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Montag, 26. Juli 2021

Mendelssohn Bartholdy, Felix - Sämtliche Violinsonaten

Polternde Langeweile


Label/Verlag: VDE-Gallo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Thomas Wicky-Stamm (Violine) und Carlo Levi Minzi (Klavier) präsentieren eine charakterlose und langweile Einspielung der drei Violinsonaten von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Manche Aufnahmen haben so wenig zu sagen, dass man sich fragt, warum sie überhaupt entstanden sind. So empfinde ich diese Einspielung der drei Sonaten für Violine und Klavier von Felix Mendelssohn Bartholdy beim Label Gallo: Thomas Wicky-Stamm (Violine) und Carlo Levi Minzi (Klavier) schlagen sich hier über eine Stunde lang durch das Gestrüpp der neuen Bärenreiter-Urtext-Ausgaben und vergessen darüber irgendwie das Musizieren. Denn auch wenn man den beiden Musikern ihr technisches Können wirklich nicht absprechen kann, frappiert das Ergebnis ihres Duospiels durch eine weitgehende Abwesenheit von naheliegenden musikalischen Gestaltungsprinzipien. Die drei Werke – die Jugendsonate F-Dur von 1820, die Sonate F-Dur von 1838/39 und die Sonate f-Moll op. 4 (1823) – wirken daher ausgesprochen bieder und charakterlos: Weder wird besonderer Wert auf das Herausarbeiten von dynamischen oder harmonischen Akzentierungen gelegt, noch gibt man sich besondere Mühe, den polyphonen Klangstrom zu strukturieren, wie er etwa im Finale der späten F-Dur-Sonate ereignislos am Hörer vorbei zieht.

Eine Ursache hierfür ist die unbefriedigende Abmischung der CD: Der historische Erard-Flügel von 1850 ist sehr voluminös, während die Violine eher dünn wirkt. Beide Partner sind nicht adäquat gegeneinander ausbalanciert und – wohl eine Folge des Aufnahmeraums – mit einem leicht verhallten Schleier umgeben. Die Violine bleibt daher oft auch dort klanglich im Hintergrund, wo sie eigentlich Vorrang haben sollte. Darüber hinaus weist das Klavier neben einer relativ starren Tongebung auch klangliche Unebenheiten sowie eine nicht immer ganz adäquate Stimmung auf und kommt unter den Händen von Minzi häufig eher polternd daher, was man doch als sehr sehr störend empfindet. Einen adäquaten Gesang kann der Pianist dem Instrument – und das ist insbesondere im Hinblick auf die langsamen Sätze höchst bedauerlich – dagegen kaum jemals entlocken. Daher wirkt die Begleitung der Kantilenen im langsamen Satz der f-Moll-Sonate leblos, was hier und an anderen Stellen damit einher geht, dass die Interpreten dynamisch das ihnen zur Verfügung stehende Ausdrucksspektrum nur zu einem Bruchteil ausschöpfen oder auch – so bei der Vorbereitung zur Wiederholung der Exposition im Finalsatz von op. 4 – Übergänge gelegentlich sehr nachlässig musizieren.

Solche Momente tragen dazu bei, dass die Musik dahinplätschert, ohne besondere Aufmerksamkeit zu erregen: Melodische Gestalten bleiben ohne profilierte Nachzeichnung und entbehren daher gerade dort einer plastischen Darstellung, wo es um das dramatische Potenzial der Musik geht. Dies geht so weit, dass man manchmal den Eindruck bekommt, Wicky-Stamm und Minzi sähen sich den Erfordernissen der Musik hilflos ausgeliefert. Besonders frappierend ist das etwa, wenn der Pianist im 'Adagio' der F-Dur-Sonate die Begleitakkorde bei den kurzen dramatischen Ausbrüchen der Violine recht unsensibel vor sich hin trommelt, während der Geiger die nahe liegende Chance zu einer deklamatorischen Auffassung seines Parts hier wie auch – was ganz besonders bedauerlich ist – zu Beginn und am Schluss von op. 4 nicht aufgreift. Auf diese Weise gehen den Werken doch eine ganze Reihe von musikalischen Besonderheiten verloren, was schlichtweg nicht im Sinne Mendelssohns sein kann.

Symptomatisch für die interpretatorische Haltung ist aber auch die frühe F-Dur-Sonate, die kaum artikulatorische Abwechslung oder gedankliche Einschnitte bei polyphonene Passagen erfährt. Vieles wirkt übermäßig vorsichtig, gleichsam auf Zehenspitzen musiziert – vielleicht auch vor dem Hintergrund, eine gewisse Verwurzelung der Musik in klassischen (Mozart’schen) Vorbildern darstellen zu wollen. Das führt allerdings zu einem dynamisch recht einheitlichen Ergebnis ohne Höhen und Tiefen, was besonders für den spannungslos dargebotenen Variationssatz bezeichnend ist. Auch wenn in der Jugendsonate das pianistische Poltern fehlt, das man in den übrigen Werken vernehmen kann, lassen sich der Aufnahme kaum positive Aspekte abgewinnen. Wer sich mit Mendelssohns Kammermusik für Violine und Klavier befassen und die Lust am Hören nicht verlieren möchte, sollte daher eher zu der außerordentlich gelungenen, im vergangenen Jahr erschienenen Einspielung von Antje Weithaas und Silke Avenhaus greifen, die zusätzlich das Sonatenfragment d-Moll von 1825 enthält.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mendelssohn Bartholdy, Felix: Sämtliche Violinsonaten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
VDE-Gallo
1
10.03.2010
Medium:
EAN:

CD
7619918129623


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VDE-Gallo

VDE-GALLO Records is a small Swiss company located in Lausanne which is specialized in the recording, the production and the distribution of compact discs. VDE-GALLO Records offers one of the best WORLD MUSIC Collections.
Several CDs and the ethnographic collection also received many awards like LASER D'OR or CHOC MUSIQUE and the International Prize Charles Cros of Paris.
With more than 42 years activity, VDE-GALLO Records owns more than 1300 interesting productions and a beautiful CLASSICAL Catalogue with many first recordings.


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