> > > Zweers, Bernard: Sinfonie Nr. 3 ´Aan mijn vaderland´
Samstag, 23. Januar 2021

Zweers, Bernard - Sinfonie Nr. 3 ´Aan mijn vaderland´

Niederländischer alter Meister


Label/Verlag: Sterling
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Bernard Zweers vielfarbige Dritte Sinfonie wird von Sterling in einer nicht mehr ganz jungen, aber äußerst frischen, lebendigen Einspielung vorgestellt.

Bernard Zweers (1854–1924) gehört zu jener Generation von Komponisten des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, deren Namen, obschon lokal nie vergessen, aus dem ‚kollektiven musikalischen Gedächtnis‘ lange Zeit gestrichen waren. Der in Amsterdam geborene und gestorbene Zweers war in seiner Jugend glühender Wagner-Verehrer, studierte für acht Monate bei Jadassohn in Leipzig und war von 1895 bis 1922 Leiter der Klasse für Musiktheorie und Komposition an dem Konservatorium seiner Heimatstadt.

Nachdem das Label Sterling in den vergangenen Jahren bereits die Sinfonien Nr. 1 und 2 vorgelegt haben, folgt nun Zweers’ umfangreiche Dritte Sinfonie 'Aan mijn vaderland'. Das Werk entstand von 1886 bis 1890 und gilt heute als seine bekannteste Komposition. Die gut eine Stunde dauernde Komposition speist sich aus einem ‚Motto-Thema‘, aus dem alle weiteren Gedanken abgeleitet und entnommen werden. Gleich im ersten Satz 'In niederländischen Wäldern' zeigt sich Zweers’ kompositorische Meisterschaft, die Brahms, Smetana und Wagner, in ferneren Echos auch Raff, Tschaikowsky und Marschner nahe steht und im Finale dann plötzlich sogar Bruckner nicht mehr fern ist. Dennoch gibt es immer wieder aufblitzende Tendenzen in Richtung der Harmonik Strauss’ oder Regers.

Auch das Scherzo 'Auf dem Lande' überrascht immer wieder durch Einbrüche des Modernen, des Gar-nicht-so-schlicht-rein-ländlich-Heiteren, nicht nur etwa die Posaunen- und Tubeneinsätze im ersten Drittel des Satzes, die auf Janáceks 'Sinfonietta' vorausweisen, sondern auch etwa durch ausgesprochen ‚unländlich‘ elegante Passagen. Der Gebrauch von Englischhorn und Oboe führt für einen Moment zu Berlioz‘ 'Symphonie fantastique', für einen weiteren zu 'Tristan und Isolde', im Trio zu Schumanns 'Genoveva' – als wolle Zweers zeigen, wie nahe auch in den Niederlanden die Sphären beieinander liegen können. Ein wenig drängt sich der Vergleich zu Donald Francis Toveys Sinfonie von 1913 auf, die aber im Vergleich noch stärker die Sinfonie eines Intellektuellen ist.

An dritter Stelle erwartet der Hörer einen langsamen Satz – doch er erhält weit mehr als das: Ein ausgedehntes Meergemälde wird vor ihm ausgebreitet, das keineswegs mit den Urlaubserinnerungen heutiger Zeit in Einklang zu bringen ist. Wir erleben, dass das Meer erbarmungslos sein kann. Die Zahl der von Zweers gemalten Stimmungen ist groß, immer wieder mit klug eingebrachter Nutzung der tiefen Instrumente (Zweers benötigt einen recht großen Bläserapparat), die dem gesamten Werk häufig eine grüblerische Komponente, verleiht, die manch einer auch in der Schattengestaltung Rembrandts sieht.

Waren schon die ersten drei Sätze nicht kurz, überbietet das Finale 'Die Hauptstadt' das bisher Dargebotene noch. In manchen Momenten hat man zwar das Gefühl, Zweers verlöre sich in Belanglosigkeiten, aber schon bald zeigt sich, dass die verschiedenen Einzelelemente ein überzeugendes Ganzes bilden. Zweers’ erstes im New Grove genannte Chorwerk trägt den Titel 'De Kosmos' (eine Vertonung des 104. Psalms), und in gewisser Weise bietet auch diese Sinfonie einen reichen Kosmos nicht nur an Stimmungen und Klangtexturen, sondern auch an Perspektiven auf die Niederlande.

Die Liebe, mit der Zweers die Eindrücke seiner Heimat malt, ist offenkundig und überträgt sich auch auf die Einspielung. Sie entstand bereits im August 1977 und zeigt das Residentie Orkest Den Haag unter Hans Vonk (1942-2004) blendend aufgelegt. Vonk findet für jeden Abschnitt der Partitur die passende Farbe – flirrende Nebel über den Wäldern, ächzende tiefe Streicher und Fagotte, beeindruckende Choralschwere im Trio des Scherzo –, auch wenn es manchmal, etwa im Scherzo, ein ganz klein wenig klappert.

Die Einspielung aus der Nieuwe Kerk in s’Gravenhage erscheint unter Lizenz der Stiftung des Residentie Orkest – auch wenn sie über dreißig Jahre alt ist, wirkt sie frisch, nicht im Geringsten gealtert. Der ‚alte Meister‘ Zweers ist exemplarisch durch den Altmeister Hans Vonk veredelt worden, unnötiger Firnis ist abgetragen. Eine ausgezeichnete Remastering-Leistung, die leider im Booklet nicht zugewiesen wird. Überhaupt enttäuscht das Booklet am meisten: Texte nur in Niederländisch und Englisch, doch wer sich die Mühe macht, einen der Texte zu lesen, wird diesen zum Schluss ein wenig unbefriedigt wieder zuklappen. Trotz der Länge fühlt man sich bezüglich der Besonderheiten der Partitur nicht wirklich erhellt. Egal – in der Musik gibt es so vielleicht umso länger immer wieder Neues zu entdecken.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Zweers, Bernard: Sinfonie Nr. 3 ´Aan mijn vaderland´

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Sterling
1
19.04.2010
Medium:
EAN:

CD
7393338108825


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Sterling

Sterling is a record label specialising in orchestral music from the Romantic era, founded by Bo Hyttner. Most of the CDs released by Sterling contain previously unrecorded works. After setting out with Swedish romantics, Sterling is now spreading out towards the musical heritage of other European countries. In Sweden, the label is represented through CDA.



Additional to our series of Romantic orchestral classics, we release two more series:
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