> > > Westhoff, Johann Paul von: Sechs Partiten für Violine solo
Samstag, 6. März 2021

Westhoff, Johann Paul von - Sechs Partiten für Violine solo

Virtuoses vor Bach


Label/Verlag: Arcana
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Gunar Letzbor mit interessantem Repertoire: Violin-Partiten aus der Feder Johann Paul von Westhoffs in einer sehr gelungenen Interpretation.

Für die Zeit des Barock scheint es klar zu sein: Johann Sebastian Bachs Kompositionen für unbegleitete Violine sind das bemerkenswerteste Zeugnis dieser Art zu komponieren. Doch hat sich auch der alle überragende Großmeister nicht im luftleeren Raum bewegt, war er prägenden und belebenden Einflüssen ausgesetzt. Ein wohl nicht zu unterschätzender Impulsgeber für diesen Teil seines Schaffens war der Virtuose Johann Paul von Westhoff (1656-1705). Der traf mit dem jungen Bach in Weimar zusammen, weitgereist und welterfahren, und inspirierte gerade den Geiger Bach.

Westhoff war vor allem von den österreichischen Vorbildern Schmelzer und Biber geprägt, suchte jedoch in seinen virtuosen Kompositionen nach einem eigenständigen Weg. Davon zeugt auch die früheste Sammlung von Partiten für unbegleitete Violine, die überliefert ist: Westhoff schrieb in einem seriösen, äußerst komplexen Stil. Größere Abschnitte sind real mehrstimmig, sogar Akkordfolgen gehören zum kompositorischen Inventar und umschreiben die enormen technischen Ambitionen der Kollektion. Westhoff versucht in der Abfolge der knappen Sätze mit Erfolg, ambitionierte Strukturen für die Violine zu etablieren und erzielt die beabsichtigte Komplexität durch, dass er den Satz kontrapunktisch ausbreitet. Bach geht in seinen späteren Werken anders vor: Er verdichtet und integriert verschiedene Elemente von Kontrapunkt und harmonischer Vielschichtigkeit und erreicht dadurch eine Musik von ihrerseits herausragender Komplexität.

Westhoffs Partiten bestehen jeweils aus Allemande, Courante, Sarabande und Gigue und werden von charakteristischen Motiven als prägenden Größen bestimmt. Insgesamt ist die klingende Musik durchaus sperrig, die tänzerischen Grundlagen und Potenziale scheinen nicht selten im ‚Gestrüpp‘ des elaborierten Satzes gefangen. Dennoch sind sie zweifellos ein wichtiges Element im Repertoire – anspruchsvolle Partiten mit sehr eigenständigem Charakter.

Durchdachter Ansatz

Gunar Letzbor hat sich schon oft als wichtiger Repertoirebildner gezeigt – im Ensemble wie auch für solistische Violine. Wichtigstes Zeugnis für Letzteres war zweifellos die Platte mit den solistischen Violin-Kompositionen aus der Feder Johann Joseph Vilsmayrs. Letzbor nähert sich Westhoffs Werken einfühlsam und seriös, leuchtet die äußerst komplexen Sätze strukturell aus – und das in nicht unbedingt dankbarem kompositorischem Material. Denn die Entfaltung von Melos, Eleganz und klanglicher Raffinesse stehen ein wenig hinter der Komplexität des Satzes zurück.

Dafür kann Letzbor umso mehr mit seinen eminenten technischen Fähigkeiten punkten und als Gestalter ambitionierter Strukturen überzeugen. Wenn er zum Beispiel in der Gigue der zweiten Partita einen virtuosen fugierten Einsatz spielt, erinnert das deutlich an eine Triosonate mit mehreren Geigen – diese Passagen spielt Letzbor schlicht umwerfend. Ein klares und anspruchsvolles Plädoyer für die nicht immer dankbaren aber gleichwohl gewichtigen Partiten Westhoffs. Ob sie den Weg ins Kernrepertoire der Barockgeiger finden werden? Verdient hätten sie es.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Westhoff, Johann Paul von: Sechs Partiten für Violine solo

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arcana
1
01.03.2010
Medium:
EAN:

CD
8033891690199


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Arcana

Michel Bernstein hat mit ARCANA eine Institution im Bereich der Alten Musik geschaffen, deren Katalog mit einer Vielzahl prominenter Namen der Alten Musik aufwarten kann, darunter prominente Namen wie Rinaldo Alessandrini, Gunnar Letzbor oder Sigiswald Kuijken. Als der Labelgründer 2006 plötzlich verstarb, schien es zunächst so, als würde dies auch unweigerlich das Ende von ARCANA bedeuten. Zum Glück entschied sich der italienische Vertrieb Jupiter zum Kauf des Labels. Selbstverständlich plant man, es im Sinne seines Gründers weiterführen. Nach und nach werden nun Aufnahmen aus dem umfangreichen Backkatalog des Labels in neuer Gestaltung wieder veröffentlicht und der Katalog durch neue Aufnahmen bewährter Künstler und von Neuzugängen (darunter Marco Beasley und das Ensemble Accordone) erweitert.


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