> > > Parra, Hector: Hypermusic Prologue. A projective opera in seven planes
Samstag, 6. März 2021

Parra, Hector - Hypermusic Prologue. A projective opera in seven planes

Von Brane zu Brane


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Hèctor Parra und Lisa Randall vereinen Wissenschaft und Kunst.

Das Ptolemäische System, nach dem die Sonne und alle anderen Himmelskörper um die Erde kreisen, passt nicht exakt zu den tatsächlichen Bewegungen. Um die Theorie mit den Beobachtungen in Übereinstimmung zu bringen, fügte man früher Epizyklen, zusätzliche Kleinkreise in die Theorie ein. Obwohl man bald eine hohe zweistellige Zahl an Epizyklen ergänzt hatte, stellte sich das heliozentrische Weltbild, nach dem die Planeten in elliptischen Bahnen um die Sonne kreisen, als das passendere heraus. Heutzutage sucht man in der Physik nach einer einheitlichen Feldtheorie, welche die elektromagnetische, die schwache, die starke und die Wechselwirkung der Gravitation miteinander vereint. Viele Physiker versuchen das Problem zu lösen, indem sie in ihre mathematischen Modelle Extradimensionen einfügen. Die zusätzlichen Dimensionen, bisweilen eine zweistellige Zahl, bemerken wir als gerollte Winzigkeiten meist nicht.

Modell RS 1

Die in Harvard lehrende Physikerin Lisa Randall kommt in ihren gemeinsam mit Raman Sundrum entwickelten Modellen mit fünf Dimensionen aus. Nach Modell RS 1 existieren zwei je dreidimensionale Branen, die Schwachbrane, auf der wir uns befinden, und die Gravitationsbrane, auf der sich fast alle Gravitationskräfte konzentrieren. Die fünfte Dimension verbindet, stark verzerrt, die beiden Branen.

Das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Kunst, zwischen rationalem Denken und Gefühl, zwischen objektiver und individueller Erkenntnis ist ein überaus spannendes, unlösbares Problem. Der spanische Komponist Hèctor Parra hat gemeinsam mit Lisa Randall eine Oper geschrieben, Randall erstellte die physikalische Theorie und das Libretto, Parra die Musik. Um es vorwegzunehmen: Wer mittels der Oper neue Erkenntnisse erwartet, wird enttäuscht werden. Die Begegnung zwischen Wissenschaft und Kunst und die Verarbeitung dieser Begegnung erfolgte geradezu naiv. Die Oper, mit vollem Titel 'Hypermusic Prologue – A projective opera in seven planes' hat zwei Protagonisten, einen Bariton und eine Sopranistin. Der Bariton verbleibt auf unserer Brane, während die Sopranistin musikalisch eine Reise zur Gravitationsbrane unternimmt. Einen dramatischen Konflikt gibt es nur angedeutet in dem nicht sehr ausgeprägten Wunsch der Sopranistin, beim Bariton zu bleiben. Das ist alles. Sonstige Konflikte gibt es nicht. Es ist auch nirgends eine existentielle Betroffenheit zu spüren, weder im Libretto, noch in der Musik. Einen nicht unerheblichen Teil des Librettos nimmt die Ausbreitung der physikalischen Theorie ein.

Braneperspektive

Hèctor Parra hat physikalische Parameter auf einfache Art und Weise in die Musik übertragen. ,Größe’ wird nach Parra zur ,Dauer einer musikalischen Phase’, ,Zeit’ wird zu ,rhythmischer Dichte’ und ,Masse’ zur ,Amplitude und spektralen Gehalt der Stimmen’ usw. Die wesentliche Grundidee der Oper besteht darin, die fünfte Dimension vor allem mittels des Einsatzes verzerrender und filternder Live-Elektronik zu verdeutlichen. Parra lehrt elektroakustische Komposition an der Universität von Saragossa. Bariton und Sopran hören sich, sobald sie sich nicht mehr auf derselben Brane befinden, gegenseitig nur verzerrt. Die Zuhörer nehmen wechselweise die Perspektive des Baritons oder des Soprans ein. Der Stoff reduziert sich auf ein Kommunikationsproblem. Die Musik ist wenig abwechslungsreich, der Gestus gleichbleibend. Ein unverkennbarer eigener Ton Parras ist kaum zu erkennen. Die Töne scheinen für den Zuhörer oft beliebig, es gibt keine äußere Notwendigkeit, dass ein bestimmter Ton an einer bestimmten Stelle erklingt. Das Zuhören ist so wenig spannungsvoll und schnell ermüdend. Hier wurde ein großes Thema angepackt, leider wurde viel zu wenig daraus gemacht. Das Verhältnis zwischen Sängern (Charlotte Ellett, Sopran, James Bobby, Bariton), Ensemble intercontemporain und der Live-Elektronik ist nicht ausgewogen, allzu oft werden die Sänger von Ensemble und Elektroniküberdeckt überdeckt, und wenn nicht, dann überdecken sie sich gegenseitig.

Einziger Glanzpunkt der Produktion ist die aufwendige Verpackung. Eine Schachtel enthält zwei CDs, eine mit der Oper, eine mit einem englischsprachigen Interview mit den beiden Autoren. In den beiden Booklets finden sich das Libretto, Teile des Interviews, umfangreiche Erläuterungen zu physikalischer Theorie und Musik. Die Erläuterungen auf Englisch sind etwas umfangreicher als die deutschen. An der Übersetzung hätte etwas mehr gefeilt werden können. ,Nukleare Streitkräfte’ spielen wohl auch im Original keine Rolle in der Theorie der Quantenchromodynamik.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Patrick Beck Kritik von Patrick Beck,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Parra, Hector: Hypermusic Prologue. A projective opera in seven planes

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Kairos
2
21.05.2010
120:24
2009
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
9120010281617
KAI 0013042


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Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


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