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Montag, 21. Oktober 2019

Previn, André - A Streetcar named Desire

Endstation Bühne: Wenn die Szene die Musik rettet


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mehr als fünfzehn Jahre musste Lotfi Mansouri, der Direktor der San Francisco Oper, warten, bis sein Traum in Erfüllung ging: Er bekam endlich eine Opernfassung des Dramas ?A Streetcar named Desire? nach der Vorlage von Tennessee Williams. Nachdem Leonard Bernstein und Stephen Sondheim den Kompositionsauftrag abgelehnt hatten, sagte der amerikanische Komponist und Dirigent deutscher Herkunft André Previn zu. Die Uraufführung 1998 war ein voller Erfolg, die vier Hauptdarsteller und Previn als Komponist wie als Dirigent wurden besonders für ihre intensive Darstellung des einfachen Milieus gelobt. Aus dieser ersten Aufführungsserie stammt der Mitschnitt, der nun auf DVD bei Arthaus bzw. der Deutschen Grammophon erhältlich ist.

Previns Verdienste liegen hauptsächlich in der unaufgeregten Interpretation der für heutige Maßstäbe etwas anachronistischen Thematik, die er ins allgemein Menschliche wendet. Soll heißen: Aus dem Zwei-Klassen-Denken, das im Drama vorherrscht und zu großen Konflikten zwischen Blanche DuBois und ihrer Schwester Stella führt, macht Previn musikalisch einen Konflikt zwischen Schein und Sein, aus dem Blanche sich letztlich nur noch in den Wahnsinn retten kann.
Die Handlung an sich ist schon voller Spannungen: Stella DuBois, aus gutem Haus, hat den einfachen Soldaten Stanley Kowalski geheiratet und lebt seitdem glücklich mit ihm in bescheidenen Verhältnissen. Ihre Schwester Blanche hat derweil die alternden Eltern versorgt und vor kurzem zu Grabe getragen. Nun taucht sie, inzwischen völlig mittellos, bei Stella und Stanley auf, um dort zu wohnen und sich zu erholen. Allein die beengten Verhältnisse, sehr realistisch beschrieben, sorgen schon für ständigen Druck. Zudem versucht Blanche, ihrer Schwester den Mann auszureden, der zu brutal, grob und primitiv für sie sei. Stella hängt an Stanley mehr als an Blanche, und als Stanley mit Hilfe seiner Freunde herausfindet, dass Blanche ihren Beruf als Lehrerin verloren hat, weil sie ihr anvertraute Schüler verführte und sich auch sonst gerne mit Männern umgab, muss sich Stella entscheiden. Ihr angeborenes sonniges Gemüt hilft ihr, Blanches Vergangenheit zu vergessen und weiterhin für sie zu sorgen. Sie unterstützt auch ihre Bemühungen, Mitch, einen von Stanleys Pokerfreunden, für Blanche zu gewinnen.

Im Laufe der Monate nehmen die häuslichen Spannungen zu, Stanley wird eifersüchtig auf Blanche, Stella versucht, beiden Parteien gerecht zu werden, und Blanche lebt immer mehr in ihrer Traumwelt von Reichtum und vornehmem Adel. In der Nacht, als Stella zur Geburt ihres Kindes ins Krankenhaus muss, kann sich Stanley in seinem Hass und Zwang zur Demütigung nicht mehr zurückhalten und vergewaltigt Blanche. Danach driftet Blanche vollkommen in ihre glücklicher erfundene Welt ab. Ihren Erzählungen schenkt niemand mehr Glauben. Auch um die eigene Existenz nicht zu gefährden, lässt Stanley sie in eine Nervenheilanstalt einweisen. Stella bleibt zwar bei Stanley, aber ihr Vertrauen ist gebrochen.
Die Handlung gibt die Szene fast wörtlich vor: Sie spielt ausschließlich in der Zwei-Zimmerwohnung des jungen Paares, in der Inszenierung von Colin Graham sehen wir diese winzige Wohnung in der Seitensicht, düster, mit Fenstern zum Hof, abgegriffen und nur mit Mühe sauber zu halten. Die oberen Nachbarn gehören fast zur Familie, da sie sowieso fast jedes Wort mithören können. Dennoch ist das Einheitsbühnenbild nicht eintönig, man spielt mit Lichteffekten, lässt sich die Darsteller viel bewegen, ohne sie ausbrechen zu lassen, gelegentlich wird die (zimmerinterne) Drehbühne in Gang gesetzt. Die Personenregie passt sich hier nahtlos ein. Die Enge überträgt sich auf die Figuren. Sie würden ja gerne aus der Wohnung fliehen, aber wohin? Ohne Geld, ohne Zukunft und ohne Hoffnung. Ständig läuft Blanche von einem Zimmer ins andere, anfangs nimmt sie den Kampf mit Stanley auf, gibt ihm den engen Weg nicht frei, blockiert das Badezimmer, um Entspannungsbäder zu nehmen. Stella findet immer einen freien Weg um den Tisch, um Blanche, um Stanley herum. Sie steht weiterhin zu ihrer Entscheidung zum einfachen Leben. Stanley hingegen legt nach und nach seine erworbene Höflichkeit und Zivilisation ab und lässt sich von Blanche zu brutalem und gewalttätigem Handeln provozieren.

