> > > il gardellino spielen: Kammermusik von C. F. Abel & J. C. Bach
Donnerstag, 2. Dezember 2021

il gardellino spielen - Kammermusik von C. F. Abel & J. C. Bach

Geistreiche Unterhaltungsmusik


Label/Verlag: Accent
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese CD sei allen Hörern sehr ans Herz gelegt, denn so wunderbar ausmusizierte und charmante Musik bekommt man selten zu hören.

‚Freunde durch dick und dünn‘ müssen sie gewesen, der Dresdner Carl Friedrich Abel und der Bach-Sohn Johann Christian Bach. Kurz nach Abels Ankunft in London zogen sie in ein Haus und bildeten bald das Epizentrum, um das das gesellschaftliche und künstlerische Leben der Stadt kreiste. Der Maler Gainsborough und der Schauspieler David Garrick gingen bei ihnen ein und aus. Ferner hatten sie beste Beziehungen zum Hof, denn am mehr oder weniger deutschen Hof liebte man die Instrumentalmusik der Heimat. Ab 1764 veranstalteten sie ihre eigene Konzertreihe, die eine der wichtigsten musikalischen Institutionen der Stadt werden sollte. Die Bach-Abel-Konzerte zeichneten sich durch große Exklusivität des Publikums aus. Sie brachten Glanz und Glamour in den Konzertsaal, was zu einem großen Prestigegewinn für alle Konzertveranstaltungen dieser Art führte. Ganz geschickt achteten die beiden Freunde darauf, dass ihre Konzertreihe ein gesellschaftliches Ereignis von Rang war, indem sie durch sogenannte ‚Ladies Lists‘den Zugang zu ihren Veranstaltungen kontrollierten. So mussten zukünftige Hörer bei führenden Damen der Gesellschaft vorsprechen, um sich für ein Abonnement zu bewerben. Dadurch war gesichert, dass nur Leute Zutritt fanden, die den strengen Selektionskriterien dieser adeligen Ladies entsprachen. Bach und Abel konnten sich danach im Glanz dieser exklusiven Gesellschaft sonnen. Mit 15 Konzerten im Jahr setzten Bach und Abel neue Standards. Sie waren also nicht nur gute Musiker sondern auch geschickte Geschäftsmänner, die genau wussten, wie man den Markt beeinflussen konnte. Dass Abels Instrument, die Gambe, nicht mehr so gefragt war, konnten sie ebenfalls viele Jahre kompensieren, doch zerbrach der große Virtuose schlussendlich daran. Er starb nach Auslaufen der gemeinsam veranstalteten Konzertreihe verarmt als Alkoholiker.

Aus sorglosen Tagen stammen wohl Kammermusikwerke, die das Ensemble Il Gardellino auf seiner neusten CD präsentiert. Das Programm ist eine glückliche Auswahl verschiedener Kompositionen von Abel und Bach, das verdeutlicht, zu welcher fruchtbaren Zusammenarbeit sie fähig waren. Ob die Stücke für ihre Konzertreihe entstanden oder für private Aufführungen bei Hofe oder als Kammermusik für eigene Hausmusiken geschrieben wurden ist unklar. Die Musik ist durchweg kreativ, einfallsreich, elegant und melodienreich. Im Wechselspiel übernehmen die einzelnen Instrumente die thematische Arbeit, mit dem Ergebnis eines ausgewogenen Miteinanders. Von Johann Christian Bach erklingen das Quartett Nr.1 (Warb B60) für Oboe, Violine, Gambe und Violoncello, das Quintett Nr.3 (Warb B73) für Flöte, Oboe, Violine und Basso continuo sowie das Sextett (Warb B78) für Fortepiano, Oboe, Violine, Violoncello und zwei Hörner. Von Abel gibt es das Quartett op.8 Nr.2 (WKO62), das Quartett (WKO227) für Flöte, Violine, Gambe und Violoncello sowie die beiden Gambensonaten Nr.22 und Nr.24 für Gambe Solo. An der Besetzung kann man erkennen, wie vielfältig die jeweiligen instrumentalen Kombinationsmöglichkeiten sind. Man kann sich gut vorstellen, wie diese Musik zum Vergnügen aller Aufführenden bei Hauskonzerten erklang.

