> > > Ghirardello da Firenze: Madrigali, Cacce, Ballate dal Codice Squarcialupi
Samstag, 6. Juni 2020

Ghirardello da Firenze - Madrigali, Cacce, Ballate dal Codice Squarcialupi

Die Tänze nach dem Neustart


Label/Verlag: NEI - Nuova Era Internazionale
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Musik eines Komponisten, der die Pest von 1348 überlebte: an sich spannend genug, zudem sehr hörenswert interpretiert.

Die Pest von 1348 gehört zu den großen Zäsuren der europäischen (Geistes-)Geschichte, und findet als solche selten gebührende Aufmerksamkeit. Als große Zäsuren gelten meist die Werke des Menschen, die Erfindungen und Kriege; das ist seltsame Schmeichelei. Gerade die Ohnmachtserfahrung löste eine Welle des großen Zweifels aus, auf dem die Renaissance fußen sollte. Denn der halbe Kontinent musste erst zu buchstäblich neuem Leben erwachen. Man starb überall, durch alle Schichten und gleich mit welchem Selbstverständnis, auch in den großen Städten wie Florenz. Boccaccio beschreibt in der Einleitung seines Decameron mit grimmem Realismus, man hatte überhaupt nicht gewusst hatte, dass so viele Menschen in Florenz gelebt hätten wie man nun in die Massengräber warf. Die Stadt wurde erst im 19. Jahrhundert wieder so groß wie vor 1348. Zu den Überlebenden zählte auch der Komponist und Geistliche Ghirardello da Firenze, geboren als Niccolò de Francesco um 1325. Er darf unter die Künstler gezählt werden, die dazu beitrugen, dass auf den gesamtgesellschaftlichen Neustart europäischer Zivilisation das blühende Ereignis folgte, das heute Renaissance genannt wird. Seine Musik ist komponiert für die Feste und Tänze der gehobenen Stände, die nicht zuletzt ihr schieres Überleben feierten. Leser des Decameron werden vertraut sein mit den Formeln, mit denen die lieta brigata im allabendlichen Tanz und Gesang beschrieben wird: damit ist Musik wie diese gemeint.

Der phantasievolle Komponist der Ars nova ist im Codex Squarcialupi überliefert, einer kostbaren Handschrift, die auf den Beginn des 15. Jahrhunderts datiert wird, und eine einmalige Anthologie der Musik des Trecento darstellt; man könnte sie etwa dem fast gleichzeitigen Codex Manesse und dessen Bedeutung für die deutsche Dichtung vergleichen (auch den Ordnungskriterien nach). Die Madrigale, die Tanz- und Jagdlieder Ghirardellos vertonen Texte, deren Ausrichtung auf die Liebe als dem Umkreis des dolce stile nuovo zugehörig beschrieben werden können; jener literarischen Strömung, die etwa von Guido Guinizelli und dem jungen Dante Alighieri mitgeprägt wurde, und allmählich den komplexen Liebeskonstellationen des hohen Mittelalters eine neuzeitliche Wendung zu geben begann. Manche Zeilen gemahnen bereits an die dunkleren Varianten etwa eines Guido Cavalcanti (beispielsweise psychisch klamme aber wache Fügungen wie ‚amando sempre con paura‘). Diese Werke sind nun auf einer CD des Ensemble Modo Antiquo unter der Leitung von Federico Maria Sardelli und Bettina Hoffmann versammelt – und so speziell dieses Thema im Detail wie im Ganzen auch anmutet, so breit ist doch das Publikum, das man ihm wünschen wird. Gewiss, das ist nicht nur Alte Musik, sondern Älteste Musik, und ihre Tonsprache ebenso wie die Logik ihrer Lyrik können uns so fremdartig erscheinen wie jene der Neuen Musik. Aber gerade deshalb lohnt der Blick auf dieses Erbe, diese kostbare Überlieferung, die ein Glücksfall ist. Renaissance muss nicht nur eine handvoll Statuen bedeuten – anders gesagt: das darf man nicht zulassen.

Vor dem 1984 gegründeten und seither international geschätzten Ensemble solieren der Tenor Paolo Fancuillacci, die Countertenöre Michel van Goethem und Stephen Woodbury sowie die Sopranistin Daryl Greene. Die klaren, beherrschten und transparenten Stimmen erwecken die Musik zum Leben – ohne dabei die Pathetik anzapfen zu müssen, die dieser Formel eingeschrieben ist. Die künstlerische Verarbeitung all der Liebesproblematiken wird dargestellt, nicht nachgespielt – und arbeitet so der beginnenden Selbstreflexion der Renaissancekunstwerke zu, die hier ebenso im Entstehen ist, wie etwa im Decameron oder dem Canzoniere. Die virtuosen, reich verzierten Melodielinien von Ghirardellos Musik werden sängerisch beherrscht und mit gebotener Leichtigkeit musiziert. Das berühmte (soweit man bei der Musik dieser Zeit von Berühmtheit sprechen kann) Jagdlied 'Tosto che l’alba' wird mit seinen reichen Instrumentalzwischenspielen und seiner vertrackten Kanonstruktur so nicht nur technisch und stilistisch instruktiv, sondern im selben Maße lebendig und belebend dargeboten. Nur sehr selten, zuweilen etwa im Madrigal 'Per prender cacciagion', scheint der elastische Fluss dieser spielerischen Musik ins Stocken zu geraten.

Der umtriebige und in vielen Kunstgattungen aktive Flötist Federico Maria Sardelli leitet das Ensemble kenntnisreich und als Zeitgenosse aller Zeiten. Seine musikhistorischen Arbeiten (besondere Verdienste hat er sich als Vivaldi-Editor erworben) vermischen sich mit akutem, künstlerischem Verve zur schönsten Zündladung für diese Musik. Man kann sich bereits auf seine nächsten Produktionen freuen, ob es nun Bücher verschiedenster Couleur, Gemälde oder neue CDs sind.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Tobias Roth Kritik von Tobias Roth,


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    Ghirardello da Firenze: Madrigali, Cacce, Ballate dal Codice Squarcialupi

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
NEI - Nuova Era Internazionale
1
23.04.2010
62:16
1992
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4011222329103
232910


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"Ghirardello wurde zwischen 1320 und 1325 als Niccolò de Francesco in Florenz geboren. 1343 wird er als Geistlicher in der Kathedrale Santa Reparata erwähnt, wo er 1345 als Priester bestellt wird und bis 1350 Kaplan der Kirche ist. Den Namen Ghirardello nimmt er 1351 an, als er in den Orden von Vallombrosa eintritt; später wird er Prior der Kirche San Remigio in Florenz. Aus einem Sonett von Simone Peruzzi an Franco Sacchetti geht hervor, dass Ghirardello zwischen 1362 und 1363 starb. Das Werk und die vorliegenden Aufnahmen: „Die Mädchen und nicht minder die jungen Männer verstanden sich sämtlich auf den Reigentanz. Einige unter ihnen aber besaßen besondere Geschicklichkeit in Spiel und Gesang. Darum ließ die Königin, als die Tische abgeräumt waren, Musikinstrumente herbeibringen, und Dioneo nahm auf ihren Befehl die Laute, Fiammetta eine Geige, und sie begannen, anmutig miteinander einen Tanz zu spielen. Die Königin schickte die Diener zum Essen und tanzte dann mit den anderen Damen und den zwei jungen Männern nach dieser Musik langsamen Schrittes einen Reigen. Dem Tanz folgten anmutige, muntere Lieder.“ (Dekameron, 1. Tag, Einleitung)"


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NEI - Nuova Era Internazionale

20 Jahre Aufnahmeerfahrung: Opern, Vokalwerke, Sinfonische Werke, Frühe- und Barockmusik, NUOVA ERA ist zu einem der Eckpfeiler in der Welt der Tonträgerindustrie geworden, beständig auf der Suche nach den Werken mit hohem Repertoirewert und der besten Preis/Leistungsrelation.
Die große Familie NUOVA ERAs diskografischer Serien umfaßt Labels wie "Ancient Music", der Frühen- und Barockmusik gewidmet, "Icarus", gewidmet Moderner und Zeitgenössischer Musik, sowie eine Riesenauswahl primär Italienischer Opernproduktionen, die nun ergänzt wird durch die, in Kooperation mit Radio della Svizzera Italiana produzierten Alben "Italian Vocal Art - Edwin Loehrer Edition" mit den faszinierendsten Aufnahmen eines der außergewöhnlichsten Rundfunkarchive.
NUOVA ERA ist Italiens Antwort auf die großen musikalischen Fragen des beginnenden Jahrtausends.


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