> > > Sibelius, Jean: Sinfonien Nr. 1 & 3
Freitag, 7. August 2020

Sibelius, Jean - Sinfonien Nr. 1 & 3

Geringfügige Änderungen sind hier schon viel


Label/Verlag: Octavia
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dieser erste Teil aus Vladimir Ashkenazys zweitem Sibelius-Zyklus mit der Ersten und Dritten Sinfonie überrascht gegenüber den anderen drei durch hörbar raschere Tempi (Sinfonie Nr. 3) und die unbekannte Zugabe 'Rakastava'.

Bereits in den 1980er Jahren hat Vladimir Ashkenazy mit dem Philharmonia Orchestra einen Sibelius-Zyklus erarbeitet. Dieser ist nicht nur nach wie vor erhältlich, sondern mutet auch heute noch erstaunlich frisch und unangestaubt an, was Interpretation und Klangqualität angeht. Ashkenazy macht sich nun selbst Konkurrenz, denn mit dem Stockholmer Royal Philharmonic Orchestra hat er sich etwa zwanzig Jahre später ein weiteres Mal den sieben Sinfonien des wohl bedeutendsten finnischen, hierzulande durch Adornos unermüdliche Polemik jedoch nach wie vor nicht gerecht gewürdigten und beurteilten Komponisten gestellt. Erschienen ist der neue Zyklus, der neben den Sinfonien einige gängige (und auch weniger gängige) Orchesterstücke enthält, beim japanischen Label Exton; die hier zur Besprechung gelangende Platte erschien 2007 und stellte die Eröffnung des schon seit einiger Zeit abgeschlossenen Projekts dar. Es erklingen die Erste Sinfonie e-Moll op. 39 und die Dritte Sinfonie C-Dur op. 52. Dem Bereich ‚unbekanntere Orchesterwerke’ ist die Orchestersuite 'Rakastava' op. 14 zuzuordnen. Wie die anderen Produktionen auch wirkt das Äußere mit einer sympathischen Covergestaltung auf Glanzpapier hochwertig; dem originär ursprünglich ausschließlich japanischen Booklet ist jedoch nur ein separates Blättchen mit einer englischen Übersetzung beigegeben.

Zwiespältiges Urteil

Unterm Strich fällt das Urteil über die vorliegende Produktion – wie auch bei den anderen Teilen des Zyklus – zwiespältig aus. Da ist zum einen die Leistung des Dirigenten. Dieser findet auch nach der langen Zeitspanne zu einer erstaunlich ähnlichen Lösung wie damals; das heißt natürlich erst einmal, dass die Neueinspielung nicht schlecht sein kann, wenn der frühere Zyklus anerkannt gut war. Scheut der Dirigent das Risiko, will er den Erfolg auf diese Weise garantieren? Grundsätzlich ist eine solche interpretatorische Kontinuität ja gutzuheißen, denn wohl nichts wäre schlimmer, als nur um des Prinzips willen jetzt alles einmal anders zu machen. Wer aber schon die früheren Aufnahmen in seinem Besitz weiß, wird aus interpretatorischer Sicht vergleichsweise wenig Kaufanreiz verspüren.

Dabei findet man im vorliegenden Fall sicher noch die ‚interessanteste’ Platte der vier, denn erstens ist mit 'Rakastava' ein damals nicht enthaltenes und zudem generell zu Unrecht unbekannt gebliebenes Werk mit von der Partie, und zweitens findet der Dirigent in der Dritten Sinfonie, die ebenfalls viel zu selten einmal gespielt wird, durch spürbar raschere Tempi in den ersten beiden Sätzen zu einem doch hörbar anderen Ansatz. Zum Vergleich: In den 1980ern brauchte Ashkenazy für die beiden Sätze ziemlich genau 11 und 9 1/2 Minuten; heute sind es nur noch 10 und 8 1/4 Minuten. Während dem Kopfsatz der muntere Zugriff gut steht, ist mir der zweite Satz in der früheren Version allerdings lieber; das mag aber Geschmackssache oder eine Frage der Gewöhnung sein. Immerhin: Der Komponist schreibt ‚quasi allegretto’ – also sollte der Satz wohl tatsächlich nicht verschleppt werden.

Die Erste ist da konsistenter bis hin zum Extrem, dass das Scherzo in beiden Fällen auf die Sekunde genau dieselbe Länge hat. In manchen Detailfragen wirkt die jüngere Fassung aber weniger ausgewogen; besser ist sie eigentlich in kaum einem Moment. Das schwedische Orchester ist mit hervorragenden Musikern bestückt und präsentiert sich als homogener und eingespielter Klangkörper auf technisch höchstem Niveau. Aber auch hier liegt die Messlatte mit dem Philharmonia Orchestra nicht gerade niedrig.

Fortschritt bei der Klangtechnik?

