> > > Mendelssohn Bartholdy, Felix: Sinfonien Nr. 3 - 5
Samstag, 23. Oktober 2021

Mendelssohn Bartholdy, Felix - Sinfonien Nr. 3 - 5

Beherrscher des Taktstocks


Label/Verlag: Guild
Detailinformationen zum besprochenen Titel


An Arturo Toscanini scheiden sich noch heute die Geister, aber auch Kritikern dürfte diese Aufnahme Freude bereiten, selbst wenn sie nur getroffene Urteile bestätigt.

In der Geschichte der Persönlichkeiten am Dirigentenpult gehört Arturo Toscanini zu den ältesten Protagonisten seit Erfindung des Tonträgers. Dass man sich heute noch an ihn erinnert, mag vielerlei Gründe haben, eine Vielzahl guter Argumente dafür findet man jedenfalls auf dieser Aufnahme. Die gewichtigsten Werke Mendelssohns für Orchester sind in Aufnahmen der 40er und 50er Jahre mit dem NBC Symphony Orchestra zu hören, denen man kaum anmerkt, dass Toscanini eigentlich eher den Sinfonien eines Brahms oder Beethoven zugeneigt gewesen war. Man hört am ehesten noch die Gewichtigkeit eines Brahms aus diesem Mendelssohn heraus: Wenn die Musik es hergibt, dann ist großes romantisches Pathos da, jedoch immer kontrolliert. Überhaupt ist Kontrolle wohl das entscheidende Merkmal der öffentlichen Person Toscanini gewesen, denn die zäumenden Zügel einerseits und die Peitsche andererseits, die er dem Orchester im Wechsel spüren lässt, sind oft fast fühlbar – manchmal werden sie auch zum Fallstrick. Das Hören ist dennoch durchweg eine Freude, denn das Kräftemessen zwischen Orchester und Dirigent sorgt für eine stete, den künstlerischen Prozess befruchtende Spannung.

Dabei bietet der genannte Fallstrick die in höchstem Maße erhellende Erfahrung dieser Aufnahme und heißt mit Namen Jascha Heifetz. In der Aufnahme von Mendelssohns e-Moll- Violinkonzert op. 64 treffen zwei Egos aufeinander, die zu groß für einen Konzertsaal sind: Beide ‚Diktatoren‘ haben eine ganz eigene Interpretation des Konzerts und setzen sie rigoros gegeneinander durch, wobei Heifetz das letzte Wort behält. Er erzwingt ein quälerisches Tempo in hochvirtuoser Nervosität, welches er jedoch in gleichem Maße am Limit der Brillanz durchhält – nebenbei bemerkt hat der Rezensent einen derart irrwitzigen dritten Satz noch nie gehört. Diese zerrüttete Interpretation dürfte einmalig sein in der Geschichte dieses Konzerts und hat allein deshalb schon einen Ehrenplatz verdient. Mitreißend ist sie auf ihre ganz eigene Weise, aber man sollte das Ganze doch mit einem Augenzwinkern nehmen. Unfreiwillig komisch, wenn man nun das Booklet zur Hand nimmt und sich folgenden ernst gemeinten Kommentar zu Gemüte führt: ‚No commercial recordings of Heifetz and Toscanini in the Mendelssohn Concerto were ever made.‘ Der Verfasser dieser Zeilen macht sich darauf keinen Reim, doch die Gründe für die ausgebliebene künstlerische Zusammenarbeit sind hier unmissverständlich dokumentiert.

Die ‚normalen‘ Interpretationen der Sinfonien und Ouvertüren fordern demgegenüber das Geschmacksurteil nicht in gleichem Maße heraus, aber das müssen sie auch nicht. Sie haben ihre Qualität und einen gesunden, eigenwilligen Charakter. Ein Meisterstück dynamischer und agogischer Ausarbeitung ist etwa der dritte Satz der ‚Schottischen‘, wie überhaupt die genannte Sinfonie sowie die ‚Italienische‘ zu den weiteren Höhepunkten zählen. An ihnen spürt man denn auch die Peitsche in den schnellen Sätzen, doch das an Toscanini jahrelang geschulte NBC Symphony Orchestra zieht brillant mit, sodass eine höchst erfrischende Musik das Resultat ist.

Etwas zu hektisch ist dann doch die 'Sommernachtstraum'-Ouvertüre geraten: Das Potential einer ausgearbeiteten Finesse insbesondere in Bezug auf den filigranen Streichersatz ist spürbar, geht dann aber im Gesamtbild unter. Letztlich stoßen die Übergänge hier reichlich schroff aneinander, was wohl der Nachteil einer bis ins Letzte beherrschten Musik sein mag. Man staunt zuviel über Details und verliert letztlich den Überblick. Was den 'Sommernachtstraum' etwas ausbremst, betrifft die 'Hebriden'-Ouvertüre ebenso: Allzu oft klingen die Ritardandi und Accelerandi sehr erzwungen und leicht inkohärent, was nach dem atmosphärischen Beginn sehr schade ist. Packend interpretiert sind dagegen die Ouvertüre 'Die schöne Melusine' sowie das umarrangierte Streichquintett op. 87, die durch schöne Momente in großer Zahl überzeugen. Sehr leicht etwa der schwebende Beginn der Schönen Melusine, gedämpft und getragen dagegen das Streichquintett.

Aus dem Spektrum Toscaninis zeigt sich die hingebungsvolle Seite im letzten Satz der Reformationssinfonie am vordringlichsten. Hier herrscht der sonst treibende Maestro mit einiger Geduld, doch die Strenge tritt schnell wieder hervor, sobald das Choral-Thema verklungen ist. Beides zusammen, Strenge und gestalterische Geduld, bilden eine hypnotisierende Kombination, die die manchmal akademische Strenge des Satzes vorführt und gleichzeitig aushebelt. Da kann man es gut verschmerzen, dass der erste Satz doch sehr nach einem motorisch-sturen Bach klingt.

Ohne Zweifel kann diese Aufnahme auch neben vielen heutigen Alternativen bestehen, denn Toscaninis Geist in ihr ist ein fordernder, der kaum langweilen kann. Den Napoleon des Dirigentenpults (auch im Hinblick auf die Körpergröße) stellt man sich gerne ins Regal, auch wenn er vom Cover aus noch so grimmig dreinschaut. Oft schafft jedoch gerade eine solche Dialektik zwischen dem harten Äußeren und der empfindenden Musikerseele die faszinierendsten Interpretationen.

Das informative, gut geschriebene, aber knappe Booklet trägt das Übrige zu dieser gelungenen Archivausgrabung bei, gegen die nicht viel spricht. Man muss den Stil Toscaninis noch nicht einmal mögen, denn gerade für die kritische Auseinandersetzung gibt es reichlich Angriffsfläche – man ist eine ganze Weile damit beschäftigt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Oliver Schulz,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Mendelssohn Bartholdy, Felix: Sinfonien Nr. 3 - 5

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Guild
2
14.05.2010
Medium:
EAN:

CD
795754235920


Cover vergössern

Guild

Guild entstand in den frühen Achtzigerjahren auf Initiative des berühmten englischen Chorleiters Barry Rose, der den St Paul's Cathedral Choir in London leitete. Der Name hat nichts mit der nahe gelegenen Londoner Guild Hall zu tun, sondern kommt von Barry Roses erstem Chor, dem Guildford Cathedral Choir. Das frühere Logo (ein grosses G) entstand indem Barry Rose kurzerhand eine Teetasse umstülpte und mit einem Bleistift ihrem Rand bis zum Henkel entlang fuhr. Seit 2002 hat die Firma als Guild GmbH ihren Sitz in der Schweiz, in Ramsen bei Stein am Rhein.
Bei den Aufnahmen arbeiten wir mit Fachleuten zusammen, die für grosse internationale Firmen und unabhängige kleinere und grössere Labels tätig sind. Unsere Programmschwerpunkte sind Welt-Erstaufnahmen, vergessene Werke bekannter Meister, noch nicht entdeckte Komponisten und Schweizer Musiker sowie historische Aufnahmen, etwa die Toscanini Legacy und Mitschnitte der Metropolitan Opera New York.
Wir arbeiten intensiv mit der Zentralbibliothek in Zürich und mit der Allgemeinen Musikgesellschaft Zürich zusammen, produzieren CDs mit Chören wie dem Salisbury Cathedral Choir und den Chören der Cambridge und Oxford University - und als Steckenpferd pflegen wir die grossen englischen und amerikanischen Unterhaltungsorchester mit ihren Light-Music-Hits der Dreissiger- bis Fünfzigerjahre.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...



Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Guild:

blättern

Alle Kritiken von Guild...

Weitere CD-Besprechungen von Oliver Schulz:

  • Zur Kritik... Lichtmusik: Weit und flächig, abwechslungsreich im Detail: Erkki-Sven Tüürs Musik entwickelt einen unwiderstehlichen Sog in einer gelungenen Zusammenstellung alter und neuer Werke. Weiter...
    (Oliver Schulz, )
  • Zur Kritik... Getragene Eleganz: Das Trio Parnassus spielt ein stimmungsvolles Programm französischer Werke, das in einem fließenden, dunkel gefärbten Klangcharakter ein gemeinsames Zentrum hat. Weiter...
    (Oliver Schulz, )
  • Zur Kritik... Der ruhige Geist: Ein Pianist ist dann nicht vergessen, wenn man sich ganze zwanzig Jahre nach dessen Tod noch von Neuauflagen seiner Konzerte bereichert fühlt. Weiter...
    (Oliver Schulz, )
blättern

Alle Kritiken von Oliver Schulz...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Verschlungene Wege: Enrico Onofri und sein Orquesta Barroca de Sevilla mit einer gelungenen Lesart von Pergolesis 'Stabat Mater', die sich wesentlich dem vokalen Glanz von María Espada und Carlos Mena verdankt. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... US-Streichquartette: Ives und Barber - und die Originalfassung des berühmten Adagio. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Vertane Chance: Unbekümmertheit bestimmte Villa-Lobos' Denken, als er Transkriptionen von Klassik-Ohrwürmern erstellte. Zur Unbekümmertheit gesellt sich Ungenauigkeit hinsichtlich der Einspielungen dieser Werke durch den São Paulo Symphony Choir. Weiter...
    (Christiane Franke, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2021) herunterladen (3200 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (7642 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich