> > > Glanert, Detlev: Caligula
Mittwoch, 23. Oktober 2019

Glanert, Detlev - Caligula

Kaisers Wahnsinn


Label/Verlag: OehmsClassics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Detlev Glanerts Oper 'Caligula': Der Mitschnitt der Uraufführung überzeugt.

Nero in Monteverdis 'Poppea‘, Mozarts Titus, Diocletian in einer der vielen Barockopern Venedigs, und ein weiterer römischer Kaiser kam 2006 hinzu: Caligula, die Titelfigur der zweistündigen Oper von Detlev Glanert (Komponist auch der Oper 'Solaris', 2012). Die Uraufführung an der Frankfurter Oper ist als Mitschnitt bei Oehms Classics bestens aufgehoben, Klang und Booklet sind wie üblich exzellent. 'Caligula' basiert auf dem Theaterstück von Albert Camus, das 1945 uraufgeführt wurde; Hans-Ulrich Treichel bearbeitete es zum Libretto. Die Anklage von Tyrannei und Terror ist immer aktuell. Die Kritik war sich in ihrem Lob der Oper weitgehend einig.

Der Bariton Ashley Holland liefert ein beeindruckendes Porträt des Mannes, der sein Lieblingspferd zum Konsul ernennen wollte. Die scharfen Bonmots und weiten Kantilenen singt er mit geschmeidiger Kraft, den Wahnsinn deutet er eindringlich aus. Glanert hat die Oper aus der Sicht desjenigen komponiert, der über den Tod der geliebten Schwester nicht hinwegkommt und sein Ich absolut setzt: ‚Das Orchester selbst ist Caligula.‘ Die Besetzung besteht aus Extremen, es gibt keine Mitten. Ein einziger Akkord aus 25 Tönen steht für den Kaiser – ein Schreckensakkord. Wenn Caligula plötzlich erscheint, und das passiert oft in den vier Akten, dann geht ein unheimlicher Klang von ihm aus, eine Welle der Angst erfasst die anderen. Markus Stenz und das Frankfurter Opern- und Museumsorchester machen das spürbar: Hier sprühen die Funken, aparte Mischklänge gleißen, ein Herz pocht dunkel. Die Zirkusmusik am Anfang des dritten Akts forciert das Orchester mit rhythmischer Prägnanz, ganz Effekt. Soli sind selten, überzeugen immer.

Der Henze-Schüler Glanert vertont nicht nur melosfreundlich, sondern auch sprachdienlich; man versteht jedes Wort, was natürlich auch an der Diktion des vorzüglichen Ensembles liegt. Der Countertenor Martin Wölfel verleiht Caligulas Helfer Helicon das rechte Maß an Irrsinn, Michaela Schuster gibt die Kaisergattin superb, die weiteren Rollen überzeugen allesamt. Der Opernchor, einstudiert von Alessandro Zuppardo, tönt mächtig, bekommt aber auch ein feines Leuchten hin.

Der Monolog im zweiten Akt zeigt einen seelisch Versehrten auf der Flucht vor sich selbst. Die Musik zum Mahl ist eine der Angst. Und doch: Alles in allem scheint der Komponist Distanz zu wahren, er geht nicht ins Extrem. In diesem Punkt erreicht seine Vertonung nicht die abgründige, verstörende Psychologie etwa eines Aribert Reimann, unterschütterlich ist ihr Schwung. Das ist der Haken an 'Caligula': Hier gibt es kein Geheimnis, alles liegt offen. Mit einem Schrei beginnt die Oper, so endet sie auch – doch der Schrei am Ende verbreitet keinen Schrecken mehr.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Glanert, Detlev: Caligula

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
OehmsClassics
2
01.01.2012
Medium:
EAN:

CD
4260034869325


Cover vergössern

OehmsClassics

Ein erfülltes Leben ist ohne Musik kaum denkbar. Musik spiegelt unsere Wahrnehmung der Umwelt und die Realität heutiger wie vergangener Zeiten. Gute Musik ist immer neu, immer frisch, immer wieder entdeckenswert. Deshalb bin ich überzeugt: Es gibt nicht -die- eine, definitive, beste Interpretation der großen Werke der Musikgeschichte. Und genau das macht klassische Musik so spannend: Jede Musikergenerationen experimentiert, entdeckt neue Blickwinkel, setzt unterschiedliche Schwerpunkte - derselbe Notentext wird immer wieder von anderen Strömungen belebt.

Deshalb ist ein Musikstück, egal aus welchem Jahrhundert, auch immer Neue Musik. OehmsClassics hat es sich zur Aufgabe gemacht, am Entdecken der neuen Seiten der klassischen Musik mitzuwirken.

Unser Respekt vor den künstlerischen Leistungen der legendären Interpreten ist gewiss. Unser Ziel als junges CD-Label sehen wir jedoch darin, den interpretatorischen Stil der Gegenwart zu dokumentieren. Junge Künstler am Anfang einer internationalen Karriere und etablierte Künstler, die neue Blickwinkel in die Interpretationsgeschichte einbringen - sie unterstützen wir ganz besonders und geben ihnen ein Forum, um auf dem Tonträgermarkt präsent zu sein.

Sie, liebe Musikhörer, bekommen damit die Gelegenheit, heute die Musikaufführung zu Hause nachzuvollziehen, die Sie gestern erst im Konzertsaal oder Opernhaus gehört haben. Wir laden Sie ein, gemeinsam mit uns die neuen Seiten der klassischen Musik zu erleben!


Ihr
Dieter Oehms


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag OehmsClassics:

  • Zur Kritik... Pop als Oper: 'Vespertine - A Pop Album as an Opera' überrascht durch eine poetische Synthese von Pop und Oper. Weiter...
    (Michaela Schabel, )
  • Zur Kritik... Zauberhaft authentisch: Dieser Gießener 'Oberon' ist ein Projekt, das sich ungeniert neben die wenigen großen Vorgänger auf dem Plattenmarkt stellen kann und dabei so manche ältere Einspielung an Authentizität und Konsequenz übertrifft. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Klingende Jahreszeiten: Dmitri Kitajenko gibt mit der Zagreber Philharmonie eine Lehrstunde in musikalischer Poesie. Weiter...
    (Karin Coper, )
blättern

Alle Kritiken von OehmsClassics...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Dennis Roth:

  • Zur Kritik... Zu verbindlich: Die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der Leitung von Christoph-Mathias Mueller und die chinesische Geigerin Tianwa Yang widmen sich Wolfgang Rihms Werken für Violine und Orchester. Weiter...
    (Dr. Dennis Roth, )
  • Zur Kritik... Monumentaler Mahler: Mariss Jansons und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks präsentieren Mahlers Zweite Sinfonie auf höchstem Niveau. Weiter...
    (Dr. Dennis Roth, )
  • Zur Kritik... Ausdruckstiefes Meisterwerk: Wolfgang Rihms 2017 uraufgeführte 'Requiem-Strophen' in einer geradezu mustergültigen Interpretation unter der Leitung von Mariss Jansons. Weiter...
    (Dr. Dennis Roth, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Dennis Roth...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Brennend: Für Vivaldi und Händel geben Réka Kristóf und die Accademia di Monaco alles. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Gezupfte Größe: Es ist ein höchst lebendiges Porträt der zauberhaften Musik Kapsbergers: Jonas Nordberg ist auf der Theorbe ein bemerkenswert klangorientierter Interpret. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Gespenstische Stimmen: Das aktuelle Album 'Dichterliebe' von Julian Prégardien ist ambitioniert und eigenwillig. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2019) herunterladen (3600 KByte) Class aktuell (3/2019) herunterladen (8670 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Liv Migdal im Portrait "Man spielt mit den Ohren!"
Liv Migdal im Gespräch mit klassik.com.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich