisten und solchen von J. S. Bach und Buxtehude bietet Kari Vuola mit dieser Platte. Faktisch fallen die im Titel versprochenen Kontraste geringer aus als erwartet. Weiter...
    (Christian Vitalis, )
  • Zur Kritik... Stille und Einkehr: Es sind hier drei Konzertstücke zu hören, deren Entdeckung eine lohnende Bereicherung ist. Der Japaner Toshio Hosokawa versteht sich auf Musik an der Grenze zur Stille. Gelungene Interpretationen aus Luxemburg. Weiter...
    (Christian Vitalis, )
blättern

Alle Kritiken von Christian Vitalis...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Liebesgrüße aus Windsor: The Queen's Six können es im leichten und populären Repertoire: Eine feine Platte, frische Arrangements – ein schöner Streifzug. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Klassiker wiederaufgelegt: Ein konzertanter Livemitschnitt von Tschaikowskys 'Pique Dame' in idiomatischer Wiedergabe. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Sächsische Eigentümlichkeiten: Das Ensemble Polyharmonique und das Wrocław Baroque Orchestra mit der qualitätvollen Deutung einer Franz Xaver-Vesper von Johann David Heinichen und einem vernehmlichen Plädoyer für diesen Komponisten. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (5/2022) herunterladen (2400 KByte) Class aktuell (4/2021) herunterladen (7000 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich