> > > Riley, Terry: in C (Bearbeitung von zignorii++)
Montag, 29. November 2021

Riley, Terry - in C (Bearbeitung von zignorii++)

Am Anfang war der Puls


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Terry Rileys ‘In C’

Mit dieser musikarchäologischen Feststellung beginnt das Booklet zu einer der spektakulärsten Neueinspielungen der letzten Jahre, Terry Rileys ‘In C’ durch das ‚european music project’ und dem Elektronik-Duo ‚zignorii++’. Das 1964 in San Francisco uraufgeführte Werk schlug damals ein wie eine Bombe. Rileys Partitur bestand aus 53 Melodiefiguren, die zwischen einem und zwölf Töne lang sind, und einem Klavier-Puls, der durchgängig das Tempo bestimmt. Die Spielanweisung des Komponisten lautet folgendermaßen: ‘Jedes Ensemblemitglied spielt die dreiundfünfzig Partitur-Figuren synchron zum Puls und schreitet nacheinander von Figur 1 bis Figur 53 fort. Wann man von einer Figur zur nächsten rückt, wo man seine Downbeats setzt und wie oft und wie lang man jeweils verweilt, bleibt einem selber überlassen. Die Aufführung endet, wenn alle Spieler bei Figur 53 angelangt sind.’ Selbst für die damals herrschende Avantgarde-Kultur war Rileys Komposition eine Revolution. Nicht nur, dass er ausdrücklich auch Amateur- und Laienmusiker für die Aufführung zulässt und somit das Konzertwesen seiner elitären Attitüde entkleidete, der Zufall in die Struktur der Komposition aufgenommen wird – die Aufführungen können von 45 bis 90 Minuten lang sein –, auch erschloss Riley mit den Melodiefiguren das bis dahin unbekannte Gebiet der Minimal Music.

Kontrollierte Anarchie
Einzig strukturgebendes Element ist der Puls. Die endgültige Gestalt des Gesamtwerkes ist mit jeder Aufführung eine andere, sie beruht auf der improvisatorischen Zusammenfügung der Melodiefiguren durch die Musiker, sogar Instrumente sind – bis auf das Klavier für den Puls – nicht vorgeschrieben. Zignorii++ und das european music project ergreifen diese Möglichkeit und beziehen moderne Instrumente wie Synthesizer und Schlagzeug in die Besetzung ein. Damit führen sie ganz unspektakulär und doch nachdrücklich den Beweis, dass die Idee der heutige Techno-Musik und allen seinen Abkömmlingen eigentlich schon fast ein halbes Jahrhundert alt ist.
Für die Aufnahmen im Sendesaal des Funkhauses Köln im April 2001 besetzten Jürgen Grötzinger und Joachim Glasstetter von ‚zignorii++ das european music project’ mit jeweils einer Geige, Bratsche, Cello, Marimba, Englisch Horn, mehreren Klarinetten, die aber nur von einem Musiker gespielt wurden, und einem Altsaxophon. Dazu kam ein Elektrisches Piano und Klangcomputer.
Das Hörabenteuer entwickelt sich am besten unter einem Kopfhörer und mit dem Booklet in der Hand. Textautor Johannes Ullmaier ergeht sich zwar in zum Teil schwer verständlichen Ausführungen über Rileys intellektuelle Position auf der musikalischen Schnittstelle zwischen E und U und der dahinter stehenden Musikauffassung seines Publikums, als Genietat muss man jedoch den Abdruck sämtlicher 53 Melodiefiguren werten. Also, Ohren gespitzt und mitgelesen.

Auf der CD findet sich nur ein einziger Track mit der monströsen Länge von 60’45. Notgedrungenerweise muss also eine Vorabplanung eine ungefähre Dauer der Aufnahme bestimmt haben. Dennoch können die Musiker den Gesamteindruck von solchen Planungsstrukturen freihalten. Ihnen gelingt tatsächlich, die Grundstruktur des Stückes hinter den akustischen Ereignissen, die von der hypnotischen Motorik und den verschwimmenden Konturen der Instrumente bestimmt werden, verschwinden zu lassen. Einzig der Schluss scheint etwas zu hektisch. Riley: ‘Sowie ein Aufführender bei Figur #53 anlangt, bleibt er oder sie dort, bis das gesamte übrige Ensemble ebenfalls angekommen ist. Dann macht die Gruppe ein paar Mal großes Crescendo und Diminuendo, und jeder Spieler setzt aus, wo er oder sie wünscht.’ Offenbar ist der gemeinsame, recht abgehackte und deswegen überraschende Schluss dieser CD den Produktionsbedingungen geschuldet. Ansonsten bleibt der Hörerschaft nur das Staunen über die Klangverschmelzungseffekte und die Melodieverschränkungen (ein bisschen hat Riley doch geplant, man beachte beispielsweise die Figuren 22 bis 26, zufällig ungefähr die Mitte des Stückes). Freunde der zeitgenössischen Musik sollten sich diese Neurealisierung der Mutter aller Minimal Music nicht entgehen lassen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 




Kritik von Dirk Jaehner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Riley, Terry: in C (Bearbeitung von zignorii++)

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
WERGO
1
01.02.2002
60:48
2001
2002
Medium:
EAN:
BestellNr.:
CD
4010228665024
WER 6650 2

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Riley, Terry


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Interpret(en):European music project,


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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