Previns Musik lebt vor allem in ihren Schilderungen der Atmosphäre. Gleich zu Beginn erfahren wir vom Orchester, dass der säuselnde und vornehme Klang von Blanches Stimme nur aufgesetzt und unecht ist. Anfangs finden wir auch Stella und Stanley in freundlicher Stimmung. Aber dass sich die Situation alsbald verdüstert, liest man nur im Text. Die Musikbegleitung bleibt im selben flirrenden und träumerischen Habitus. Die neoromantische Tonsprache ergeht sich in Schilderungen, zeigt uns aber keine Entwicklung. So erlahmt zumindest mein Interesse nach anfänglicher Neugier recht schnell. Dennoch kann man sich an Previns hervorragender Instrumentation und ausgezeichneter Stimmenbehandlung erfreuen. Auch einzelne Arien, z. B. ?I?m not a boy, she says? (Mitch) und ?He was a boy when I was a very young girl? (Blanche) sind elegische Inseln in der allgemein schwammigen Musikbegleitung.

Unter kompositionstechnischem Aspekt besehen finden wir Collagen aus Jazz-Elementen und spätromantischen Stimmungsbildern, ausgefeilten Bravourarien und Rezitativen wagnerscher Prägung. Das alles natürlich übertragen auf die Tonsprache Previns, der die hohen Vokalstimmen zurückhaltend und dafür umso stimmiger in die Orchesterklangfarben einbindet oder daraus hervortreten lässt. Ein großer Mangel von Previns Operndebut besteht darin, dass er keine eigentlichen Melodien erfunden hat. Schöne Momente der Selbstvergessenheit kann Previn meisterhaft hervorbringen, aber eine abwechslungsreiche, individuelle, phrasierte Melodie in Gesang oder Orchester würde dem Stück enorm helfen. Denn, ich muss es abschließend feststellen, für ein bloßes Stimmungsbild ist diese Oper mit 167 Minuten Dauer zu lang.
Mit den stimmlichen Anforderungen, dem fast pausenlosen Sprechgesang in hoher Lage kommt am besten Elizabeth Futral zurecht. Ihre Stimme hat genügend dunkle Farben, um in dieser hellen, manchmal überhellen Musik nicht zu schrill zu wirken. Renée Fleming hat da doch größere Mühe und forciert das ein oder andere Mal zu stark. Dennoch ist ihre Interpretation gesanglich wie darstellerisch sehr befriedigend, macht sie dem Zuhörer Blanches Charakter und Leiden deutlich, wie sie zwischen Hoffnung und Enttäuschung schwankt, wie sie sich ans Leben klammert und sich am Ende resigniert in ihre Traumwelt verabschiedet. Sie moduliert die Klangfarben, lässt ihre Stimme in höchste Höhen entschwinden, setzt ihren kraftvollen Duktus ein, wenn es um die Verführung ihres Verehrers geht. Ihre Partie krankt etwas daran, dass sie recht indifferent in einer Lage bleibt und schrille Töne geradezu provoziert. Es gibt auch kaum durchkomponierte Ensembles, hier ein Duett Blanche-Stella, dort eine intime Szene Mitch-Blanche, so dass der Reiz der sich mischenden Vokalstimmen eher gering bleibt. Rodney Gilfry als Stanley Kowalski und Anthony Dean Griffey sind vor allem darstellerisch ein Gewinn für diese Produktion. Die Partie des Mitch füllt Anthony Dean Griffey mit weichem seidigem Bariton aus, seine Wut und Enttäuschung über die verlorene Liebe zu Blanche wirken ebenso glaubhaft wie seine zarte Hoffnung auf eine traute Zweisamkeit mit der nicht mehr ganz jungen Blanche. Rodney Gilfry verleiht der Partie des Stanley die nötige Bodenständigkeit. Ihm gefällt es, Blanche mit seinem proletarischen Benehmen vor den Kopf zu stoßen. Mit dunkler, harter Stimme spricht er zu seiner Schwägerin, mit weicher, liebevoller hingegen zu seiner Frau. Zu ihr fühlt er sich hingezogen, mit ihr geht er sanft und fürsorglich um. An seiner Interpretation bleibt nichts zu wünschen übrig. Sie hat Tiefe, gibt die Entwicklung der Figur wieder, zeigt die Schattierungen seines Charakters.

Ebenso ist die Interpretation des San Francisco Opera Orchestras ausgezeichnet. Das Orchester verfügt offensichtlich über hervorragende Solisten, besonders bei den Holzbläsern, wie an den zahlreichen Solostellen zu hören. Intonation, Klangfarben und Rhythmik sind perfekt aufeinander abgestimmt, dynamisch fein abgestuft und sorgfältig phrasiert. Mit einem solchen mitdenkenden Orchester wird die gewünschte Einheit von Bühne und Graben wie selbstverständlich hergestellt.

abgehört mit Toshiba SD-220E (DVD-Spieler) und Denon DRA-365 RD (Receiver)

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 



Kritik von Barbara Schönfeld,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Previn, André: A Streetcar named Desire

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
Arthaus Musik
1
26.03.2001
167:00
1998
2001
Medium:
EAN:
BestellNr.:
DVD
4006680101385
100 138

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Previn, André


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Orchester/Ensemble:San Francisco Opera Orchestra


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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