> > > Abel, Carl Friedrich: Werke für Viola da gamba
Donnerstag, 11. August 2022

Abel, Carl Friedrich - Werke für Viola da gamba

Alt und Neu ohne Zwischenraum


Label/Verlag: Thorofon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die historische Spannung im Repertoire der Viola da Gamba ist von Simone Eckert zu einem Programm komponiert worden.

Eine nachdrückliche, lange Lücke im Repertoire für die Viola da Gamba spiegelt die wechselhafte Geschichte des Instruments, das nach seiner Hoch- und Glanzzeit im Barock langsam, aber stetig von der Bildfläche verschwand und schon in der klassischen Klassik gleichsam nur noch als Kuriosität erschien. Inzwischen ist der durch Alter verjüngende Schub der historisch informierten Aufführungspraxis, der der Gambe erneut Ohren verschaffte, wieder im produktiven Feld der ernsten Musik angelangt, und es entstehen neue Kompositionen. Die Gambe spannt so auf eine unmittelbare Art und Weise eine Brücke zwischen Alter und Neuer Musik, ohne Boden des Zwischenraumes zu berühren, den sie überspannt.

Diese Spannung und Konstellation hat die Gambistin Simone Eckert auf ihrer neuen CD zum Programm gemacht. Gemeinsam mit Ulrich Wedermeier (Theorbe) und dem Ensemble der Hamburger Ratsmusik hat Eckert Werke von Carl Friedrich Abel (1723-1787) mit drei zeitgenössischen Werken verbunden. Zwei davon sind Eckert, die in Hamburg und der besonders in diesem Fach renommierten Schola Cantorum Basiliensis studierte, gewidmet, alle drei sind Ersteinspielungen. Neben dem ‘Wiegenlied’ von Tamae Okatsu (*1953) und dem ‘Ricercar mit spanischer Landschaft’ von Wolfgang Schultz (*1948) ist es vor allem Manfred Stahnkes (*1951) dreisätziges Werk ‘Der halbanalphabetische Zeisig’, das schon vom Titel an bezaubert. Hamburg ist ein weiteres Zentrum dieser CD, gleichsam die geographische Mitte zu dem starken Konzept. Die drei Komponisten waren dort Schüler Ligetis, und das Ensemble der Ratsmusik andrerseits, dessen Anfänge bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen, wurde 1991 von Simone Eckert erneut gegründet.

Carl Friedrich Abel war nicht nur einer der letzten Gambisten und Komponisten, er setzte die Gambe gar schon bewusst als Exotikum ein, nachdem er sich 1759 in London niedergelassen hatte. Der Kollege Johann Christian Bachs und zwischenzeitliche Lehrer des jungen Mozart hält in seinen Gambenwerken eine eigentümliche Spannung zwischen dem klangfarblichen Reiz des Gerade-Vergangenen und dem stilistischen Voranschreiten, das die Spanne zwischen Kollege und Schüler andeutete. Letzter Virtuose eines selten gewordenen Instruments einerseits waren andrerseits seine Konzerte mit Bach 1764 bis 1775 bereits Abonnementskonzerte. Die beiden Sonaten mit Continuo in e-Moll WK150 und G-Dur WK 152 sowie die Solostücke, die Sonate G-Dur und eine Zusammenstellung dreier Sätze in d-Moll, teilen diesen gespaltenen Eindruck. Diese Vielgestaltigkeit ist ein Gewinn. Simone Eckert und ihre Mitmusiker nehmen sich diesen selten gehörten Werken mit hörbarer Lust an. Eckert versteht das charakteristische Enden eines Tones und die Gewichtslosigkeit der Gambe auch rhythmisch trefflich einzusetzen und musiziert ernst und vermittelt eine klar gefasst Vorstellung.

Die zeitgenössischen Werke schöpfen aus den reichen klangfarblichen Möglichkeiten der Gambe, und Simone Eckert verhilft dem auch zur Geltung. Okatsus ‘Wiegenlied’ etwa fordert mit seiner über weite Strecken herrschenden Monotonie und Schläfrigkeit eine ganz spezielle Phantasie der Gestaltung. Andernorts lässt sich ironisch scherzen – etwa im Zeichen des Vogels. Der Kontrast der Werke ist stark und schon allein deshalb reizvoll und erhellend zu hören. Letzten Endes aber erscheint gerade – was Klangfarbe und Gestus des Instruments anbelangt – die Behandlung Abels im zweifachen Sinne doch schlüssiger, natürlicher. Die schlanken, sehnigen Melodielinien des 'Allegretto' der G-Dur-Sonate für Gambe und Continuo etwa strahlen eine Ruhe aus, die nicht nur ein Effekt der komponierenden und interpretierenden Beherrschung des Instruments ist, sondern auch die Möglichkeitsbedingung für Weiteres.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Tobias Roth Kritik von Tobias Roth,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Abel, Carl Friedrich: Werke für Viola da gamba

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Thorofon
1
14.04.2010
Medium:
EAN:

CD
4003913125590


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Thorofon

In der nunmehr über 40jährigen Tradition von THOROFON wurde ein respektabler, vielfach preisgekrönter Katalog aufgebaut. Eine Schatztruhe für besondere musikalische Raritäten, die die Lücken in der Überlieferung der musikalischen Tradition ein bisschen verkleinern, und außerdem jungen, talentierten Interpreten eine Chance geben. Zu unseren Schätzen gehören ebenfalls Gesamteinspielungen von Ludwig van Beethovens Klaviersonaten, sämtliche Werke für Klavier solo von Johannes Brahms, Gesamtausgabe der Kammermusik von Josef Rheinberger, das Gesamtwerk von Louis Ferdinand Prinz von Preussen, das komplette Klavierwerk von Robert Schumann, eine Gesamteinspielung der Max Reger Kompositionen auf 13 CD, die das abwechslungsreiche Repertoire von THOROFON abrunden.

Auszeichnungen wie der ECHO KLASSIK (17 mal!) oder der Preis der Deutschen Schallplattenkritik versinnbildlichen den Anspruch des Labels und unterstreichen die Qualität der Produkte.

THOROFON ist ein Label der BELLA M USICA EDITION JÜRGEN RINSCHLER.


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