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Montag, 23. September 2019

Martin, Frank - Werke für Bariton und Orchester

Lustvoll aufdrehende Motorik


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Lustvoll aufdrehende Motorik macht die Orchestersprache des Schweizers Frank Martin zum Ohrenschmaus. Suggestiv vermittelt der niederländische Bariton Thomas Oliemans Martins Monologe aus 'Jedermann.

Musik made in Switzerland – das erinnert an Alphornruf, Kuhreigen oder den ‚Feuerwerk-Hit‘ (O, mein Papa). Damit ist aber das Phänomen ‚eigenständige Schweizer Nationalmusik‘ noch lange nicht gelöst. Und im Grunde genommen gibt es sie auch nicht – eine Musik, die sich etwa so eigenständig entwickelt hätte wie die Musik Frankreichs, Englands oder Russlands. Viele Komponisten aus der Schweiz lösten sich viel zu selten aus der regionalen Umklammerung, und sie büßten so einiges von der künstlerischen Produktivität ein. Aber es gibt auch rühmliche Ausnahmen. Verweisen kann man auf eine Reihe von Musikerpersönlichkeiten, die in der Schweiz wirken, die sich mitunter der kantonalen Enge entzogen, um sich im Ausland Anregungen zu holen und dabei vor allem alemannische und französische Ausdruckselemente zu verinnerlichen. Zu dieser Kategorie, die bis Conrad Beck, Klaus Huber und Heinz Holliger reicht, gehört auch der viel gespielte Frank Martin. Zusammen mit Arthur Honegger zählt er zu den Mitbegründern einer Neuen Musik in der Schweiz.

Als ein reizvolles Produkt schweizerisches Tonkunst zählt die geistreiche 'Symphonie Concertante', die Steven Sloane mit dem lustvoll aufspielenden Stavanger Symphony Orchestra und souverän zupackenden Bläsersolisten unter Hochspannung setzt. Das trefflich disponierte Orchester liefert einen first class service: Tonalität und Dodekaphonie, pulsierend aufdrehende Motorik, verschmelzen zur kompositorischen Einheit. In dieser brillant geschriebenen Musik steckt viel klangliche Dramatik und Kantabilität.

Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes, ‚Jedermann‘, das Hugo von Hofmannsthal 1903–1911 schrieb und das seit 1920 durch die Aufführungen auf dem Domplatz als szenisches Wahrzeichen der Salzburger Festspiele gilt, nahm Frank Martin als Vorlage für sechs Monologe, in der sich die psychologische und geistige Entwicklung der Hauptfigur offenbart. Suggestiv, bewundernswert eindringlich, biegsam in den vokalen Texturen, vermittelt der niederländische Bariton Thomas Oliemans die vom religiösen Gefühl getragenen Monologe vom 'Sterben des reichen Mannes', von der Todesfurcht, der Loslösung von den Gütern der Welt und des von Angst und Leiden gezeichneten Aufstiegs zur Welt des Geistes. Die Spannung, die sich aus den polyrhythmischen Tonfolgen und der Verknüpfung von dissonanten und konsonanten Akkorden ergibt, lässt die mehrkanalig produzierte Aufnahme klar strukturiert erscheinen.

Aus Liebe zum Meer komponierte Frank Martin seine Shakespeare-Oper 'Der Sturm', die Ernest Ansermet 1956 in der Wiener Staatsoper aus der Taufe hob. Die Wiedergabe der vom Komponisten selbst arrangierten Suite (uraufgeführt 196l durch Ansermet) lässt viel von der märchenhaften Farbigkeit der Inselwelt spüren. Sie charakterisiert überaus klangvoll die auf der Insel lebende Zentralgestalt, den Zauberer Prospero, den Thomas Oliemans mit weit ausschwingenden Legato- Kantilenen eindringlich gestaltet. Was Frank Martin in seinen melodisch-dodekaphonischen Kombinationen spannungsreich mitteilt, geht Steven Sloane prächtig von den Dirigierhänden. Die Klangkultur der norwegischen Orchesterleute (SSO) kann sich hören lassen. Das Booklet vermittelt einführende Texte und Monologe in drei Sprachen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Prof. Egon Bezold,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Martin, Frank: Werke für Bariton und Orchester

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
MDG
1
19.03.2010
Medium:
EAN:

SACD
760623161464


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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