Dass die Technik seit 1980 nicht stehen geblieben ist, zeigt das Medium, auf dem der neue Zyklus erscheint: SACD. Die Vorstellung, eine in interpretatorischen wie spieltechnischen Fragen dem früheren Zyklus qualitativ gleichrangige Aufnahme nun in allerbestem Klang ins heimische Wohnzimmer zu holen, könnte einer der wichtigsten Kaufanreize sein. Leider wirft das Ergebnis des als audiophil geltenden japanischen Labels auch in dieser Hinsicht Fragen auf. Warum zum Beispiel klingen diese 2006 live und im Studio entstandenen Aufnahmen auf einem normalen CD-Spieler mit Kopfhörer rundweg gut, nicht aber auf der Mehrkanalanlage? Die hinteren Lautsprecher bieten hier lediglich einen dumpf und metallisch anmutenden Nachhall, der insbesondere in den lauten Passagen der Ersten negativ auffällt. Grundsätzlich ist der Klang ja nicht schlecht, aber das Aha-Erlebnis bleibt aus; die hervorragende Transparenz sucht ihresgleichen, was den bisweilen filigranen und aufgefächerten Stimmgeflechten der Dritten deutlich mehr zugute kommt als der eher auf Pathos setzenden Ersten. Ein anderer Aspekt ist die Balance: auf jeden Fall in der Dritten Sinfonie sind die Holzbläser oft zu leise. Es gibt jedoch zugegebenermaßen Passagen, in denen die Dynamikvorschriften und -abstufungen des Komponisten genau dieses Klangbild erzeugen müssen – das kann man also weder dem Dirigenten noch dem Tonmeister anlasten; ersterer hat vielleicht ganz bewusst den Notentext umgesetzt, letzterer einfach ein authentisches Klangerlebnis reproduziert. Wie die anderen drei Platten auch bleibt diese Produktion fraglich in ihrem Repertoirewert. Durch den durchaus als neu zu bewertenden Zugriff auf die Dritte sowie die unbekannte Zugabe hat diese Folge aber sicher noch den größten Reiz.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Sibelius, Jean: Sinfonien Nr. 1 & 3

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Octavia
1
28.03.2008
Medium:
EAN:

SACD
5425008376226


Cover vergössern

Octavia

EXTON & TRITON sind zwei audiophile Reihen von Octavia Records aus Japan, die sich vornehmlich auf europäische Sinfonik, Klaviermusik und Kammermusik spezialisiert haben.

Die Zusammenarbeit mit so bedeutenden Orchestern wie Sydney Symphony, Royal Stockholm Philharmonic Orchestra, Pittsburgh Symphony Orchestra, Netherlands Radio Philharmonic Orchestra und so berühmten Dirigenten und Künstlern wie Vladimir Ashkenazy, Manfred Honeck, Sakari Oramo, Pascal Rogé, Jaap van Zweden u.v.a. zeugen von derem hohen Anspruch.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Von Christian Vitalis zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

  • Zur Kritik... Der zweite Zyklus geht in die zweite Runde: Die zweite Auseinandersetzung Vladimir Ashkenazys mit den Sibelius-Sinfonien geht in die zweite Runde. Geringfügig geschliffene Interpretationen, aber mieser Raumklang (bei hingegen brillanter Stereo-Qualität). Weiter...
    (Christian Vitalis, 11.06.2008)
  • Zur Kritik... Ashkenazys zweiter Sibelius-Zyklus: Die zweite Auseinandersetzung Vladimir Ashkenazys mit den Sibelius-Sinfonien findet hier ihren Abschluss. Interpretatorisch ähnlich wie der frühere Zyklus, klangtechnisch nicht brillant genug. Weiter...
    (Christian Vitalis, 11.09.2008)

Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Octavia:

  • Zur Kritik... Verbindung zweier Welten: Manfred Honecks Einspielung von Mahlers Fünfter Sinfonie ist ein nicht so herausragender Wurf wie die Erste, kann aber durch die stringente Umsetzung des interpretatorischen Konzepts für sich einnehmen. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
  • Zur Kritik... Bestechende Virtuosität: Der junge ukrainische Pianist Alexander Gavrylyuk widmet sich Prokojews Klavierkonzerten Nr. 3 und 5. Auch wenn hier und da noch einiges im Ausdruck differenziert werden kann: Gavrylyuks pianistische Brillanz ist bestechend. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
  • Zur Kritik... Brillante Umsetzung: Der junge ukrainische Pianist Alexander Gavrylyuk widmet sich Prokofjews Klavierkonzerten Nr. 1, 2 und 4. Das Ergebnis ist von bezwingender Brillanz. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
blättern

Alle Kritiken von Octavia...

Weitere CD-Besprechungen von Christian Vitalis:

  • Zur Kritik... Bretonische Legende auf der Opernbühne: Ordentliche Aufnahme aus Liège der heute recht unbekannten Oper 'Le Roi d'Ys' von Édouard Lalo. Zwar nicht Referenzklasse-Niveau, angesichts der geringen Auswahl aber dennoch empfehlenswert, sofern man sich für die Oper interessiert. Weiter...
    (Christian Vitalis, )
  • Zur Kritik... Homogener als erwartet: Eine Gegenüberstellung von Orgelwerken finnischer Komponisten und solchen von J. S. Bach und Buxtehude bietet Kari Vuola mit dieser Platte. Faktisch fallen die im Titel versprochenen Kontraste geringer aus als erwartet. Weiter...
    (Christian Vitalis, )
  • Zur Kritik... Stille und Einkehr: Es sind hier drei Konzertstücke zu hören, deren Entdeckung eine lohnende Bereicherung ist. Der Japaner Toshio Hosokawa versteht sich auf Musik an der Grenze zur Stille. Gelungene Interpretationen aus Luxemburg. Weiter...
    (Christian Vitalis, )
blättern

Alle Kritiken von Christian Vitalis...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Virtuose Höhenflüge: Michael Korstick unterstreicht seine hohe Liszt-Kompetenz. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Neuer 'Ring' vom Rhein: Dieses klangschöne und lebendige 'Rheingold' macht Laune und lässt die Vorfreude auf die weiteren drei Veröffentlichungen größer werden. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Kroatische Musiktragödie: Die kroatische Nationaloper 'Nikola Subic-Zrinjski' entfaltet auch außerhalb des Landes ihre musikalische Wirkung. Weiter...
    (Karin Coper, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/8 2020) herunterladen (3000 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Oscar Straus: Tragant-Walzer - Walzer Nr.1

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich