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Donnerstag, 21. März 2019

Schubert, Franz - Die Forelle

Revolutionäre Klangfetischisten


Label/Verlag: Tacet
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Schubert Impromptus op. 90 D 899 aus dem Jahr vor seinem Tod 1827 gehören zum Beliebtesten aus der Feder des Wiener Komponisten. Und wer die neue DVD in unscheinbarstem Cover auflegt ist total überrascht, welche ungeahnten klanglichen Kräfte hier freigesetzt werden: Das erste Impromptu c-Moll für Klavier zum Beispiel führt die eindrucksvoll agierende Pianistin Carmen Piazzini an den Rand dessen, was mit einem Klavier ausgesagt werden kann. Einsam ertönt der Ruf des Hirten auf seiner Flöte ? so könnte man es sich bildlich vorstellen ? nach dem das knallharte Eröffnungsbeil gefallen ist. Es ist eine traurige Melodie, die er uns singt, eine verzweifelte, eine Geschichte mit Ausgang im Traum, denn der Dur-Schluss verrät die Irrationalität. Wenn der Himmel sich auch scheinbar hin und wieder aufklären will, die Melancholie, wird er nicht los. Piazzini legt ihre ganze Seele in diese Musik hinein und jeder kann das allerorten spüren. Ihre Agogik ist kraftvoll, minutiös ausgefeilt, zielgenau gesetzt. Ihr Anschlag läuft präzis, ihre Dynamik ist männlich groß, ohne ihr jetzt zu nahe treten zu wollen. Es ist als Kompliment gemeint. Besonders stechen ihre perlenden Melodietonhervorhebungen heraus und verleihen dem Ganzen etwas Tragendes, Tiefes.

Dass es ein Traum am Ende des ersten Impromptus war, wird spätestens im zweiten Impromptu auf brachiale Weise deutlich, wenn aus flottem Es-Dur im Mittelteil martialisches h-Moll wird. Ständig fordert Schubert Akzente und ?ben marcato?. Es ist die Tonart der ?Unvollendeten?, der H-Moll Messe, jedenfalls heiliges Gebiet tiefster Not. Schade dass Piazzini Klaviertechnisch hier nicht auf dem Stand manch einer japanischen Studentin ist und sich einige kleinste Schnitzer in der Rechten gestattet. Das tut der Musik zwar keinen Abbruch, ist aber ärgerlich. Zum klanglichen Erfolg trägt auch das ausgeklügelte, hervorragende Surround-Sound-System des Labels TACET bei, dass bei den Impromptus die Mikrofone nach Hinten (sic!) ausrichtet. Der Klang wird dadurch fülliger, dramatischer, einfach nicht so hart und direkt, wie sonst gewohnt. Das ist eine enorme Revolution. Da muss man einfach hineinhören.

Auch das Ges-Dur Impromptu profitiert davon. Es erzählt seine Geschichte voller Leidenschaft und Glut und die gebürtige Argentinierin Piazzini ist wohl eine heißblütige Interpretin, was in der Deutschen Öffentlichkeit bisher nicht in voller Breite wahrgenommen wird. Ihr Anschlag ist durchaus mit Kalibern wie Marta Argerich und Bruno Leonardo Gelber vergleichbar, mit denen sie immerhin den Klavierlehrer teilte. Er hieß Vincenzo Scaramuzza und lehrte am Konservatorium ?Thibaud-Piazzini? in Buenos Aires. Carmen Piazzinis Großvater Edmondo Piazzini hatte es gegründet.
Dass Piazzini bei ihrem Spiel niemals in kitschige Sphären abgleitet oder gar absichtlich bedient, wie mancher Kollege, bezeugt sie durch ihr relativ rasches Tempo im vierten Imptomptu, das Schubert nur mit ?Allegretto? betitelt. Forsch durchfährt die Professorin einer Klavierklasse an der Musikhochschule Karlsruhe die Phrasen, die sie sagenhaft elegant verbindet.

Im ?Forellenquintett? A-Dur op. Posth. 114, D 667 lebt die Idee von der Forelle, die Schubert in einem Lied verarbeitete wieder auf. Zum seit über 20 Jahren existenten Álvarez-Klavierquartett gesellt sich nun Boguslaw Furtok und der Spaß beginn. Zum ersten Mal höre ich eine Einspielung, bei dem der Pianist/die Pianistin bei den einleitenden A-Dur Akkordarpeggien nicht das Ende herausknallt! Das ist schon eine Wonne. Hier möchte man am liebsten gleich live mit dabei sein. Ich werde jetzt erst einmal nachforschen, wo und wann dieses Álvares-Klavierquartett live zu hören ist und dorthin pilgern. Diesmal sprengt die gute Darbietung den rahmen dessen, was hier rezensiert werden kann. Es ist einfach hinreißend. Die Streicher Werner Grobholz (Violine I, Konzertmeister der Münchner Philharmoniker), Bodo Hersen (Solobratscher RSO Frankfurt) und Peter Wolf (Solocellist RSO Frankfurt) bieten viel Anlass zu Lob, spielen intonationsrein, präzise, geschmeidig und dazu noch inspirierend, nicht so eine Leierstunde. Dynamisch handelt es sich hier um Lehrstück. Besser kann man es nicht machen. Das Booklett ist dreisprachig (D/E/F).
Empfohlen von Klassik.com!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schubert, Franz: Die Forelle

