> > > Schumann, Robert: Werke für Klavier & Orchester
Montag, 18. Oktober 2021

Schumann, Robert - Werke für Klavier & Orchester

Teleskope in Schumanns Klaviersatz


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Tzimon Barthos manierierter Zugriff und Eschenbachs breiige Orchesterbalance machen diese Schumann-Einspielung zu einer Enttäuschung.

Dass Robert Schumann nur ein einziges Klavierkonzert vollendet hat, erscheint manchen als historische Tatsache, die man nur allzu gern ändern würde. Viele Wege dahin stehen nicht offen. Natürlich könnte man ein anderes Instrumentalkonzert umarbeiten, etwa so, wie es Dejan Lazic kürzlich mit Brahms‘ Violinkonzert gemacht hat. Ob allerdings ästhetisch Überzeugendes gewonnen würde, wenn man Schumanns Cello- oder Violinkonzert für Klavier umschrieb, ist doch mehr als fraglich. Ganz ohne Umarbeitungen aber scheint sich ein weiteres Klavierkonzert nicht herstellen zu lassen. – Meint man. Tzimon Barto und Christoph Eschenbach aber machen auf vorliegender, beim finnischen Label Ondine erschienenen Einspielung, den Versuch, ein ‚Klavierkonzert‘ aus bisherigen Originalwerken Robert Schumanns zu kompilieren. Sie stellen hierfür die beiden einsätzigen Konzertstücke für Klavier und Orchester opp. 92 und 134 als Ecksätze zusammen und verbinden – auf diese Idee kam Tzimon Barto – das Ganze mit einem Variationszyklus für Klavier solo als langsamer Zwischensatz; als solcher fungieren in diesem virtuellen ‚Klavierkonzert‘ die auch unter dem Namen ‚Geistervariationen‘ bekannten Es-Dur-Variationen (WoO 24). Die Zusammenstellung ‚nach Art eines dreisätzigen Klavierkonzerts‘ (so der Bookletautor) will schon allein der disparaten tonalen Zentren (G-Dur, Es-Dur, d-Moll mit D-Dur-Schluss) nicht recht einleuchten. Kommt hinzu, dass die beiden Konzertstücke, als einsätzige Werke disponiert, wenig Zusammenhang stiften, um das Ergebnis als ein konsistentes Instrumentalkonzert erscheinen zu lassen.

Die hier gebotene Werkzusammenstellung, an deren Ende noch die sechs „Studien für Pedalflügel“ op. 56 in Debussys Arrangement für zwei Klaviere (mit Christoph Eschenbach als zweitem Pianisten) will aber auch deswegen nicht als geschlossen erscheinen, weil die eröffnende „Introduktion und Allegro appassionato“ op. 92 interpretatorisch so aufgeplustert wird, dass es unmöglich als Kopfsatz wirken kann. Der amerikanische Pianist Tzimon Barto, von einigen als Scharlatan verunglimpft, von anderen als Magier an den Tasten verehrt, macht seiner Fama alle Ehre und geizt wenig mit idiosynkratischen Leuchtraketen. Wo immer die Musik lyrisch eingedunkelt wird – und davon ist nicht nur das Seitenthema des Allegro-Teils bestimmt, sondern eigentlich die komplette Introduktion –, da setzt er Tempo und Metrum außer Kraft und zeichnet innig die Spannungskurven der Musik nach. Welch großartiger Tastenschmeichler er ist, wird an einigen Stellen hörbar, wenn er wie mit einem Teleskop in Schumanns Klaviersatz hineinschaut und vor dem Hörer alle Kostbarkeiten offenlegt. Nur leider stolpert man allzu oft über die vielen Teleskopstangen – man wird immer wieder aus dem musikalischen Fluss geworfen, weil Tzimon Barto den Bewegungsgrad drosselt, um eine ihm besonders zart erscheinende Stelle pianistisch zu beleuchten, mit feinem Anschlag, dunkler Klangfärbung und äußerst flexiblem Tempo. Ähnlich verfährt Barto auch in den ‚Geistervariationen‘, deren Zugriff im großen Ganzen aber wesentlich mehr überzeugt als bei den Konzertstücken. Dass so manche wichtige Bassfigur als Gegenbewegung zur lyrischen Melodie in den beiden Konzertstücken unterrepräsentiert bleibt, hängt wohl damit zusammen, dass Barto, um sie deutlich werden zu lassen, im Bass kräftiger zupacken müsste, was das dynamische Gleichgewicht wegen der Klangeigenschaften des modernen Konzertflügels wohl ordentlich durcheinander brächte, noch dazu bei seinem sehr freizügigen Umgang mit dem Pedal.

Der vor allem aufs Lyrische kaprizierte Zugriff Tzimon Bartos findet sein Gegenstück in Christoph Eschenbachs Klangregie des NDR Sinfonieorchesters. Ähnlich wie Eschenbachs Einspielungen der Sinfonien (mit demselben Orchester und mit den Bamberger Symphonikern) zeugt auch hier der Klang von dunkel-mulmiger Grundierung, nivellierten Kanten (besonders bei den Punktierungen) und keineswegs transparenter Stimmenbalance. Vieles verschwimmt zu einem von den Streichern bestimmten Klangbrei, auch die dynamische Differenzierung lässt oft Raum für Verbesserungen.

Ein positiver Abschluss dieser zwar einige faszinierende Momente bietenden, aber insgesamt doch zu einseitig lyrisch-zahm erscheinenden Einspielung sind die sechs Kanons op. 56 für zwei Klaviere, in denen nicht nur Schumanns Meisterschaft in der Poetisierung des Kontrapunkts deutlich wird, sondern ebenso Debussys Arrangeurskunst – vor allem die pianistischen Fähigkeiten der beiden Partner, die hier zeigen, dass ein schwärmerischer Zugriff (der manchen vielleicht als ‚romantisch‘ gilt) beide Interpreten verbindet. Und das Ergebnis aus einem Guss erscheinen lässt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Schumann, Robert: Werke für Klavier & Orchester

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Ondine
1
29.03.2010
73:33
2009
Medium:
EAN:

CD
761195116227


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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