> > > Bach, Johann Sebastian: Kantaten BWV 11, 44, 86 & 108
Donnerstag, 2. Dezember 2021

Bach, Johann Sebastian - Kantaten BWV 11, 44, 86 & 108

Musik als Predigt


Label/Verlag: Accent
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die neueste Ausgabe des Bachkantaten-Zyklus der Petite Bande widmet sich den Kantaten der Osterzeit.

Eine zyklische Ausgabe des Kantaten-Werks von Johann Sebastian Bach ist nicht nur ein enormes musikalisches Unterfangen, sondern bedeutet zugleich ein ästhetisches Glaubensbekenntnis. In den Kantaten zeigt sich das Schaffen und die Spiritualität Bachs in all seinen Facetten, oft in essenzhafter Konzentration. Dementsprechend vielfältig ist die Bandbreite der unterschiedlichen Deutungen, von John Eliot Gardiner bis Masaaki Suzuki. Sigiswald Kuijken, Geiger und Leiter des Ensembles La Petite Bande, hat für seinen Zyklus, der sukzessive beim Label Accent veröffentlicht wird, jedem liturgischen Ereignis des Jahres eine Kantate zugeteilt. Die neueste Veröffentlichung widmet sich den Sonntagen nach Ostern und dem Fest Christi Himmelfahrt.

Sigiswald Kuijkens Interpretationsansatz ist ein streng analytischer und historischer. Schon das zweibändige Beiheft zeigt, dass hier allen aufführungspraktischen Fragen kompromisslos genau auf den Grund gegangen wird. In der solistischen Vokalbesetzung auch der Chorpartien und der Besetzungsstärke des Ensembles orientiert sich Kuijken minutiös an historischen Vorlagen, auch wenn diese bisweilen unterschiedlich ausgelegt werden können. Immerhin führt dieser Ansatz zu einem transparenten Klangbild und homogenem Ensemblemusizieren. Da Kuijken die Kantaten vom Pult der ersten Violine aus leitet, wird ein Dirigent überflüssig, und die Kantaten kommen ihrer ursprünglichen Bestimmung als kollektiver Andachtsmoment wieder näher.

Überhaupt ist die Interpretation und Gestaltung der Kantaten hier purer liturgischer Dienst, der Intention folgend, in der sie geschrieben wurden. Die Ehrfurcht vor dem spirituellen Gehalt allerdings schlägt in der neuesten Folge zu oft ins Predigthafte um. Das überzeugt dann, wenn in der Anfangsarie zur Rogate-Kantate 'Wahrlich, wahrlich ich sage euch' BWV 86 der Bass die Stimme Gottes darstellt. Der etwas dozierende Gesangsstil, den alle vier Solisten an den Tag legen, langweilt jedoch schnell, wenn Musik und Text eigentlich eine größere Emotionalität einfordern. Hinzu kommen ungewöhnlich viele intonatorische Schwächen und wenig inspirierte stimmliche Phrasierungen. Überzeugend gelingen dagegen – wie stets in den Vokalaufnahmen der Petite Bande – die Chorpartien, da die transparente Gestaltung Bachs Polyphonie hervorragend wiedergibt. Hier verschmelzen Stimmen und Instrumentalensemble auf wunderbare Weise, so dass sich ein homogener Gesamtklang ergibt.

Die Kantate für den Himmelfahrtstag 'Lobet Gott in seinen Reichen' BWV 11 ist wie ein Oratorium gestaltet, mit einem erzählenden Evangelisten und betrachtenden Arien. Die Alt-Arie, die später in der h-Moll-Messe ins 'Agnus Dei' die eingehen sollte, überzeugt durch eine stumme Traurigkeit, auch die Sopranarie, die ganz ohne Bassinstrumente auskommt gefällt durch fast engelhafte Reinheit. Das Instrumentalensemble wird durch Barocktrompeten verstärkt, die hier, wie zu Bachs Zeiten, ohne Intonationslöcher gespielt werden. Aus dieser selten praktizierten historischen Genauigkeit resultiert ein raumöffnender Orchesterklang, in dem sich alle Klangfarben perfekt mischen.

Insgesamt überzeugen in dieser Aufnahme vor allem Instrumental- und Tuttisätze durch ihre polyphon gedachte Durchhörbarkeit. Die Arien und Rezitative hingegen lassen meist das nötige packende Musizieren vermissen, das die Kantaten aus der reinen puritanischen Predigtfunktion ins liturgische Spiel erhebt. Exemplarisch sei hier auf den parallel erscheinenden Zyklus von John Eliot Gardiner hingewiesen, der bei aller historischen Korrektheit nie die Ergriffenheit durch die Musik aus den Augen verliert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Kantaten BWV 11, 44, 86 & 108

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Accent
1
01.04.2010
Medium:
EAN:

SACD
4015023253100


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Accent

Schon bei der Gründung des Labels 1979 durch Andreas Glatt war klar, dass ACCENT sich fast ausschließlich mit Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beschäftigen würde. Die Künstler, die für ACCENT aufnehmen oder aufgenommen haben, gehörten von Anfang an zu den renommiertesten Interpreten der "Alte-Musik-Szene": darunter die Brüder Barthold, Sigiswald und Wieland Kuijken, René Jacobs, Jos van Immerseel, Maria Cristina Kiehr mit La Colombina, Paul Dombrecht, Marcel Ponseele mit seinem Ensemble Il Gardellino, aber auch jüngere Künstler wie Ewald Demeyere und sein Bach Concentus, das Ensemble Private Musicke mit Pierre Pitzl oder das Amphion Bläseroktett. Der ACCENT-Katalog möchte den neugierigen Musikfreund auf eine Reise durch die Welt der Alten Musik mitnehmen. Dabei wird er, neben ausgewählten Standardwerken, nicht selten Stücken begegnen, die kaum im Konzertbetrieb oder auf CD anzutreffen sind. Erstaunlicherweise stammen sie nicht nur von wenig bekannten Komponisten, sondern auch von so großen Namen wie Johann Sebastian Bach oder Georg Philipp Telemann. Diese Raritäten werden für ACCENT nicht allein um ihres Seltenheitswerts aufgenommen, sondern vielmehr, weil sie wichtige, bislang sträflich vernachlässigte Werke sind, deren Entdeckung zu einem persönlichen Anliegen der Interpreten wurde.


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