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Samstag, 6. Juni 2020

Bestiarium - Animals in the Music of the Middle Ages

Von allerlei Kreaturen


Label/Verlag: NEI - Nuova Era Internazionale
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Vögel, Fische und wilde Tiere werden in der Neuauflage der Produktion ?Bestiarium. Animals in the Music of the Middle Ages? in verschiedensten Stilen und teilweise herrlichen Interpretationen besungen.

Die Darstellung der Pflanzen- und Tierwelt spielte in den Kunstrichtungen des Mittelalters eine außergewöhnliche Rolle. Auch Textdichter und Musiker schloss diese ‚tierische‘ Begeisterung der Zeit. Die Natur konnte in diversen Ausformungen in den Texten erscheinen: neben prächtigen Fabeltieren, den Wildtieren und den herkömmlichen Haustieren auch in schrecklichen Kreaturen. Das italienische Quartett La Reverdie (1984–2006) hatte sich seinerzeit durch gelungenen Präsentation der Alten Musik einen Namen gemacht. Dabei entsprach die Besetzung – vier Frauen, die sämtlich sangen und musizierten – nicht dem Normalbild. Elisabeth De' Mircovich, Claudia Caffagni, Ella De' Mircovich und Livia Caffagni wandten sich zudem ausschließlich der weltlichen Musik zu und ignorierten in ihren Aufführungen und Einspielungen die führende Kirchenmusik der damaligen Zeit.

Auf dieser musikalisch-repertoiregeschichtlichen Grundlage steht auch die Produktion mit dem Titel ‚Bestiarium. Animals in the Music of the Middle Ages‘. Bei dieser CD handelt es sich um eine Wiederveröffentlichung einer 1991 von dem Label Nouva Era Internazionale veröffentlichten Einspielung. Alle Stücke wurden 1990 im Castello von Udine aufgenommen. Außer dem Design der Verpackung und des Booklets hat sich seit der Erstveröffentlichung nichts verändert. Die Aufnahme enthält eine große Bandbreite an musikalischen Stilen: deutsche, italienische, französische, englische und irische Texte verdeutlichen die Vielfalt und die länderübergreifenden Gedanken zur Tierwelt des Mittelalters.

Die meisten Stücke haben einen fröhlichen und ausgelassenen Charakter. So wird zum Beispiel das Lied 'Ar bleizi-mor' durch eine virtuose Geigenmelodie und einen flotten Trommelrhythmus angetrieben. In 'Par mantes foys' imitiert die Singstimme dagegen einige Tierlaute, etwa einen Kuckuck, was in dieser Einspielung überzeugend gelingt. Auch die derbe Seite des Mittelalters wird nicht ausgelassen. Der Gesang wird so in 'Ihr alteri weib frewet eb' zugunsten eines Sprechgesanges aufgegeben. Den Musikerinnen gelingt es sehr gut, sich der jeweiligen Atmosphäre der Stücke anzupassen. Der Titel 'Bryd one breere' besticht daher durch die Bedächtigkeit, die er ausstrahlt. Er zählt zu den schönsten Nummern der Aufnahme. Der Sologesang wird harmonisch begleitet. Doch nicht alle Interpretationen sind gleich gut gelungen. In 'Fuweles in the frith' hat man das Gefühl, es handle sich um ein schlechtes Schlaflied – und nicht um die Angst vor dem Tod, die darin behandelt wird. Der Glanz in den Stimmen fehlt und keinerlei Gefühle werden übertragen.

Instrumentalstücke

Die Mehrzahl der eingespielten Stücke besticht durch vielfältige Instrumentation. Harfe, Lyra, Laute, Hackbrett, Trommeln, einige Vorläufer der Geigen und Flöten werden in diversen Kombinationen als Begleitung zu den Liedern eingesetzt. Nur in einem anonymen Choral ('Canto della scolte') der Provinz Modena aus dem 10. Jahrhundert verzichten die vier Musikerinnen auf eine instrumentale Begleitung. Obwohl es sich um die ruhigste Nummer handelt und auf dem reinen Klang der Singstimmen beruht, fasziniert sie durch die Art der Ausführung. Aus einer Unisono-Melodie entwickelt sich ein konsonanzengeprägter mehrstimmiger Satz.

Die Gesänge werden durch vier Instrumentalstücke ergänzt, deren Titel ebenfalls im Zusammenhang mit dem ‚animalischen‘ Thema stehen. Das schnelle und virtuose Flötenspiel in 'Aquila altera' und 'Na coire ar na sleibhtibh' sticht aus diesen Instrumentalstücken deutlich hervor. Mit der ruhigen Begleitung sind diese Stücke nicht überladen, während in 'L'apido soro' manche Stelle durch die fast durchgängige Rhythmusgruppe gestört erscheint. In 'Wolauff gesell wer jagen well' könnte ebenso auf die tiefe Trommel verzichtet werden, die das filigrane Spiel der Zupfinstrumente überdeckt. An dieser Stelle ist die Ausgewogenheit der gesungen Lieder zugunsten musikantischen Effekts aufgegeben.

Ein Problem sind die Liedtexte in der idiomatischen Sprache der Zeit: Eine Übersetzung der Texte in die heute gebräuchliche deutsche Sprache oder zumindest kurze Erklärungen zu den Stücken wäre für das Verständnis sehr hilfreich. So bleibt es in manchen Liedern bis zum Ende ein Rätsel, welches Tier aus welchem Grund besungen wurde.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bestiarium: Animals in the Music of the Middle Ages

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
NEI - Nuova Era Internazionale
1
19.10.2007
56:29
1990
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4011222329080
232908


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"Das Mittelalter wimmelte von Tieren und das nicht nur in den riesigen Wäldern, denen die menschliche Gemeinschaft mit ihren Pflugscharen noch nicht viel Schaden zugefügt hatte. Von der Heraldik bis zur Kochkunst, von der Theologie bis zur Miniaturkunst dringen die Tiere, die wesentlich zahlreicher sind als ihre Herren und Meister, sowohl in die weltlichen als auch die sakralen Bereiche ganz Europas ein. Was man über die vielfältige Funktion des Tieres in der mittelalterlichen Kunst herausgefunden hatt, gilt natürlich auch für die Musik. Die Stücke, die für diese Anthologie ausgewählt wurde, soll veranschaulichen, welch enorme Vielfalt an Vierbeinern, Vögeln und Fischen die Kreativität dieser Epoche beflügelt hat."


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NEI - Nuova Era Internazionale

20 Jahre Aufnahmeerfahrung: Opern, Vokalwerke, Sinfonische Werke, Frühe- und Barockmusik, NUOVA ERA ist zu einem der Eckpfeiler in der Welt der Tonträgerindustrie geworden, beständig auf der Suche nach den Werken mit hohem Repertoirewert und der besten Preis/Leistungsrelation.
Die große Familie NUOVA ERAs diskografischer Serien umfaßt Labels wie "Ancient Music", der Frühen- und Barockmusik gewidmet, "Icarus", gewidmet Moderner und Zeitgenössischer Musik, sowie eine Riesenauswahl primär Italienischer Opernproduktionen, die nun ergänzt wird durch die, in Kooperation mit Radio della Svizzera Italiana produzierten Alben "Italian Vocal Art - Edwin Loehrer Edition" mit den faszinierendsten Aufnahmen eines der außergewöhnlichsten Rundfunkarchive.
NUOVA ERA ist Italiens Antwort auf die großen musikalischen Fragen des beginnenden Jahrtausends.


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