> > > Lindberg, Magnus: ´Graffiti´ für Kammerchor & Orchester
Sonntag, 15. September 2019

Lindberg, Magnus - ´Graffiti´ für Kammerchor & Orchester

Vulcanus Magnus


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Musik auf Texte von den Mauern Pompejis: 'Graffiti', Magnus Lindbergs erstes Werk für Chor und Orchester überhaupt, wurde 2009 in Helsinki uraufgeführt ? und direkt ersteingespielt, zusammen mit 'Seht die Sonne' (2007). Eine Platte, die zündet!

War früher wirklich alles besser? Die antiken Graffiti jedenfalls schon mal nicht, die man in Pompeji unter dem Lavagestein des Vesuv wieder hervorgeholt hat: Grüße und Wortspiele, Einkaufslisten, Werbung für Gladiatorenkämpfe und Fischsoßen, ‚Paris hic fuit‘ – hier ist so ungefähr alles in die Mauern geritzt und gemeißelt worden, nicht zuletzt auch explizite Qualitätshinweise, die örtlichen Prostituierten betreffend. Der Komponist Magnus Lindberg, mit auch schon über 50 Jahren inzwischen ein Klassiker der finnischen Avantgarde, hat aus diesem vergnüglichen Wust den Text für ein neues Stück zusammengeflickt. 'Graffiti', Lindbergs erstes Werk für Chor und Orchester überhaupt, wurde 2009 in Helsinki vom dortigen Kammerchor und dem Finnischen Radiosymphonieorchester unter Sakari Oramo uraufgeführt und direkt danach eingespielt; diese packende Aufnahme ist nun bei Ondine erschienen.

Das Lamento, Lindberg sei früher aber auch besser gewesen, ließ nicht lange auf sich warten. Was Spuren von Resttonalität oder gar modale Einschläge enthalten kann, wird von den gestrengen Vertretern der musikalischen Fortschrittspartei offenbar noch immer missbilligt – selbst dann, wenn sich einer bereits am Serialismus, der musique concrète, den Spektralisten und Minimalisten, elektronischer und computergenerierter Musik, an Strawinskys Rhythmen, Free Jazz, Progressive Rock, Ostasien und gar an Elias Canetti erfolgreich abgearbeitet hat. Dass für Lindberg die menschliche Stimme mit atonalen Techniken kaum zusammengeht; dass Archaismen und Fresko-Stil bei einem Antikensujet nicht allzu fernliegen; dass 'Graffiti' auch deshalb manchmal nur haarscharf am Soundtrack von Gladiatorenfilmen vorbeischrammt – alles geschenkt. Die Qualität des Stücks erweist sich aber an seinem schillernden Konzept. Bleibt es beim Mosaik von flüchtigen Einzelmomenten, oder wird hier durch die Hintertür doch eine Geschichte erzählt? Prima la musica – ovvero le parole? Und die dräuende Atmosphäre, die über all dem hängt: Ist das der Nebel historischer Ferne oder doch das Damoklesschwert, die nahende Katastrophe? Eine halbe Stunde lang hält Lindberg den Geist des Hörers in suchender Bewegung. Auf unmittelbar Illustratives lässt er sich kaum ein; hier eine kleine Liebesszene, dort ein Anflug von Tanz, eunuchischer Gesang zu pornografischen Schnipseln – war’s das schon? In schönster Verwirrung bleibt man zurück.

Lieblingsinstrument Orchester

Herausragende Klangregie ist man von einem wie Lindberg gewohnt; nicht umsonst nennt er das große Orchester sein ‚Lieblingsinstrument‘. Aber auch die Aufnahmetechnik und vor allem die Interpreten tragen zu diesem absolut überzeugenden Klangereignis bei: Vom sonoren Kontrafagott bis zu den glockenreinen Sopranen agieren sie verlässlich in allen Extremlagen, kraftvoll und durchaus mit Mühe – wie auch nicht bei einem Komponisten, der einem Orchester all das abverlangt, was er an Elektronik gelernt hat? Auch in der zweiten Ersteinspielung dieser CD, dem 2007 für Berlin geschriebenen reinen Orchesterwerk 'Seht die Sonne', werden die Instrumentalisten voll gefordert. Die Trompeten strahlen furios, Geigen und Flöten glitzern und flirren, jeder bekommt seinen besonderen Auftritt in diesem Schwesterwerk zum Konzert für Orchester (2003). Und alle bewähren sie sich, ob solo oder tutti – immer blitzsauber, immer klar koordiniert, und das auch im Dickicht eines ausgewachsenen Klangdschungels, in dem man die Affen auch noch mit Zucker vollgepumpt hat.

In 'Seht die Sonne' geht es nicht minder archaisch zu: Noch so ein Vulkanausbruch, ereigniszerfklüftet im Orchestersatz, lodernd in der Tonsprache. Haben Schönbergs 'Gurrelieder' hier doch für mehr als den nachträglich gegebenen Titel Pate gestanden? Süffige Spätest-Romantik dämmert jedenfalls herüber, wenn auch vielfach reflektiert, durch ein ganzes Jahrhundert diverser musikalischer Modernen gebrochen. Ein Symphon, in dem alles ineinanderfließt und in ständigen Eruptionen wieder auseinanderfliegt – ein typischer Lindberg also? Nicht ganz: Anders als etwa in der Riesenmaschine 'Kraft', einem Meilenstein der Orchestermusik (1985), fragt man sich hier längst nicht mehr, wozu überhaupt noch Tonhöhen notiert werden. Zwischendurch tauchen gar echte Melodien auf, Kantilenen geradezu. Die Neue-Musik-Puristen haben sich da schon längst abgewandt, wie immer, wenn einem aus ihrer Zunft das Publikum nicht egal genug ist. Vielleicht war Lindberg auch deshalb nie besser als heute.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Kritik von Christian Schaper,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Lindberg, Magnus: ´Graffiti´ für Kammerchor & Orchester

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Ondine
1
29.03.2010
57:12
Medium:
EAN:

CD
761195115725


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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