> > > Corps Femenin. Ferrara Ensemble interpretiert: Werke von Rodericus, Senleches u.a
Samstag, 6. März 2021

Corps Femenin. Ferrara Ensemble interpretiert - Werke von Rodericus, Senleches u.a

Wiedergeburt der Avantgarde des Mittelalters


Label/Verlag: Arcana
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Klangrein und farbenprächtig erstrahlt Lied- und Lautenkunst als Zeugnis moderner Musik im Mittelalter.

Ars nova gilt als Avantgarde des Mittelalters und hat mit der Avantgarde der Gegenwart nicht nur das Nischendasein gemeinsam. Der amerikanische Lautenist und Musikwissenschaftler Crawford Young hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, in seiner Wahlheimstadt Basel als Lehrer an der Schola Cantorum Basiliensis Schätze dieser einst so spannenden Musikepoche zu heben. Mit seiner Kunstfertigkeit und der seiner Musiker im Ferrara Ensemble gelingt eine durchaus doppeldeutig zu verstehende Renaissance.

Die modernen Musiker des 14. und frühen 15. Jahrhunderts führten an der Schwelle zwischen der Ars Antiqua und der Ars Nova heftige Kontroversen, die den Diskurs um rein musikalische Fragen weit überschritten und nur unter Einbeziehung der geistes- und kulturgeschichtlichen Situation nachvollziehbar sind. Erschwerend kam hinzu, dass avancierte Musik ausschließlich im Umfeld Privilegierter stattfand. Fürsten leisteten sich in ihrem Hofstaat Musiker, je nach Rang und Reichtum ganze Kapellen. Dadurch entwickelte sich die geistliche wie weltliche Liedkunst entsprechend der Zahl der Orte in vielfältiger Ausprägung und nach eigenen Gesetzen an den Höfen Italiens, Englands, Spaniens und vor allem Frankreichs. Diese Fülle ermöglicht auch in der Gegenwart noch viele Entdeckungen.

Jean Duc de Berry, Herzog von Valois und Graf von Auvergne und Boulogne, zählte zu jenen privilegierten Regenten, die Unsummen in die Musik investierten. Zu jedem Anlass gab er Kompositionen in Auftrag und lud Komponisten an seinen Hof. Einen Einblick in diese Zeit bietet die vorliegende Auswahl mit Werken von Senleches, Guido, Trebor, Solage, Magister Egidius Augustinus und Anonymus.

Die Einspielungen stammen aus den Jahren 2000 und 2008. Lediglich das erste Werk auf der CD, 'Angelorum psalat tripudium' wurde 2009 erstmalig aufgeführt und eigens für die vorliegende Veröffentlichung eingespielt. Als zweistimmige Motette Nr. 77 steht dieses Werk im Codex Chantilly, überschrieben mit 'S.Uciredor', woraus sich mit Bezug auf die am Ende der Verse nochmals zitierte Zeile ‚retro mordens ut ffera pessima‘ (von hinten beißend wie eine wilde Bestie‘) als Urheber ein gewisser Rodericus erschließen ließe, der aber nie konkret identifizieren werden konnte.

Für das Werk von herausragender Bedeutung ist eine für die Entstehungszeit geradezu radikale Erweiterung des Rhythmischen. Die Klangentfaltung der isometrisch angelegten und polyphon geführten Stimmen folgt eigenen Gesetzen. Musikwissenschaftler Anfang des 20. Jahrhunderts erfanden zur Beschreibung dieses Phänomens den Begriff ‚Ars subtilior‘ – verfeinerte Kunst.

Miriam Andersen (Mezzosopran) und Eric Mentzel (Tenor) intonieren diese Motette mit frappierender Klarheit, Kraft und Geschmeidigkeit und ziehen den Hörer quasi magisch in eine Klangwelt hinein, die von Schönheit, Kunstfertigkeit und Feingliedrigkeit geprägt ist. Mit ‚dulce melos‘ (Hackbrett), Liuto (Laute), Viola d‘arco, Harfe und Stimme, solistisch, im Duett oder Trio zeigen neben den bereits Genannten auch Masako Art, Randall Cook, Raitis Grigallis, Els Janssens, Eve Kopli, Jessica Marshall, Lena-Susanne Norin und Karl-Heinz Schickhaus beispielhaft, dass diese Musik der Ars nova frisch und unverbraucht ist und in manchen Aspekten bereits Züge der Romantik und der modernen Avantgarde vorausnimmt. Zeitlos schöner geht es nicht.

Zum allgemeinen Verständnis liefert Crawford Young im anschaulich gestalteten viersprachigen Booklet mit Bildern aus dem Stundenbuch von Duc de Berry eine ausführliche, wissenschaftlich fundierte und allgemein verständliche Erläuterung zur Musikepoche und den ausgewählten Werken sowie die Texte der einzelnen Lieder in Übersetzungen in italienischer, englischer, französischer und deutscher Sprache. Bedauerlich, dass hier über Crawford und das Ferrara Ensemble nichts zu lesen ist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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    Corps Femenin. Ferrara Ensemble interpretiert: Werke von Rodericus, Senleches u.a

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arcana
1
01.04.2010
Medium:
EAN:

CD
8033891690311


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Arcana

Michel Bernstein hat mit ARCANA eine Institution im Bereich der Alten Musik geschaffen, deren Katalog mit einer Vielzahl prominenter Namen der Alten Musik aufwarten kann, darunter prominente Namen wie Rinaldo Alessandrini, Gunnar Letzbor oder Sigiswald Kuijken. Als der Labelgründer 2006 plötzlich verstarb, schien es zunächst so, als würde dies auch unweigerlich das Ende von ARCANA bedeuten. Zum Glück entschied sich der italienische Vertrieb Jupiter zum Kauf des Labels. Selbstverständlich plant man, es im Sinne seines Gründers weiterführen. Nach und nach werden nun Aufnahmen aus dem umfangreichen Backkatalog des Labels in neuer Gestaltung wieder veröffentlicht und der Katalog durch neue Aufnahmen bewährter Künstler und von Neuzugängen (darunter Marco Beasley und das Ensemble Accordone) erweitert.


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