> > > Schumann, Robert: Klaviertrios Nr. 1 - 3
Donnerstag, 13. August 2020

Schumann, Robert - Klaviertrios Nr. 1 - 3

Schumanns Ton


Label/Verlag: ARS MUSICI
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Trio Jean Paul konfrontiert Robert Schumanns Klaviertrios mit denen von Wolfgang Rihm - eine lohenswerte, überaus überzeugende Wiederveröffentlichung.

Im Zuge der Wiederveröffentlichungen, die Membran in jüngster Zeit zugänglich macht, findet sich eine Doppel-CD mit Werken von Robert Schumann und Wolfgang Rihm – eine sowohl in der Zusammenstellung als auch in musikalisch-interpretatorischer Hinsicht vollauf gelungene Einspielung. Im Zentrum dieser ursprünglich vom Freiburger Musikforum herausgegeben, in Zusammenarbeit mit SWR entstandenen Aufnahme stehen Schumanns drei Klaviertrios, als Kontrast hierzu Wolfgang Rihms ‘Fremde Szenen I–III’, die zum Teil ausdrücklich auf Schumann rekurrieren; beigefügt ist zudem Rihms ‘Trio’ aus dem Jahr 1972, ein Werk, in welchem die Klangmöglichkeiten jener ‚möbellastigen Besetzung‘ (Rihm) des Klaviertrios erkundet werden.

Was diese Aufnahme zu einer einzigartigen Begegnung mit Schumanns Klaviertrios werden lässt, ist der interpretatorische Zugriff des Trio Jean Paul, sich zusammensetzend aus Ulf Schneider (Violine), Martin Löhr (Cello) und Eckart Heiligers (Klavier). Wie der Cellist in dem informationssatten Booklet schreibt, fokussiert das Trio Jean Paul die Beziehung zwischen Sprache und Musik, im Falle der Musik Robert Schumanns: die Vermittlung jener poetischen Musik, deren Bedeutung nicht durch rhetorische Formeln kommuniziert wird, sondern durch im musikalischen Satz versteckte Hinweise bzw. bedeutungs- und stimmungsvollen Ausformungen des Satzgewebes. Und in der Tat: Man meint – nicht erst, nachdem man die im Booklet formulierten Ideale der Musiker kennt – einen interpretatorische Grundhaltung wahrzunehmen, die ihr Ziel nicht in analytischer Transparenz findet; die lebendige Modellierung von musikalischen Charakteren ist es, was dem Ensemble als musikalisches Ziel vorzuschweben scheint. Dass in dem vielstimmigen Satzbild sich durchaus verschiedene Stimmungen und Charaktere überlagern, mehrere Zungen Unterschiedliches sagen, lässt quasi durch die Hintertür musikalische Durchsichtigkeit und konturenscharfe Umsetzung des musikalischen Satzes herein.

Im Kopfsatz des d-Moll-Trios op. 63 (1847) betont das Trio Jean Paul weniger die motorisch-bewegte Unruhe und Sprunghaftigkeit, sondern einen dunklen Grundton, der auch, weniger als Instrumentalfarbe denn in der harten Artikulation der harschen Punktierungen und manch gespenstischer Stimmung (zumal in der Durchführung) als Grundklang das Trio d-Moll im Gesamten bestimmt. Vor allem die vergleichsweise präsente Cellostimme ist es, die für die dunkle, herbe Tönung des Ensembleklangs sorgt; gleichzeitig ergibt sich dadurch eine ideale Balance, so dass der Flügel sich nicht in den Vordergrund spielen kann. Ungeschönt kommen in der Deutung durch das Trio Jean Paul die bissigen Kontraste zum Vorschein. Sich stützend auf Schumanns erste Einfälle, in denen, wie der Cellist im Booklet ausführt, artikulatorische Härten noch nicht, wie in den späteren Überarbeitungen im Hinblick auf die Drucklegung, eingeebnet waren, wird das Ausdrucksspektrum von Schumanns Kammermusik erlebbar, manchmal beinahe schmerzhaft deutlich, wenn sich süße Melodiefetzen mit überreizten Punktierungsfiguren abwechseln. Neben dem F-Dur-Trio op. 80, dessen Seitenthema des Kopfsatzes hier in der Fassung des Autographs erklingt, gelingt auch das spätere Trio g-Moll op. 110 (1851) wunderbar insistierend. Wie Schumann in den Trios zuweilen einen bestimmten Tonfall beinahe krampfhaft festzuhalten sucht, wird hier äußerst expressiv gestaltet – beinahe körperlich (peinigend) erfahrbar.