Auch die Musiker von Il Gardellino scheinen große Freude beim Einspielen dieser Musik gehabt zu haben, denn ihre Aufnahme sprudelt über vor Energie und Engagement. Sie präsentieren Unterhaltungsmusik im besten Sinne. Alles klingt harmonisch, frisch und elegant. Der plaudernde, intime Duktus der Stücke wird durch ein sehr direktes Klangbild der Aufnahme unterstrichen. Jedes Instrument ist deutlich und klar zu hören, als spielten die Musiker direkt im eigenen Zimmer.

François Fernandez (Violine), Vittorio Ghielmi (Viola da Gamba) und Ira Givol (Cello) stellen ein wunderbar aufeinander eingespieltes Streichtrio dar, das die Interpretationen trägt. Der leicht nasale Klang von Ghielmis Instrument fügt eine spannende Note zum hellen Klang von Geige und Cello. Er dämpft den Satz etwas ab, wodurch sich die Streicher besser mit den Bläsern mischen. Ferner kann Ghielmi in den Solo-Sonaten für Gambe von Abel sein Können zeigen. Beim Hören dieser beiden Stücke wird deutlich, wie sehr Abel es verstand für sein Instrument zu schreiben. Er spart weder an Virtuosität noch an Eleganz. Alles ist perfekt für die Gambe komponiert und Ghielmi weiß diese Musik so zu interpretieren, dass es überzeugend und organisch klingt.

Die beiden Bläser Jan De Winne (Traversflöte) und Marcel Ponseele (Oboe) haben in den Ensemblestücken die dankbare Aufgabe, munter beschwingte Melodien zu spielen. Beide haben einen sehr strahlenden Ton und einen brillanten Ansatz. Ihre Virtuosität ist dabei niemals Selbstzweck sondern Ausdruck der freudigen Grundstimmung der Kompositionen. Auch der Pianist Shalev Ad-El fügt sich sehr gut in den Satz ein. Während er am Cembalo eine eher dezent begleitende Funktion hat und sich im Hintergrund hält, ist sein Spiel am Fortepiano vordergründiger.

Diese CD sei allen Hörern sehr ans Herz gelegt, denn so wunderbar ausmusizierte und charmante Musik bekommt man selten zu hören. Einerseits lohnen die geistreichen Kammerkompositionen von Bach und Abel entdeckt zu werden, andererseits strahlt die Interpretation von Il Gardellino so viel Musikalität und Esprit aus, dass man die Musik immer und immer wieder hören kann, ohne dass sie langweilen würde.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    il gardellino spielen: Kammermusik von C. F. Abel & J. C. Bach

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Accent
1
01.04.2010
Medium:
EAN:

CD
4015023242210


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Accent

Schon bei der Gründung des Labels 1979 durch Andreas Glatt war klar, dass ACCENT sich fast ausschließlich mit Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beschäftigen würde. Die Künstler, die für ACCENT aufnehmen oder aufgenommen haben, gehörten von Anfang an zu den renommiertesten Interpreten der "Alte-Musik-Szene": darunter die Brüder Barthold, Sigiswald und Wieland Kuijken, René Jacobs, Jos van Immerseel, Maria Cristina Kiehr mit La Colombina, Paul Dombrecht, Marcel Ponseele mit seinem Ensemble Il Gardellino, aber auch jüngere Künstler wie Ewald Demeyere und sein Bach Concentus, das Ensemble Private Musicke mit Pierre Pitzl oder das Amphion Bläseroktett. Der ACCENT-Katalog möchte den neugierigen Musikfreund auf eine Reise durch die Welt der Alten Musik mitnehmen. Dabei wird er, neben ausgewählten Standardwerken, nicht selten Stücken begegnen, die kaum im Konzertbetrieb oder auf CD anzutreffen sind. Erstaunlicherweise stammen sie nicht nur von wenig bekannten Komponisten, sondern auch von so großen Namen wie Johann Sebastian Bach oder Georg Philipp Telemann. Diese Raritäten werden für ACCENT nicht allein um ihres Seltenheitswerts aufgenommen, sondern vielmehr, weil sie wichtige, bislang sträflich vernachlässigte Werke sind, deren Entdeckung zu einem persönlichen Anliegen der Interpreten wurde.


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