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Tacet
1
16.01.2001
68:24
2000
2001
EAN:
BestellNr.:
4009850010630
TACET DVD 106

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Schubert, Franz


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Interpret(en):Álvarez Piano Quartett,


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Tacet

Das Wort TACET kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "er/sie/es schweigt". Es steht in den Noten, wenn ein Musiker für ein ganzes Stück nichts zu spielen hat. In einem solchen Fall steht in den Noten "TACET". Ein paradoxer Name für eine Plattenfirma?

Der Produzent des Labels, Andreas Spreer, liebt das Paradox. Im April 1989 gründete der Diplom-Tonmeister die Musikfirma TACET in Stuttgart/Germany. Seither produziert TACET Musik für höchste Ansprüche auf den verschiedensten Tonträgern (CD, LP, SACD, DVD-Audio, Blu-ray). Von Beginn an erhielten die Aufnahmen herausragende Rezensionen und höchste Auszeichnungen (u. a. mehrere Jahrespreise der deutschen Schallplattenkritik, Cannes Classical Award, Echo, Diapason d'or, Grammy-Nominierung und viele mehr; stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten), aber was noch wichtiger ist, sie erfreuen sich größter Beliebtheit beim Publikum. Dabei ist noch kein Ende abzusehen: Die Zahl der TACET-Fans wächst immer weiter. Woher kommt dieser langandauernde große Erfolg?

Vielleicht liegt es daran: TACET arbeitet konsequent an der Synthese von zwei Ebenen, die häufig als sehr unterschiedlich oder sogar gegensätzlich angesehen werden: dem musikalischen Gehalt und der aufnahmetechnischen Qualität.

Als Begriff, der sowohl die musikalischen als auch die aufnahmetechnischen Vorzüge der TACET-Aufnahmen umfasst, bietet sich das Wort "Klang" an. Klang entsteht in einem Instrument, der Musiker bringt ihn daraus hervor, doch ob gewollt oder nicht - die nachfolgenden Apparaturen und Personen beeinflussen den Klang auch. Wenn alle Beteiligten, Musiker, Instrumente, Raum, Aufnahmegeräte und "Tonbearbeiter" gut zusammenpassen bzw. zusammenarbeiten, wächst in der Mitte zwischen ihnen wie von selbst etwas Neues empor, das dem Wesen einer Kompositon sehr nahe kommt. Davon handelt unser Slogan "Der TACET-Klang - sinnlich und subtil".

"This is one of the best sounding records you'll ever hear" schrieb das US-Magazin "Fanfare" über die TACET-LP L207 "oreloB". György Ligeti äußerte über die Kunst der Fuge "... doch wenn ich nur ein Werk auf die "einsame Insel" mitnehmen darf, so wähle ich Koroliovs Bach, denn diese Platte würde ich, einsam verhungernd und verdurstend, doch bis zum letzten Atemzug immer wieder hören.". "Entscheidend aber ist die Gemeinsamkeit des Geistes. Die Auryn-Leute beseelt die gleiche Kunstgesinnung..." (Rheinische Post). Stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten oder noch besser hören Sie sich TACET-Aufnahmen an und überprüfen, was die Kritiker schreiben.

Bei uns darf Musik all das anrühren und ausdrücken, was das Leben ausmacht. Sie erlaubt dem Hörer Gefühle zu empfinden, ohne sentimental zu werden. Sie kann witzig sein und zum Lachen bringen. Sie kann auf ehrliche Weise "romantisch" sein, ohne den Hörer in einen Kaufhausmief von Wohlfühlklängen zu versenken. Sie darf in unendlichen Variationen geistreich sein. Sie darf zum Denken und zum Erkennen anregen, ohne musikalische Vorbildung zu erfordern. Sie darf effektvoll sein und um die Ohren fliegen, wenn es dem Wesen der Werke entspricht. Sie kann Revolutionen im Kopf auslösen, ohne ein einziges Wort. Sie kann widersprechen und korrigieren. Musik kann Verzweiflung wecken, aber auch trösten. Und und und. Die vollständige Liste wäre endlos.

Der TACET-Inhaber und -Gründer Andreas Spreer erhielt u. a. die Ehrenurkunde des Preises der deutschen Schallplattenkritik.


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