Vermittelt ist das kontrastierende Programm des Trio Jean Paul durch einen perspektivenreichen und sehr persönlichen Essay von Wolfgang Rihm über Schumanns Musik im Allgemeinen und insbesondere das Spätwerk. Den Schumann’schen Tonfall, den Rihm beschreibt, hat er in dem Mittelstück der ‘Fremden Szenen’, untertitelt mit ‘Charakterstück’ einzufangen versucht. Auch hier meint man Rihms Bemühen zu hören, einzelne musikalische Stationen, Stimmungen und Tonfälle festhalten zu wollen, obwohl der musikalische Fluss doch eine Bewegung fordert. Um beidem – dem Festhalten und dem Fluss – Tribut zu zollen, entwirft Rihm eine Musik voll kontrastierender Schärfen und minimaler Übergänge. Das Trio Jean Paul setzt dies mit klanglichem Feinsinn und hörbar großem Engagement überzeugend um. Rihm könnte sich kaum einen berufeneren Anwalt für seine ‘Fremden Szenen’ sowie das ‘Trio’ wünschen. Die Musiker des Trio Jean Paul setzen sowohl die expressiv zuweilen bis zum Bersten geladene Spannung energisch um, widmet sich gleichzeitig aber auch den essentiellen Klangnuancen und Beleuchtungswechseln der Musik.

Die Kontrastierung von Schumann und Rihm klappt hier wunderbar – nicht nur, weil in Rihms Musik durchaus Verbindungslinien zu Schumann gezogen werden können, sondern vor allem wegen der in allen Belangen exzellenten Umsetzung der Werke durch das Trio Jean Paul. Man kann getrost auf nicht wenige der jüngsten Wiederveröffentlichungen verzichten – auf diese nicht!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schumann, Robert: Klaviertrios Nr. 1 - 3

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
ARS MUSICI
2
26.10.2010
134:25
1999
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4011222322814
232281


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ARS MUSICI

Wenn man es genau nimmt, reichen die Wurzeln des Labels ARS MUSICI bis in die 1950er Jahre zurück. Damals gründete Rudolf Ruby in Freiburg i.Br. die Schallplattenfirma deutsche harmonia mundi, die Pionierleistungen mit inzwischen legendären Interpreten auf dem Gebiet der Alten Musik in Sachen Historische Aufführungspraxis vollbrachte. Nach dem Verkauf des Labels und Katalogs an die BMG setzte man seit 1994 in der Schwarzwald-Metropole die Arbeit unter dem neuen Firmennamen Freiburger Musik Forum GmbH fort. Das Label ARS MUSICI wurde ins Leben gerufen, und das Themen-Spektrum der Produktionen erweiterte sich von Musik des Mittelalters bis hin zu aktuellster zeitgenössischer Musik.
Schwerpunkte liegen seitdem in den Bereichen der vokalen Ensemblemusik (Solisten, vokalsolistische Ensembles, Chöre) sowie instrumentaler Musik (insbesondere Tasteninstrumente und Kammermusik). Seit dem nunmehr über 10-jährigen Bestehen des Labels erschienen zahlreiche Neuveröffentlichungen, die national wie international eine breite und positive Resonanz in der Fachwelt sowie bei Presse und Kritik fanden und von denen etliche mit bedeutenden Preisen ausgezeichnet wurden. Den Katalog zieren heute Namen wie Michael Korstick, Robert Hill, Lorenzo Ghielmi, Tabea Zimmermann, Henrik Wiese, Klavierduo Stenzl, Trio Jean Paul, Artemis Quartett, Ensemble Modern, Ensemble Aventure, Singer Pur, Dufay Ensemble, Augsburger Domsingknaben, Regensburger Domspatzen, Georg Ratzinger ... ? um nur einige wenige zu nennen.
Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit des Freiburger Musik Forums liegt in der Publikation von Tonträgern mit ausgezeichneten Interpreten der jungen Generation. So verbindet die Firma eine langjährige gute Zusammenarbeit mit dem Deutschen Musikrat. Mit der CD-Reihe PRIMAVERA hat das Freiburger Musik Forum im Auftrag des DMR seit ca. 25 Jahren zahlreichen Preisträgern des Deutschen Musikwettbewerbs ihre erste Chance gegeben, sich der Öffentlichkeit mit einer eigenen CD vorzustellen.
Mit dem Theodor-Egel-Saal in Freiburg Ebnet bietet die Firma einen idealen Raum für Tonträger-Aufnahmen ? in Zusammenarbeit mit erfahrenen Tonmeistern und einer rundherum sehr guten Betreuung der Künstler, die hier aufnehmen.


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